Predigten - 2025

Prediger 7, 15-18


predigt english


Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

Eine Vorbemerkung

Wir haben es heute mit einem Text aus dem Buch Prediger zu tun. Das ist ein Buch, das in die Kategorie: „Weisheitsliteratur“ gehört.

Weisheit ist der Versuch, mit der Welt fertig zu werden – trotz ihrer Ungerechtigkeiten, trotz Unglück und manchem Unverständlichen.

Weisheit ist in der Erfahrung gegründet – nicht in der Logik.


15 Dies alles hab ich gesehen in den Tagen meines eitlen Lebens: Da ist ein Gerechter, der geht zugrunde in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Gottloser, der lebt lange in seiner Bosheit.

16 Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest.

17 Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor, damit du nicht stirbst vor deiner Zeit.

18 Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt; denn wer Gott fürchtet, der entgeht dem allen.


Liebe Gemeinde,

„Da ist nichts, was es nicht gibt!“, stellt manchmal jemand erstaunt fest. Es bleibt immer wieder überraschend, wahrzunehmen, was wir in unserem flüchtigen Leben so alles erleben.

Auch der Prediger staunt. „Das gibt´s doch nicht!“ klingt zwischen den Zeilen hindurch. Unvorstellbar, dass das Leben so ungerecht sein kann. Unfassbar, dass guten Menschen böse Dinge widerfahren.

Unglaublich, dass das Leben so ist, wie es ist.

Der Prediger konfrontiert uns mit einer schweren Lebenserfahrung: das Leben ist anders, als wir es uns wünschen oder erhoffen.

Menschen handeln anders, als wir es für richtig halten.

Es gibt so viel Empörung: „Das kann doch nicht wahr sein…“ beginnen solche Sätze. Das kann doch nicht wahr sein, dass Menschen so korrupt sind und damit durchkommen. Es kann doch nicht wahr sein, dass manche so hilfsbereit und zugewandt leben, voller Mitgefühl und andere sich überhaupt nicht darum scheren, wie es ihrem Nachbarn geht.

Es kann doch nicht wahr sein, dass die einen für ihre Arbeit Millionen verdienen und die anderen, die sich körperlich kaputt machen kaum genug zum Leben haben.

Ach, die Liste würde lang: die Liste über das, was uns in uns Empörung auslöst.

Beim Prediger ist keine Empörung zwischen den Zeilen zu finden und das ist wirklich weise.

Sobald ich mich empöre und aufrege über andere: da mache ich meine Wahrheit zur absoluten Wahrheit.

Wer sich empört, der will einfach nicht verstehen, dass es anders ist, als er es sich wünscht.

Doch darauf stößt der Prediger uns: Im Leben machen wir Erfahrungen, die wir nicht verstehen und nicht einordnen.Je mehr wir uns empören, je weniger wir verstehen und je mehr Widerstand sich in uns bildet, desto mehr leiden wir.

Das kann uns die Lebensfreude rauben und wir können bitter werden.

Was nutzt das? Was nutzt meine Empörung und meine Bitterkeit?

Da setzt der Prediger mit seiner Weisheit ein: hört auf, zu vergleichen und hört damit auf, dass eine für gut zu bewerten und das andere für schlecht.

Es gibt dazu eine kleine, sehr eindrückliche Erzählung. Vielleicht habt ihr sie schon einmal gehört:

„Ein alter Mann lebte zusammen mit seinem einzigen Sohn auf einer kleinen Farm. Sie besaßen nur ein Pferd, mit dem sie die Felder bestellen konnten und kamen gerade so über die Runden. Eines Tages lief das Pferd davon. Die Leute im Dorf kamen zu dem alten Mann und riefen “Oh, was für ein schreckliches Unglück!” Der alte Mann erwiderte aber mit ruhiger Stimme: “Wer weiß…, wer weiß schon, wozu es gut ist?” Eine Woche später kam das Pferd zurück und führte eine ganze Herde wunderschöner Wildpferde mit auf die Koppel. Wieder kamen die Leute aus dem Dorf: “Was für ein unglaubliches Glück!”

Doch der alte Mann sagte wieder: “Wer weiß…, wer weiß schon, wozu es gut ist?” In der nächsten Woche machte sich der Sohn daran, eines der wilden Pferde einzureiten. Er wurde aber abgeworfen und brach sich ein Bein. Nun musste der alte Mann die Feldarbeit allein bewältigen. Und die Leute aus dem Dorf sagten zu ihm: “Was für ein schlimmes Unglück!” Die Antwort des alten Mannes war wieder: “Wer weiß…, wer weiß schon, wozu es gut ist?” In den nächsten Tagen brach ein Krieg mit dem Nachbarland aus. Die Soldaten der Armee kamen in das Dorf, um alle kriegsfähigen Männer einzuziehen. Alle jungen Männer des Dorfes mussten an die Front und viele von ihnen starben. Der Sohn des alten Mannes aber konnte mit seinem gebrochenen Bein zu Hause bleiben. “Wer weiß…, wer weiß, wozu es gut ist?”

Diese Geschichte ist eine kleine Einleitung in die Weisheitsliteratur, zu der auch der Prediger gehört.

Sie ist Lebensweisheit, keine Dogmatik. Es sind keine Sätze, die in Stein gemeißelt sind, sondern

Weisheit ist eine Haltung, mit der Menschen schwere Lebensphasen bewältigen.

Solche Weisheit ist menschliche Weisheit – es ist wohlgemeinter Rat von Mensch zu Mensch.

Es ist die Zuwendung zum Schicksal des anderen und der Versuch, ihm oder ihr irgendwie hilfreich zur Seite zu stehen.

Weisheit hat viel mit Aushalten zu tun – weniger mit Erklären.

Weisheit hat viel Mit aufmerksamen Wahrnehmen zu tun, weniger mit absoluten Wahrheiten.

Weisheit ist der Versuch zu Verstehen – kein wissenschaftlicher Versuch, sondern ein fertig werden mit dem, was kaum zu bewältigen ist – Weisheit ist Heilkraft für die Seele.

Weisheit redet wenig von Gott und ist doch ganz in ihm gegründet. Weisheit vereinnahmt nicht, sondern eröffnet – sie macht Gott nicht klein, sondern erweitert den Horizont so, dass Gott überall wahrzunehmen ist.

Darum wird in der Weisheit recht wenig von Gott gesprochen – denn Gott wird in der Weisheit nicht erklärt und eingefangen, sondern Gott wird zum Ursprung und Ziel.

Darum: nehmt es hin: diesen Text, diese Predigt: als eine unter vielen: ein Impuls, ein Gedankenanstoß, ein Versuch, in allem Schweren und Unvorstehbaren, in aller berechtigten Empörung, in allem Entsetzen und in aller Angst, doch froh und zuversichtlich zu bleiben.

Wer weiß, wozu es gut ist?

Der Friede Gottes bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen