2024-10-13 - 20. Sonntag nach Trinitatis - (DE) - Pastorin Kornelia Schauf

2. Korinther 3, 1-6


predigt english


Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.


1 Fangen wir schon wieder an, uns selbst zu empfehlen? Oder brauchen wir – wie gewisse Leute – Empfehlungsschreiben an euch oder von euch?

2 Unser Empfehlungsschreiben seid ihr; es ist eingeschrieben in unser Herz und alle Menschen können es lesen und verstehen.

3 Unverkennbar seid ihr ein Brief Christi, ausgefertigt durch unseren Dienst, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf Tafeln aus Stein, sondern – wie auf Tafeln – in Herzen von Fleisch.

4 Wir haben durch Christus so großes Vertrauen zu Gott.

5 Doch sind wir dazu nicht von uns aus fähig gemacht, als ob wir uns selbst etwas zuschreiben könnten; unsere Befähigung stammt vielmehr von Gott.

6 Er hat uns fähig gemacht, Diener des Neuen Bundes zu sein, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes. Denn der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig.


Liebe Gemeinde

Eine Gemeinde braucht ein Leitbild, heißt es. 

Manche Kirchenleitungen sind davon überzeugt: wenn die Gemeinde weiß, wer sie ist und was sie will, dann geht es aufwärts. Und aufwärts ist in Zahlen gedacht: ausreichend Mitglieder, genug Einkommen.

Andere Gemeinden und Kirchenleitungen setzen ihre Hoffnung auf gute Pastoren und Pastorinnen. Sie sind überzeugt, wenn die Pfarrerin gut ist, dann geht es auch mit der Gemeinde gut. Auch da wird der Erfolg am Gottesdienstbesuch und an Mitgliederzahlen gemessen.

Ich kann beidem etwas abgewinnen und sehe auch den Sinn: Ja, es ist gut, wenn eine Gemeinde sich darüber verständigt, was sie leitet und was sie ausstrahlen möchte. Ebenso wichtig sind Pastoren – gute Pastoren und Pastorinnen.

Doch was macht ein Leitbild gut – was macht eine gute Gemeinde aus – was ist eine gute Pastorin? Um diese Fragen geht es im 2. Korintherbrief.

Die Gemeinde in Korinth ist Paulus ein Herzensanliegen. Von Anfang an war er dabei.  Und von Anfang an hatte er eine Idee, dass die Korinther eine gute Gemeinde sein sollen – ein Beispiel dafür, was es bedeutet als Gemeinde „Leib Christi“ zu sein. Ein Beispiel dafür, was es bedeutet, wenn Menschen sich als eine neue Gemeinschaft verstehen – nicht eine Gemeinschaft von Korinthern, sondern von Frauen und Männern, die durch den Geist Gottes sich als Schwestern und Brüder verstehen.

Paulus Leitbild für die Korinther ist: wer in Kontakt mit dieser Gemeinde kommt: wer sie besucht oder Gast ist oder Mitglied wird – der soll mit dem Geist Christi in Berührung kommen. Die korinthische Gemeinde ist für Paulus ein Ort, wo Gott sich offenbart und zeigt: mitten in einer turbulenten Hafenstadt – mitten in der chaotischen Vielfalt von Menschen mit unterschiedlicher Herkunft, mitten im harschen Welthandel und Geschäftsleben, mitten in der Erfahrung von Sklaverei und Herrschaft – da soll in und durch die Gemeinde etwas aufleuchten: ein anderer Geist. Ein Geist, der der Welt fremd ist und in der fremden Welt Geborgenheit und Heimat stiftet.
Hier, in der Gemeinde Christi leuchtet der Geist Gottes.

Und dieser Geist macht lebendig – mitten in einer Stadt, in der Menschen umkamen vor Sorgen und umkamen vor Armut. Mitten im blutigen wirtschaftlichen Konkurrenzkampf und in der Frage, wer zur Weltmacht aufsteigt – da ist Paulus getrieben von der eigenen persönlichen Christus-Begegnung: Menschliches Zusammenleben muss nicht immer vom Wettkampf und Gegeneinander bestimmt sein: Menschliches Zusammenleben hat nicht als wichtigste Frage: Wer gibt den Ton an? Wer setzt sich durch? Menschliches Zusammenleben nicht geprägt durch die Angst vor den Stärkeren und dem Krieg? Menschliches Zusammenleben nicht ausgerichtet an Macht und Gewalt.

Ihr Korinther – ihr Christen in Korinth: mit euch hat Gott etwas vor: Durch euch und in euch ist Gottes Geist in der Welt – ein Geist, den Paulus an anderer Stelle ausführlich beschreibt: Den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Im Galaterbrief, Kapitel 5 beschreibt Paulus die Früchte des Geistes:  Liebe, Freude, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Selbstbeherrschung. Und Paulus fügt dort hinzu: Wenn wir im Geist leben, dann lasst uns auch im Geist wandeln.

Und all dies steht für Paulus nun auf dem Spiel: In Korinth. In seiner Gemeinde, mit der er so viel Hoffnung verbindet. Seine Gemeinde ist nicht mehr so, wie er sie liebgewonnen hat. Seine Gemeinde hat sich verändert. Er fühlt sich nicht mehr zu Hause. Er fühlt, dass sie vom Weg abkommt. Er hat Angst um seine Gemeinde.

Hören wir diese Sorge, wenn jemand unter uns sagt: „Früher haben wir das so gemacht!“ Hören wir den Herzschmerz, der durch manche Veränderung in unserer Kirche oder Gemeinde bei einigen ausgelöst wird.

Da ist ein tiefer Schmerz bei Paulus wahrnehmbar. Er, der so lange voran gegangen ist. Ihm hatten sie vertraut. Er hat so viel geschafft. Und nun wird er fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel.

Paulus wird in den Hintergrund gedrängt. Die Gemeinde hat Vertrauen in ihn verloren. Jetzt sind da Apostel, die begeistern mit neuen Ideen – Apostel, die bei Paulus den Geist vermissen und sagen: Das ist doch alles viel zu formell. Da fehlt doch der Geist.

Wer misst den Geist Gottes?

Schlimmer geht es eigentlich nicht, als wenn ein Christ dem anderen seine Geistbegabung abspricht. Schlimmer kann ein Urteil nicht sein, als dass man sagt: Der Pastor macht nur seinen Job – er ist nicht mit dem Heiligen Geist begabt.

Paulus fragt: wie messt ihr den Heiligen Geist? Soll ich mich verteidigen, fragt er? Soll ich mich selbst empfehlen?

Paulus ist bitter enttäuscht.

Er zieht sich zurück. Er schreibt einen Brief. Vielmehr, er hat etliche Briefe geschrieben: die hier im 2. Korintherbrief zusammenkommen.

Paulus ringt mit seinen Gefühlen, er ringt mit der Gemeinde. Und er besinnt sich auf das, was eine Gemeinde lebendig macht: Der Geist Gottes.
Zu dieser Lebendigkeit gehört das Ringen. Zur Lebendigkeit gehört die Auseinandersetzung. Zur Lebendigkeit gehört das Enttäuscht werden und Vergeben. Zur Lebendigkeit einer Gemeinde gehört, dass nicht in Stein gemeißelt ist, wie die Gemeinde aussehen soll. 
Lebendigkeit bedeutet: da haben Menschen andere und neue Ideen. Da haben Menschen andere Vorstellung vom Heiligen Geist und da verändern sich die Bilder, in denen wir von und mit Gott reden.

Lebendiger Glaube – mitten in der chaotischen Welt, mit ihren großen Herausforderungen.
Paulus beruft die Gemeinde mit diesem Brief.

Ihr seid unser Empfehlungsschreiben!

Unverkennbar seid ihr ein Brief Christi.

Paulus stellt die Erfahrung in den Vordergrund: Eure Gemeinschaft ist in Christus gegründet. Ihr seid keine Gemeinschaft von Gleichgesinnten wie in einem Verein. Euch verbindet nicht ein Interesse: Rugby oder Musik oder das Kochen oder oder: Ihr habt nicht euch erwählt: Gott hat euch zusammengeführt: Eure Gemeinschaft ist in Christus gegründet.

Eure Gemeinschaft nicht in eurer Herkunft, nicht in eurer Sprache, nicht in eurem Status. Ihr seid eins in Christus.

Das ist und bleibt sein Leitbild. Damit können Differenzen ausgehalten werden. Dadurch wird die Berufung deutlich: Der Sinn der Gemeinde, ihre Bedeutung ist der Auftrag in der Stadt Korinth: dort aufleuchten zu lassen: wie so unterschiedliche Menschen zusammengehören.

Wo diese Berufung im Vordergrund bleibt: da ist Lebendigkeit.

Die Verheißung gilt weiter: Der Geist weht und lebt. Gottes Geist wirkt – nicht immer messbar – doch auf alle Fälle erfahrbar.

Der Geist macht lebendig.

Es ist herrlich, sagt Paulus, von diesem Geist beseelt zu predigen, zu ringen, zu beten, zusammenzukommen. Wir sind nichts aus uns selbst – wir sind befähigt durch Gott.
Darauf vertraut Paulus – und siehe: mehr als zweitausend Jahre später wirkt Gottes Geist noch immer durch seine Briefe.

Möge das Vertrauen unter uns wachsen, dass Gott wirkt durch uns – mit oder ohne Leitbild – mit oder ohne gute Pastoren. Gott wirkt – solange wir diese Hoffnung haben, vertrauen wir mit Paulus:
Weil wir solche Hoffnung haben, treten wir mit großem Freimut auf.

Möge unter uns dieses Vertrauen wachsen: dass in unserer Gemeinde und durch unsere Gemeinschaft Christus sichtbar wird in der Welt und wir unverkennbar ein Brief Christi sind.

Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. amen