Markus 4, 35-41
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.
Markus 4, 35-41
Und am Abend desselben Tages sprach er zu ihnen: Lasst uns ans andre Ufer fahren.
Und sie ließen das Volk gehen und nahmen ihn mit, wie er im Boot war, und es waren noch andere Boote bei ihm.
Und es erhob sich ein großer Windwirbel, und die Wellen schlugen in das Boot, sodass das Boot schon voll wurde.
Und er war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen.
Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm: Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen?
Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig! Verstumme!
Und der Wind legte sich und es ward eine große Stille.
Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?
Und sie fürchteten sich sehr und sprachen untereinander: Wer ist der, dass ihm Wind und Meer gehorsam sind! (Luther 2017)
Liebe Gemeinde,
Es gehört zu den schlimmsten und schwersten Erfahrungen im Leben von Menschen, wenn sie den Eindruck haben: Niemand nimmt wahr, was uns geschieht.
Die Jünger sind enttäuscht. Sie haben den Eindruck, Jesus fragt nichts danach, dass sie umkommen.
Mich erschüttert, wieviele Menschen in der Welt mit diesem Eindruck leben: Niemand fragt danach, dass sie umkommen.
Vor zwei Wochen wurde etwa 60 Kilometer von hier 51 Busse angesteckt. Der Krieg mit den Taxiunternehmen.
Hunderte von Hausangestellten und Gärtnern, Kassiererinnen konnten nicht bei ihrer Arbeit in Pretoria erscheinen.
Das hat bei manchen von ihnen Furcht ausgelöst: „Wird man mir glauben?“ „Verliere ich meine Arbeit?“
Noch viel schlimmer: es hat Erinnerungen geweckt an die späten 80iger Jahre, als Menschen verbrannt wurden in Townships.
„Fragst du nichts danach, dass wir umkommen?“
Vergangene Woche war ich in Nairobi – es war die jährliche Regionale Afrikakonferenz. Wir haben zum Thema gearbeitet: „Wo ist Gott?“ „ Wo ist er und hinterhergefragt: Wo ist er nicht?“
Wir haben sehr unterschiedliche Orte aufgesucht: faszinierende Landschaft. Zum Sonnenaufgang haben wir am Donnerstag am Great Rift Valley, dem großen Grabenbruch gestanden, der von Israel bis Mozambik reicht.
Am vorhergehenden Tag waren wir in Kibera: einem der größten „Slums“, wie die Kenianer selbst sagen.
Unser Besuch hat Freude ausgelöst: da interessieren sich Menschen für uns. Unser Schicksal ist ihnen nicht egal.
Wie oft habe ich das schon in meinem Leben erlebt: Das Aufatmen und die Freude von Menschen, die besucht und wahrgenommen werden in ihrem Leiden. Das können
Menschen im Township sein. Das kann ein schwerkranker Mensch im Krankenhaus auf der Intensivstation sein. Das kann ein altes Ehepaar im Altenheim sein. Das können Babies und Kinder sein, die schwer eingeschränkt sind. Es können Dorfbewohner in abgeschiedenen Regionen dieser Welt sein, die wie abgeschnitten sind von der Entwicklung der Großstädte.
Es können Forscher sein, deren Ergebnisse kaum jemand ernst nehmen will.
Es können junge Leute sein, die sich vor dem Klimawandel fürchten und ohne Hoffnung leben.
Ja, da gibt es so viele unterschiedliche Menschen, die wahrgenommen werden möchten in ihrem verschiedenen Leiden. Es bedeutet ihnen etwas, wenn jemand fragt, wie es geht. Es bedeutet etwas, wenn sie wahrgenommen werden und den Eindruck gewinnen: Wir bedeuten der Welt etwas.
„Fragst du nichts danach, dass wir umkommen!“
Größer kann der Zweifel nicht sein. Die Jünger, die doch nun schon eine Weile mit Jesus unterwegs waren, wissen nicht weiter.
Ein Sturm kommt auf.
Der Zweifel schlägt zu.
Ein Sturm, von dem sie nicht wissen, ob ihre Segel stark genug sind, ob das Boot stand hält, ob ihre Fähigkeiten reichen, ob sie durchkommen durch den Sturm.
Und der, dem sie bisher vertraut haben und zugetraut haben, dass er sie im Sturm beschützt, der schläft.
Er fragt offensichtlich nichts danach, was in ihrem Leben los ist.
Für Markus steht hier auf dem Spiel, ob Jesus den Erwartungen gerecht wird. Ist er der Messias oder ist er es nicht. Ist Jesus in der Lage, durch Stürme zu begleiten oder nicht.
Ist er der jüdische Retter, auf den Israel wartet.
Seit Psalm 121 weiß jeder Jude: der Hüter Israels, er schläft noch schlummert nicht. Und nun liegt Jesus schlafend im Boot.
Haben sie sich geirrt?
Wer von euch hat noch nie daran gezweifelt, ob Jesus die Kraft hat, zu erlösen und befrein?
Wer von euch hat noch nie den Eindruck gehabt, allein zu sein und auf sich selbst geworfen: Keiner der danach fragt, ob man durchkommt oder nicht.
Markus beschreibt die größte Verlorenheit, die ein Mensch fühlen kann. Markus kennt die Einsamkeit, die ein aufkommender Sturm auslösen kann: Markus weiß, wie groß und überwältigend die Angst werden kann.
Die Jünger fassen allen Mut zusammen. In ihrer Not machen sie keinen verzweifelten Versuch, sich selbst zu retten. Sie wecken Jesus auf. Sie fragen nach. Sie wollen nicht im Ungewissen bleiben.
„Fragst du nichts danach, dass wir umkommen?“
Doch Jesus fragt danach. Er sieht ihre Angst vor dem Sturm und stillt ihn.
Das ist das erste, was er tut.
Dann erst fragt er: „Warum habt ihr soviel Angst?“
Erst stillt er den Sturm – das ist mir wichtig. Er nutzt nicht die Gelegenheit, seine Jünger vorzuführen und mitten im Sturm zu fragen: Warum habt ihr soviel Angst?
Die Jünger erleben, woran sie gezweifelt haben: da wendet sich mitten in der Angst etwas zum Guten.
Wenn sie sich schon ertrinken sehen, wenn sie gar keine Vorstellung mehr haben, wie das Boot sicher am anderen Ufer landet – da erfahren sie Jesus in neuer Weise.
Da entwickelt und entfaltet Jesus eine Kraft, die sie nicht vermutet haben.
Der Schlafende wacht auf. Er wird lebendig. Und so kurz nach dem Schlaf ist er so wirksam, so stark, so tröstend wie sie ihn kannten.
Jetzt wissen sie, Jesus schläft und schlummert nicht, wenn es drauf ankommt. Jesus ist ganz Mensch – mit dem menschlichen Bedürfnis nach Schlaf und er ist ganz Gott: hellwach
in der Not.
Doch, so erfahren die Jünger: Jesus fragt nach ihnen. Jesus hat Mitgefühl mit ihrer Angst. Er stillt aber nicht nur den Sturm, sondern erweckt neuen Glauben. Sie werden mit einer neuen Furchtlosigkeit gesegnet.
Das ist ein Vertrauen, das entsteht, wenn Menschen in der Not nicht allein gelassen werden.
Letzte Woche in Kibera: Stolz haben uns Bewohner aus dem Slum ein Projekt gezeigt:
Deutsche Fördermittel und einzelne Menschen, denen es etwas ausgemacht hat, dass
Menschen umkommen. Da ist ein Projekt entstanden: Mitten im Slum: ein Ort voller Hoffnung.
Neulich im Babytherapiezentrum: ich war mit einem Gast aus den Niederlanden dort. Stolz haben uns Mitarbeiterinnen gezeigt, was sie tun und deutlich wurde, wie sehr sie für die Kinder da sind. „Das ist kein Job – das ist eine Lebensaufgabe!“
Für mich ist das eine der wichtigsten und größten Berufungen in der Nachfolge Jesu: Dass wir als Gemeinden Orte sind, wo Menschen merken: Da werde ich wahrgenommen in meiner Not.
Dass ist unsere Berufung und Aufgabe in der Welt, an die Orte zu gehen, wo Stürme toben und aufkommen: und dort unseren Glauben bezeugen.
Den Glauben an einen Gott, der weder schläft noch schlummert, sondern hellwach, auferweckt und lebendig bei denen ist, die in Not sind.
Da, wo der Eindruck entstehen könnte, dass niemand mehr danach fragt, dass Menschen umkommen: da ist Gott.
Da ist er, wirkt manchmal viel zu schweigsam – als wäre Gott selbst müde und kraftlos.
Doch da wirkt er. Menschen wecken Gott auf. Menschen erinnern Gott an sein
Versprechen: Menschen halten sich fest an Gottes Verheißungen. Menschen fragen nach:
Gott, fragst du noch danach oder ist es dir egal, dass wir umkommen?
Lasst uns mutig und furchtlos zusammen mit Gott da sein, wo Stürme aufkommen. Lasst uns erleben; wie Gott sie zum Schweigen bringt und unser Vertrauen wächst.
Lasst uns so glauben, dass wir vertrauen: Wenn ein Sturm aufkommt – dann wird da auch neues Leben entstehen! Mitten im Sturm die Wende zur Furchtlosigkeit und neuem Glauben.
Heute wünsche ich euch einen ruhigen Sonntag – geborgen im Frieden Gottes. Dem Gott, der nicht schläft, noch schlummert.
Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen
