Predigten - 2025

Johannes 3, 14-21


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Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des

Heiligen Geistes sei mit uns allen.

Amen

Liebe Gemeinde,

Johannes schreibt sein Evangelium etwa um 100 nach Christus.

Das sind 70 Jahre nach der Kreuzigung.

Das sind 30 Jahre nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem.

Damit ist der Aufstand der Juden gegen die römischen Besetzer beendet.

Eigentlich war das Römische Reich für seine Toleranz in Sachen Religion bekannt. Offiziell war die jüdische Religion anerkannt. Solange die Bewohner dem Kaiser gaben, was dem Kaiser zustand, konnten sie im privaten Bereich glauben, was sie wollten. So war die gesetzliche Lage.

Doch Judäa ist weit entfernt von Rom. Und es gab gierige Stadthalter, die den Juden das Leben schwer machten. Und es gab jüdische Fanatiker, die einen unabhängigen Staat Israel wollten. Sie wollte frei sein von der römischen Herrschaft. Das führte zu militärischen Auseinandersetzungen. Ein Krieg. Die Zerstörung des Heiligtums. Seitdem ist der Tempel zerstört.

Mit der Zerstörung des Tempels endete das antike Judentum. Dann gab es keine Priester, keine Tieropfer, keine Wallfahrten mehr. Das rabbinische Zeitalter begann.

Als Johannes schreibt, war das 30 Jahre lang her. Längst gibt es neben den jüdischen

Gemeinden christliche Hauskirchen. Christen erleben Ähnliches wie die Juden: Solange sie den Kaiser akzeptieren, wird ihr Glaube toleriert. Privat, in ihren Häusern können sie beten, was und so viel sie wollen. Doch viele Christen nehmen ihre öffentliche Verantwortung wahr. Sie stellen sich in die Tradition von Propheten. Sie setzen sich ein für diejenigen, die auf der Schattenseite der Macht leben. Sie kümmern sich um Witwen und Waisen. Sie sprechen von sozialer Gerechtigkeit. Den Kaiser beten sie nicht an – er ist kein Gott für sie.

So werden sie dem Kaiser ein Dorn im Auge. Viele Christen werden verfolgt. 70 Jahre nach der Kreuzigung erleben sie das, was ihrem Herrn und Meister, ihrem Freund Jesus angetan wurde.

In dieser Situation schreibt Johannes. Er stellt sich vor, dass ein Oberer der Juden, den er Nikodemus nennt und Jesus selbst die Gelegenheit haben, miteinander zu sprechen.

Das Gespräch findet mitten in der Nacht statt. Johannes beschreibt es als vertrauensvolles Gespräch zweier Männer, die zu getrennten Religionen gehören. Im Verborgenen, in der Nacht ist es möglich, dass ein Oberer der Juden und Jesus sich so unterhalten. Es ist nicht nur möglich, sondern es ist dringend notwendig. Denn es ist Nacht. Johannes sät eine Saat: Juden und Christen verbindet etwas. Gemeinsam können sie die Nacht überleben und überwinden.

In diesem Gespräch geht es um die Frage des Reiches Gottes. Wer vom Reich Gottes spricht, stellt dem Römischen Reich etwas gegenüber. Das Reich Gottes unterscheidet sich wesentlich gegenüber dem, was die Juden und die Christen, die in der Tradition von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit stehen, im Römischen Reich erleben.

Hier steht auf dem Spiel, wie Jesus Christus zu verstehen ist. Hier steht auf dem Spiel, welchen Gott und welchen Christus wir verkündigen.

Nikodemus und Jesus unterhalten sich darüber, wie das Reich Gottes wachsen kann. Wächst es, indem man sich mit den weltlichen Herrschern verbindet und sich mit Diktatoren arrangiert und ihn ihnen womöglich sogar einen Retter sieht oder wächst es, indem man mitten in der Nacht darauf vertraut, dass neues Leben, neuer Frieden entstehen kann.

Johannes holt Jesus zurück in die Welt. Der Auferstandene Jesus – seit 70 Jahren im Himmel – den holt Johannes durch sein Evangelium zurück. Mit seinen Worten, in diesem Gespräch ist Jesus lebendig. Er ist wirksam.

Liebe Gemeinde,

beim Blick in die gegenwärtige Welt, kann dieses Gespräch nicht aktueller sein. Ich nehme das Anliegen von Johannes auf: den Wunsch, Jesus zurück in die Welt zu holen. In diese gottlose Welt, in der Herrscher sich die Welt aufteilen und mit ihrem militärischen Wahnsinn über Leichen gehen.

Johannes holt Jesus zurück in die Welt und ermutigt die damaligen christlichen Gemeinden, dass das ihre Aufgabe ist: Orte zu sein, an denen Jesus lebendig und wirksam ist.

Johannes erinnert an Mose: an die Schlangen in der Wüste. Das steht im vierten Buch

Mose, Kapitel 21

Was damals geschah: Viele Juden murrten, weil ihnen der Preis der Freiheit hoch erschien. Zurück in die ägyptische Gefangenschaft wollten sie, weil sie manchen Luxus vermissten: Plötzlich waren es die vollen Fleischtöpfe Ägyptens, die ihnen attraktiv erschienen. Das Volk war verdrossen. Die Schuld suchten sie bei Gott und bei Mose. Verbissen sind sie in ihrem Wunsch nach einem komfortableren Leben – Schlangen wie im Paradies. Verführung der Befreiten. Verführung derer, die mit Gutem gesegnet sind, sich für das Böse zu entscheiden. Gott spricht zu Mose und lässt ihn eine Schlange aus Metall machen, die er um eine Stange wickelt. Wer so verbissen ist, soll diese Schlange anschauen und leben. Ein Gegenmittel gegen die Gefahr von Angst und Empörung. Ein Gegenmittel gegen die Gier nach mehr Luxus und Konsum. Ein Gegenmittel gegen die Gefahr sein Vertrauen in Gott gegen das Vertrauen in Diktatoren einzutauschen.

Johannes erinnert an diese alte Geschichte und deutet auf diese Weise die Kreuzigung. Jesus Christus um eine Stange gewickelt – er auf ihn schaut, widersteht der Versuchung, sich mit ruchlosen Autokraten zu verbinden. Johannes holt den leidenden Christus in die Welt zurück. Der wirksame Christus ist der Christus, der gelitten hat. Der Christus, der die Welt rettet ist nicht kein militärischer Anführer oder Herrscher wie der römische Kaiser. Nein, der rettende Christus ist eine Diener der Menschlichkeit, ein Friedefürst, ein Kind eines liebenden Gottes.

Dieser Gott verwüstet nicht die Welt und macht sie sich untertan wie die Ritter in den Kreuzzügen oder der Kaiser von Rom. Mitten in der Nacht, in der Zeit, wo auch Christen in der Versuchung sind Böses mit Bösem zu vergelten, da holt Johannes den gekreuzigten in die Welt. Schaut auf ihn: So widersprüchlich und geheimnisvoll es auch ist: das Reich Gottes wächst, wo Gemeinden in der Liebe gegründet bleiben und Orten sind, an denen Verletzte geheilt werden.

Daran erinnert Johannes: Jesus kam nicht in die Welt, um zu herrschen und zu beherrschen. Er kam nicht in die Welt, um sie zu richten und zu zerstören, sondern um sie zu retten.

Die Gerichtszüge eines Kaisers sahen anders aus: Der Tempel zerstört. Menschen deportiert und in die Flucht geschlagen. So ein Gerichtszug war ein Todeszug, verheerend im wahrsten Sinne des Wortes: Soldatenheere trampelten alles kaputt und hinterließen Orte in Schutt und Asche. Generationen braucht es, um solches Trauma, solche Zerstörung zu heilen, um Versöhnung zu stiften: Das wissen wir alle sehr gut – wir mit unserer deutschen und südafrikanischen Geschichte.

Johannes holt den gekreuzigten Jesus zurück und sagt: schaut ihn an: seine Liebe ist zu verdanken, dass Gemeinden gegründet wurden als Hoffnungsorte für diejenigen, die auf Gerechtigkeit warten. Ein Gericht, das Licht bringt. Ein Gericht, das Menschen einsehen lässt und Licht in die Finsternis bringt. Ein Licht, das erkennen und unterscheiden lässt zwischen gut und böse. Christus, der Böses mit Gutem überwindet. Dem Hass mit Liebe begegnet. Diesen Christus holt Johannes zurück in die Welt, durch sein Evangelium.

Das ist unsere Aufgabe als Gemeinde in der Welt, in Südafrika: Den Christus anzuschauen und anzubeten, der durch das Leiden seinen Weg gefunden hat. Den Christus, dem Gott zur Seite stand im Tod und in der Zerstörung. Lasst uns alles tun, dass wir diesen Christus sichtbar machen in der Welt, den Christus, der Böses hasst und Licht in der Finsternis ist.

Wer dieser Wahrheit glaubt und ihr folgt, der macht Gott sichtbar in der Welt.

Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen