Hebräer 4, 14-16
Ein junger Soldat, der im amerikanischen Bürgerkrieg für die Unionsarmee kämpfte, verlor in den Kämpfen sowohl seinen Vater als auch seinen Bruder. Er musste zu seiner Familie zurückkehren, um seiner Schwester und seiner älteren Mutter bei der Frühjahrspflanzung auf der Farm zu helfen.
Also begab er sich nach Washington DC, um den Präsidenten um eine Freistellung vom Militärdienst zu bitten. Als er in Washington ankam, ging er direkt zur Tür des Weißen Hauses und bat darum, mit dem Präsidenten sprechen zu dürfen. Ein Beamter der Wache stand da und sagte:
„Sie können den Präsidenten nicht sehen. Der Präsident ist viel zu beschäftigt, um Sie zu empfangen.” Gehen Sie wieder raus und kämpfen Sie, wie es sich gehört.“
Also verließ der junge Soldat das Weiße Haus, ohne zu wissen, wie er seiner Familie die schlechte Nachricht überbringen sollte. Als er auf einer Parkbank in der Nähe saß, kam ein kleiner Junge auf ihn zu und fragte: „Warum bist du so unglücklich? Was ist denn los?“
Der Soldat sah den Jungen an und begann, ihm sein Herz auszuschütten. Er erzählte dem Kind, dass er der einzige Mann in seiner Familie sei, da sein Vater und sein Bruder getötet worden seien. Er wurde dringend auf der Farm gebraucht, und der einzige, der ihm das ermöglichen konnte, war der Präsident selbst.
Der kleine Junge sagte einfach: „Komm mit mir.“ Der Junge nahm ihn an der Hand und führte den Soldaten zurück zum Weißen Haus. Sie gingen durch die Hintertür, vorbei an den Wachen, an den Generälen, an den hochrangigen Regierungsbeamten, bis sie zum Büro des Präsidenten gelangten.
Der kleine Junge klopfte nicht einmal an, er öffnete die Tür einfach und trat ein. Dort stand Präsident Abraham Lincoln hinter einem Schreibtisch und studierte zusammen mit dem Außenminister Schlachtpläne.
Der Präsident schaute auf und sagte: „Oh, was kann ich für dich tun, Todd?“ Der kleine Junge schaute auf und antwortete: „Papa, dieser Mann muss mit dir sprechen.“
Um eine ähnliche Begebenheit geht es im heutigen Bibeltext. Er stammt aus dem Hebräerbrief. Das Thema dieses ganzen Briefes ist: "Werft euer Vertrauen, euern Glauben nicht weg!” Der Brief wendet sich bis heute an müde gewordene Christen und Gemeinden.
In der Adressatengemeinde des Textes lebte der Zweifel, dass Gott sich zurückgezogen, dass er sein Volk vergessen hat. Es sich selbst überlässt. Der Hebräerbrief ist eine Predigt an eine angefochtene, an eine verzagte Gemeinde. Wahrscheinlich lebte sie in Rom in äußerer Bedrängnis. Sie war eine kleine Minderheit in der Hauptstadt des Römischen Reiches. So genau wissen wir das nicht.
Aber wie es ihr ging, davon erzählt der Hebräerbrief: Die kleine Gemeinde war Repressalien ausgesetzt, manche wurden in der Arena zum Schauspiel gemacht, andere mussten ihren Besitz hergeben. Wer also will es verdenken, dass Gemeindeglieder verzagte Herzen, schwankende Knie, müde Hände haben. Das bestimmt den Alltag der Gemeinde. Mitten hinein in diese angefochtene Situation schreibt der Hebräer ein „Wort tröstlicher Ermahnung“. So hat man damals in der jüdischen Synagoge die Predigt bezeichnet: „Wort tröstlicher Ermahnung“.
In diese Situation spricht unser Predigttext. Ich lese aus Hebräer 4 die Verse14-16:
Weil wir denn einen großen Hohenpriester haben, Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat, so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis.
Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde.
Darum lasst uns freimütig hinzutreten zu dem Thron der Gnade, auf dass wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden und so Hilfe erfahren zur rechten Zeit.
Dazu drei Gedanken:
1. Jesus der Hohepriester
Was die Predigt an die Hebräer auszeichnet, ist die Hohepriesterlehre – einzigartig für das Neue Testament. Der Hohepriester bei den Juden trat einmal im Jahr vom Tempel durch einen Vorhang ins Allerheiligste des Tempels, um dort für das Volk Fürbitte zu halten. Einmal im Jahr – so der Glaube der Juden – hatte er im Allerheiligsten direkten Zugang zu Gott.
Jesus, der in unserem Predigttext als Hohepriester bezeichnet wird, gibt sich selbst hin, damit alle Menschen Zugang zu Gott haben können. Der Vorhang zum Allerheiligsten ist Karfreitag zerrissen. Der Sohn Gottes und himmlische Hohepriester wurde wie wir Menschen versucht (siehe Evangeliumslesung), aber er erlag nicht der Versuchung und er sündigte nicht – anders als alle anderen jüdischen Hohepriester. Er leidet mit uns Menschen mit. So kann er auch heute mitfühlen, helfen und retten.
2. Ein anderes Weltbild
Gottes hat am Anfang zwei Welten geschaffen: die sichtbare Welt und die unsichtbare Welt (Nizänisches Glaubensgekenntnis). In dieser himmlischen Wirklichkeit (heaven), von deren Existenz der Glaube fest überzeugt ist und die nur mit den Augen des Glaubens geschaut werden, befinden sich die himmlischen Himmel.
Unsere reale Welt und die unsichtbare Welt mit dem “Allerheiligsten” (mit dem Thron Gottes) werden durch einen »Vorhang« voneinander getrennt. Das Weltbild veranschaulicht, was der Autor meint, wenn er vom himmlischen Hohenpriester sagt, er habe die Himmel durchschritten. Es beschreibt den Weg Jesu von der Welt bis hinein ins himmlische Allerheiligste.
Er wird für seine Schwestern und Brüder zum Vorläufer und geht ihnen voran durch den Vorhang hindurch zum Ort Gottes. Dort hält er Fürsprache für die Glaubenden - nicht erst in Zukunft sondern jetzt, heute!
3. Unterwegs auf der Erde, verankert im Himmel
Im Hebräertext wird dieses mit dem Bild eines Ankers verdeutlicht (Kap 6):
“[...] wir haben unsere Zuflucht dazu genommen, die dargebotene Hoffnung zu ergreifen. In ihr haben wir einen sicheren und festen Anker der Seele, der hineinreicht in das Innere hinter dem Vorhang; dorthin ist Jesus für uns als unser Vorläufer hineingegangen, er, der Hohepriester ist auf ewig.”
Das Bild vom Anker, der bis in den Himmel reicht, hat tröstlichen Charakter. Wenn wir fest im Glauben stehen, reicht die Ankerkette vom Himmel bis auf die Erde. Ein fester Anker ist nicht so einfach zu lösen – auch wenn es am anderen Ende („unterwegs auf der Erde“) etwas stürmischer und ungemütlicher wird.
Diese Zuversicht wird für die Glaubenden hier auf der Erde zum Anker der Seele im himmlischen Allerheiligsten. Unterwegs auf der Erde, verankert im Himmel.
Das ist die tröstliche Botschaft für uns Christen auf der Welt. Der Verfasser ermutigt die Gemeinde, der Resignation zu widerstehen und am Bekenntnis zu Jesus Christus festzuhalten. „Lasst uns..
- ... Festhalten am Bekenntnis Jesu
- ... uns freimütig hinzutreten zu dem Thron der Gnade, auf dass wir Barmherzigkeit empfangen und Hilfe erfahren. Heute und ewig.
Ermutigend und tröstlich für die angefochtene und versuchte Gemeinde ist, dass wir es dem Psalmbeter nicht nur am Sonntag Invocavit gleichtun und auf Gottes Zusage vertrauen dürfen: „Wenn wir ihn anrufen, dann hört er uns“ (Ps 91,15). Wir können ihn immer und überall anrufen!
Jesus ist unser Anker. Unser Brückenbauer. Unser Fürsprecher. Unser Hohepriester. Unser Übersetzer. Er betet für uns beim Vater. Er übersetzt unser “Stammeln” In die Sprache Gottes.
Das hohepriesterliche Gebet Jesu (nach Johannes 17)
Jesus hob seine Augen auf zum Himmel und sprach:
Ich habe deinen Namen __________ offenbart, die/den du mir aus der Welt gegeben hast. Sie/er war dein, und du hast sie/ihn mir gegeben, und __________ hat dein Wort bewahrt. Nun weiß __________, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir kommt. Denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich __________ gegeben, und sie/er hat sie angenommen und wahrhaftig erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und glaubt, dass du mich gesandt hast.
Ich bitte für __________. Nicht für die Welt bitte ich, sondern für die, die du mir gegeben hast, denn sie sind dein. Und alles, was mein ist, das ist dein, und was dein ist, das ist mein; und ich bin in ihnen verherrlicht. Und ich bin nicht mehr in der Welt; __________ aber ist in der Welt, und ich komme zu dir.
Heiliger Vater, erhalte __________ in deinem Namen (…). Solange ich bei ihnen war, erhielt ich __________ in deinem Namen, (…) und ich habe __________ bewahrt (…). Nun aber komme ich zu dir, und dies rede ich in der Welt, auf dass meine Freude in __________ vollkommen sei.
Ich habe __________ dein Wort gegeben, und die Welt hasst sie/ihn; denn sie/er ist nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin. Ich bitte nicht, dass du __________ aus der Welt nimmst, sondern dass du __________ bewahrst vor dem Bösen. __________ ist nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin.
Heilige sie/ihn in der Wahrheit; dein Wort ist die Wahrheit. Wie du mich gesandt hast in die Welt,
so habe auch ich __________ in die Welt gesandt. (…)
Ich bitte aber nicht allein für __________, sondern auch für die, die durch ihr/sein Wort an mich glauben werden, dass sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, auf dass die Welt glaube, dass du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, auf dass sie eins seien, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir, auf dass sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst. (…)
Gerechter Vater, die Welt kennt dich nicht; ich aber kenne dich, und __________ hat erkannt,
dass du mich gesandt hast. Und ich habe ihr/ihm deinen Namen kundgetan, damit die Liebe,
mit der du mich liebst, in __________ sei und ich in ihr/ihm.
