Predigten - 2025

Römer 12, 9-16


predigt english


Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen


9 Eure Liebe sei ohne Heuchelei.

Verabscheut das Böse,

haltet fest am Guten!

10 Seid einander in brüderlicher Liebe zugetan,

übertrefft euch gegenseitig in Achtung!

11 Lasst nicht nach in eurem Eifer,

lasst euch vom Geist entflammen

und dient dem Herrn!

12 Seid fröhlich in der Hoffnung,

geduldig in der Bedrängnis,

beharrlich im Gebet!

13 Helft den Heiligen, wenn sie in Not sind;

gewährt jederzeit Gastfreundschaft!

14 Segnet eure Verfolger; segnet sie, verflucht sie nicht!

15 Freut euch mit den Fröhlichen

und weint mit den Weinenden!

16 Seid untereinander eines Sinnes;

strebt nicht hoch hinaus, sondern bleibt demütig. Haltet euch nicht selbst für weise!


Liebe Gemeinde,

Paulus war ein gelehrter Mann. Er kannte sich in der griechischen Philosophie aus. Er war sehr vertraut mit der jüdischen Heiligen Schrift. Heutzutage wäre er wahrscheinlich Professor geworden. Manche Sätze von Paulus, vor allem im Römerbrief nehmen kein Ende. Ich gebe euch ein Beispiel aus dem Römerbrief: „Denn wie die Sünde herrschte und zum Tod führte, so soll auch die Gnade herrschen und durch Gerechtigkeit zum ewigen Leben führen durch Jesus Christus“

Solche Sätze sind so schwer zu verstehen und beschäftigen seit 2000 Jahren viele weitere Gelehrte dieser Welt, die dann ebenso schwer verständliche Bücher schreiben. Theologie – für manche ist das wunderbar: zu denken und die Worte zu durchdringen. Jeden Buchstaben in die Waagschale zu legen und immer wieder nach der Bedeutung und dem rechten Verständnis zu fragen. Für manche wird durch solches Denken das Evangelium lebendig. Das Vergleichen mit anderen heiligen Schriften, Bekenntnissen…

Martin Luther hat das geliebt. Er war Professor durch und durch. Auch mir macht dieses theologische, wissenschaftliche Denken große Freude. Doch ich weiß, das geht nicht jedem so.

Und ich freue mich sehr, dass Paulus schon im ersten Kapitel seines Römerbriefes verspricht: „Griechen und Nichtgriechen, Gebildeten und Ungebildeten bin ich verpflichtet -mir liegt alles daran, euch in Rom das Evangelium zu verkündigen!

Diese Vorbemerkung ist ausgesprochen wichtig. Alles, was Paulus dann in seinem Brief schreibt: die komplizierten Gedanken und die schlichten praktischen Anweisungen sind für Paulus Evangelium. Bei unserem Predigttext geht es also nicht am Ende um die praktische Umsetzung dessen, was er bis dahin so kompliziert ausgedrückt hat, sondern Paulus stellt das Denken der großen Gelehrten auf eine Stufe mit dem Handeln von ungebildeten Menschen. Beides ist für ihn die Verkündigung des Glaubens.

Das möchte ich als erstes festhalten und unterstreichen. Die Bibelstunde in einer Gemeinde, in der die Schrift bis ins kleinste Wort ausgelegt wird und das Kaffeetrinken nach dem Gottesdienst sind beides Verkündigung des Evangeliums. Das eine ist nicht wichtiger als das andere.

Das war ein revolutionäres Denken, denn natürlich fanden sich die Gebildeten in Rom wichtiger als die Ungebildeten. machen. Wir bewerten! Ja, Paulus trifft mitten in ein Problem: die Versuchung, dass Menschen eine Rangordnung der Wichtigkeit. Wir schaffen ein Oben und unten. Wir teilen die Welt in Wichtige und Unwichtige.

Das vermeidet Paulus von Anfang an. Das ist für Paulus vielleicht sogar der wichtigste Gedanken, den er immer wieder ausführt und je nach Zuhörer unterschiedlich ausführt: den Gebildeten wird er ein Gebildeter und argumentiert mit deren Argumenten. Den Ungebildeten ist er ein Ungebildeter. Er wertet das praktische Handeln auf und stellt es auf die gleiche Stufe mit den Gebildeten!

Hier im letzten Teil des Briefes finden wir also Verkündigung. Das Evangelium ist nicht nur etwas, dass den Verstand bewegt, sondern auch Hände und Füße. Und wohl der Gemeinde, die beides für wichtig hält und nicht das eine wichtiger als das andere.

Gucken wir uns nun mal diese praktische Verkündigung an: dann geht es nämlich ganz bestimmt nicht um einen Katalog von Geboten, um vor Gott gut dazustehen. Nein, es geht darum, den Mitmenschen zur Gotteserkenntnis zu verhelfen: Es geht darum die Bedeutung von Jesus Christus für das Leben der anderen sichtbar zu machen. Es geht nicht um den, der den Katalog erfüllen muss. Also dass der, der das schafft gut dasteht. Es geht im Gegenteil darum, den anderen, den Mitmenschen, den Bruder und die Schwester im Blick zu behalten. Die Aufmerksamkeit geht weg von mir zu meinem Nächsten. Das ist Evangelium. Denn ich bin ja schon gerechtfertigt durch den Glauben. Ich habe das große Geschenk schon empfangen. Mir ist Gott schon begegnet.

Und auf 21 Weisen, denn hier sind 21 Empfehlungen, was wir als Gemeinde tun können, damit andere

Gott begegnen. In dieser Hinsicht sind Paulus Gedanken immer missionarische Gedanken: Sie bleiben nicht bei mir und meinem Glauben: Sie sind keine eigene, geistliche Nabelschau, sondern richten sich zum anderen.

Zu jedem dieser Haltungen wäre etwas zu sagen. Merkt ihr, wie das eine praktische Anleitung ist, den Glauben zu leben, damit andere erkennen, nicht damit ich gut bin.

Ich will nicht auf alles eingehen. Sondern ich nehme einen Gedanken, der für mich im Mittelpunkt steht! „Gewährt jederzeit Gastfreundschaft!“

Es gibt wenige griechische Wörter, von denen ich meine, dass jeder Christ sie wissen müsste. Ich bin nicht einmal sicher, ob das Erlernen der altgriechischen Sprache wirklich aus uns Theologen bessere Pastoren macht. Doch ein griechisches Wort, das lege ich euch ans Herz. Es ist das Wort für „Gastfreundschaft“ In der alten griechischen Sprache lautet es: Philoxenia: „Das ist die Liebe zu Fremden“ Und damit ist die Philoxenia das Gegenteil eines Wortes und einer Haltung, die uns in der weiten Welt sehr zu schaffen macht: die Xenophobia: Die Angst vor Fremden.

Philoxenia: eine Liebe für das Fremden, für den Fremden, für die Fremde!

Ja, das ist Evangelium pur. Denn, wem solche Offenheit geschenkt wird, solche Liebe, der hat eine der größten und gefährlichsten Ängste überwunden: die Angst vor dem, was man nicht kennt und die Angst vor denen, die wir nicht kennen.

Das zeichnet die christliche Gemeinschaft von Anfang an aus: die Offenheit: nicht nur eine Gruppe ist willkommen. Es ist keine Gemeinschaft, die andere ausschließt. Im Gegenteil: es ist eine neue Gemeinschaft, in der wir uns nicht voneinander abgrenzen, sondern einander zuwenden.

Damit werden wir, laut Paulus nicht aufhören. Denn, wenn wir damit aufhören, dann haben wir unseren Glauben verloren! Gewährt jederzeit Gastfreundschaft – bleibt offen! Dies gastfreundliche Haltung einer Gemeinde zeigt sich in auf unterschiedliche Weise: es ist eine theologische Entscheidung: Muss jemand erst etwas erfüllen, bevor er einen Platz in unserer Gemeinschaft hat: Schließen wir Menschen aus, deren Lebensstil uns nicht passt? Wann ist es soweit, dass wir jemanden ausschließen?

Keine einfache Frage? Ganz und gar nicht!

Gibt es Stufen der Gastfreundschaft? Jemand darf Tee trinken bei uns, aber nicht am Abendmahl teilnehmen? Und ist es berechtigt, jemanden auszuschließen?

Die Liebe zum Fremden mutet Paulus uns Gewohnheitsmenschen zu! Die Liebe zum Fremden und zu den Fremden ist eine Zumutung und ein Segen!

Jede und jeder wird das für sich anders beantworten: Manche lieben die Fremde und je fremder die Länder und Menschen, desto lieber reisen sie dahin. Es ist eine sehr wichtige, geistliche Übung, zu reflektieren, sich selbst kennenzulernen: Wie weit geht meine Liebe zum Fremden und zu den Fremden! Wo ist meine Grenze und warum setze ich sie? Ist sie berechtigt? Lasse ich mich wieder herausfordern. Die Liebe zum Fremden, die Philoxenia, die wir mit Gastfreundschaft übersetzen führt uns tief in Wesentliches – sie führt uns nämlich an den Punkt, wo wir erkennen: Ich selbst bin ein Gast und bin fremd in dieser Welt. Ich bin ein Fremder und werde fremd bleiben. Und um in dieser fremden Welt mich irgendwo und irgendwie Zuhause zu fühlen, muss mir Gastfreundschaft gewährt werden.

Gott selber ist Gastgeber! Das ist seine vornehmste und schönste und gnädigste Rolle: Dass Gott uns bewirtet in dieser Welt – unser Gastgeber ist in der Fremde.

Und wenn wir dann wieder rückwärts denken: Wie wir das ausstrahlen, dann ist tatsächlich, das Tee einschenken im Treffpunkt ein Gottesdienst und nicht weniger wichtig, wie die Verkündigung hier von der Kanzel.

Das ist, was Paulus mit diesen Zeilen im Römerbrief schreibt. Philoxenia anerkennt Unterschiede und eröffnet einen Weg sie zu überwinden!

Das bleibt eine Lebensaufgabe – für einzelne Christen und für uns als Gemeinde: Der Umgang mit Fremdem und mit Fremden braucht Raum und Zeit – Distanz und Nähe, Veränderung und Geborgenheit Vertrauen und Misstrauen -Neuem und Bewährtem. Eine vertrauensvolle Gastfreiheit und Gastfreundschaft ist nicht Ausdruck von Naivität und Harmlosigkeit. Es ist eine pure Lebens- und Glaubenskunst! Unser Gastgeber ist Gott. Das steht für Paulus im Mittelpunkt für Gebildete und Ungebildete.

Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen