Predigten - 2025

Jeremia 20,7-11a


predigt english


Nachfolge setzt eine radikale Entscheidung voraus. Nachfolger müssen wissen, dass sie sich für eine völlig ungesicherte Existenz entscheiden. So ernst kann "Nachfolge" gemeint sein, dass gegebenenfalls auch "Vater und Mutter verlassen" werden müssen oder dass nicht einmal Zeit bleibt, den verstorbenen Vater zu bestatten. "Folge du mir und lass die Toten ihre Toten begraben!" Nachfolge setzt eine radikale Entscheidung für Gott voraus In letzter Konsequenz hieße "nachfolgen", "das Kreuz auf sich nehmen", mit Jesus leiden. das haben wir vorhin in der Evangeliumslesung gehört.

Warum stehen wir im Leben immer wieder in Situationen, die wir uns halb aktiv gewählt und in die wir uns halb passiv ergeben haben? Warum ist das Leben manchmal so schwer und uneindeutig?

Der heutige alttestamentliche Predigttext spricht jeden Menschen an, der sich einmal mit einer großen Aufgabe, die ihm aufgetragen wurde, übernommen hat, und jeden, der versuchte, sich von einer besonderen Verpflichtung zu lösen

Predigttext: Jeremia 20 7-11a  (Hoffnung für alle)


7 HERR, du hast mich überredet, und ich habe mich überreden lassen! Du bist stärker als ich und hast den Kampf gewonnen. Und nun werde ich lächerlich gemacht – tagaus, tagein; alle verhöhnen mich! 

8 Denn sooft ich das Wort ergreife, muss ich schreien: »Gewalt und Zerstörung erwarten euch!« Deine Botschaft bringt mir nichts als Hohn und Spott. 

9 Wenn ich mir aber vornehme: »Ich will nicht mehr an Gott denken und nicht länger in seinem Namen reden«, dann brennt dein Wort in meinem Herzen wie ein Feuer, ja, es glüht tief in mir. Ich habe versucht, es zurückzuhalten, aber ich kann es nicht! 

10 Ich höre viele hinter meinem Rücken tuscheln: »Von ihm hört man nichts als Schreckensmeldungen! Zeigt ihn an, wir wollen ihn verklagen!« Alle, denen ich vertraut habe, lauern darauf, dass ich zu Fall gebracht werde. »Vielleicht lässt er sich hereinlegen, dann ist er uns ausgeliefert, und wir können uns an ihm rächen!«, sagen sie. 

11 Aber du, HERR, stehst mir bei wie ein mächtiger Held!


Jeremia spricht von seinen eigenen Erfahrungen mit Gott. Jeremia sollte mit seiner Botschaft, die er von Gott bekam, dem Volk den Spiegel vor Augen halten. Hier redet er nicht davon, wie schön es ist, wenn man zu Gott gehören darf, sondern wie schrecklich es sein kann, wenn Gott einen Menschen packt und ihn in seinen Dienst, in seine Nachfolge ruft.

Gerade wer sich von Gott berufen weiß, kann an ihm irre werden, wenn er um dieses Gottes willen ins Leiden geführt wird. Und dennoch kann er von ihm nicht loskommen

Dieser Abschnitt aus dem Buch Jeremia ist nicht nur etwas für Propheten und Pastoren. Seine Botschaft gilt für alle Christen – für alle, die als Jünger in der Nachfolge des Herrn stehen. Letztlich bin ich selbst auch nichts anderes als ein Jünger des Herrn – also einer, der versucht, seine Lebens­aufgabe von Gott gehorsam anzunehmen. So soll es bei jedem Christen sein. Auch ihr werdet dabei merken, dass ihr berufen, belastet und bewahrt seid.

Ihr seid berufen durch die heilige Taufe. Gott hat sich da euer bemächtigt, ob ihr wolltet oder nicht. Ihr empfindet diese Berufung vielleicht manchmal als Last. Vielleicht würdet ihr sonntags morgens viel lieber ausschlafen als in die Kirche gehen. Vielleicht beneidet ihr heimlich diejenigen, die nicht so ein enges Gewissen haben, sondern die sich fröhlich und selbst­bewusst über manches göttliche Gebot hinweg­setzen. Damit scheinen sie sogar oft besser zu fahren. Vielleicht seid ihr mit eurem Glaubens­zeugnis auch schon auf Unverständnis gestoßen. Vielleicht leidet ihr darunter, dass man euch für weltfremd oder fromm hält. Vielleicht bedauert ihr es, dass ihr aus Gewissens­gründen bei manchem nicht mitmachen könnt, wozu man euch einlädt. Vielleicht quält es euch, dass ihr als Christen nicht viel fröhlicher und sorgloser leben könnt als andere Menschen, was durch das Evangelium doch eigentlich möglich sein sollte. Vielleicht habt ihr den Eindruck, dass ihr mehr Lasten aufgelegt bekommt und euch mehr Sorgen macht als andere. Denken wir doch nur an die Sorge um das Seelenheil anderer Menschen, wie quälend die werden kann! Wer nicht glaubt, hat diese Sorge nicht und braucht sich nicht um die Irrwege anderer zu kümmern.

Ich lese einige Teile aus einem Predigtvorschlag, von Pfarrerin Elisabeth Wedding verfast für heute.

Du hast mich überredet, Gott, und ich habe mich überreden lassen. Und jetzt sitzen wir da, beide nicht glücklich und nicht zufrieden. Die Welt schimpft und wettert. Man hat mich im Visier. Ich bin zum Gespött geworden, weil ich sage, was mir auf der Zunge brennt, was gesagt werden muss. Das passt ihnen nicht. Sie hören lieber schöne Geschichten. Aber das Leben ist nicht immer schön. Jetzt gerade jedenfalls nicht. 

Die Schöpfung fiebert und stöhnt. Die Kinder haben Mühe, sich zu konzentrieren, weil das Leben zu bunt ist. Die Menschen scheinen Dich zu vergessen. Kirche brauchen sie nicht, und Dich vermissen sie auch nicht wirklich.

Merkst Du, dass sie nicht nur mich, sondern auch Dich verhöhnen und lächerlich machen? Ja, sie lachen über Dich, finden Dich schwächlich. Sie sehen und spüren nichts von Dir.

Man hat es auf uns beide abgesehen, denn wir gehören zusammen. Du hast mich überredet, und ich habe mich überreden lassen. Und jetzt rede ich von Dir, vom Leben, von Heil und Unheil, von unserer Welt und von den Zuständen. Ich kann nicht anders! Und jetzt sitzen wir beide da und bekommen jede Menge Gegenwind.

Du hast es so gewollt, Gott. – Oder? Du hast es kommen sehen, oder? Du hast gewusst, was passiert, wenn die Wahrheit gesagt wird und auf den Tisch kommt.

Später ist Dein Sohn dafür ans Kreuz gegangen. Und viele tausend andere Menschen auch, auf ihre Art, bis heute. 

Ist das Dein Plan für uns, wenn wir Dir treu sind? Ist das Dein Plan für Deine Kinder??

Ich würde Dich gerne verantwortlich machen, Gott. Du hast es schließlich so gewollt. Du hast gewusst, wie es um Dein Volk steht. Hast gewusst, dass die Zeiten keine einfachen, friedlichen sind. Und Du hast geahnt, in welche Lage Du mich bringst. 

Ich hätte gerne einen Sündenbock dafür, warum mir das Leben an den Kragen geht. Ich würde gerne sagen und denken können: Es ist nicht meine Schuld! Ich war es nicht! Ich will Dir etwas abgeben von dem Mist, mit dem man mich bewirft, mit dem ich mich hier quäle. Ich würde die Verantwortung gerne abgeben, Dir zurückgeben, Gott. Ich würde Dich gerne einfach vergessen, ignorieren.  Ich würde gerne einfach den Mund halten, meine Ruhe haben, in Frieden leben. So gern wäre ich zurück in meinem alten Leben. Da war die Welt noch in Ordnung.

Warum, Gott, warum lässt Du mich nicht los? Und warum kann ich Dich nicht loslassen?

Du hast mich schließlich überredet! Du hast mich in diese Situation gebracht. Ich habe mir das nicht ausgesucht und nicht ausgedacht.  Ja, es stimmt: Ich habe Ja gesagt, als Du mich auserwählt hast. 

Du hast mich überredet, Gott. Und ich habe mich überreden lassen. 

Ich habe nicht geahnt, wie schnell es mich überfordert. Ich habe mich für stärker gehalten als ich bin. Ich habe gedacht, ich schaffe das, wenn Du das willst. Ich dachte, ich würde an den Aufgaben wachsen, die Du mir gibst. 

Aber ich sehe: so stark bin ich nicht. Es wächst mir über den Kopf, geht über meine Kräfte. Ich zerbreche eher daran. Mir tut alles weh, Gott. Kannst Du mich nicht loslassen, entlassen aus Deinem Auftrag und Deinen Erwartungen?

Und ich rede nicht nur von mir, Gott. Ich rede von den vielen anderen, die ihren Mund nicht aufmachen können, weil sie noch tiefer im Dreck stecken als ich. Stumm geworden sind sie. Ihnen tut nur noch alles weh.

Da sitzt sie auf ihrem Hof, in ihrer Familie, in ihrer Ehe. Und es ist ihr alles zu viel: Die drei Kinder, der störrische Schwiegervater nebenan, der große Garten und ihre Arbeit auf Station. Bei dem Personalmangel heute. Ihr Mann ist selten da.

Und jetzt lachen sie über sie, weil sie sagt: ‚So geht es nicht. Ich brauche Hilfe, ich schaffe das nicht.‘ 

‚Du hast es doch so gewollt!‘, sagen sie. ‚Du hast doch Ja gesagt zu Deinem Mann und seinem Hof. Du hast es Dir doch so ausgesucht, Deine Arbeit, die Kinder ...‘

Ja, sagt sie, Du hast mich überredet, und ich habe mich überreden lassen. Du hast es gewollt, und ich habe Ja gesagt und habe es dann auch gewollt. 

Da sitzt er im Garten Gethsemane. Seine Freunde, die er so dringend bräuchte jetzt, sind eingeschlafen. Er weiß, dass die Kreuzigung auf ihn wartet.

Musste das sein, dass er sich mit den Machthabern in Jerusalem anlegt? War nicht absehbar, wie das ausgeht?

Hätte er nicht einfach am See Genezareth weitermachen können wie bisher? Sich um Kranke und Suchende kümmern, für die Menschen da sein, Gottes Liebe leben? 

Aber er konnte nicht anders, musste seinen Mund auftun für die Stummen. Er musste sich mit den Priestern und Gelehrten anlegen. Wenn einem das Herz voll ist, dann geht einem der Mund über. Wenn einen das Leben gepackt hat, dann hört man nicht auf halbem Weg auf.

So viel Leid auf dieser Erde, in so vielen Lebensgeschichten. So viel Leid, und so viel Leidenschaft bei Deinen Menschen. Alle sind sie Deine geliebten Kinder, Gott. Wir alle. – Warum so viel Leid?

Weil es das Leben nicht nur von einer Seite zu leben gibt. Weil der Schmerz dazu gehört, wenn etwas kostbar ist. Weil das, was wichtig ist, auch Gewicht hat, schwer ist. Es kann auch zu schwer werden. 

Da gibt es keinen Schuldigen. Da gibt es keine Täter, die verantwortlich sind. Da gibt es Auslöser, einen Anstoß. Aber genauso braucht es die andere Seite, die sich drauf einlässt, den, der Ja sagt. 

Weil das Leben immer verschiedene Seiten hat und immer mehr ist als eine einzelne Stimme. 

Manchmal fordert das Leben mehr von uns als das, was wir uns ausgesucht haben. Manchmal braucht Gott uns an anderen Stellen und mit anderen Aufgaben, als wir das gerne hätten. Manchmal reibt das und tut weh. Dann stellen sich große Fragen: War das vielleicht alles ein Irrtum? Habe ich mich in Gott geirrt? Hat Gott sich in mir geirrt? 

Ja, Gott, Du hast mich überredet. Du hast mich gerufen, mich in Deinen Dienst genommen. Und ich habe mich überreden lassen.

Und jetzt – jetzt komme ich nicht von Dir los. Ich kann nicht anders. Dein Wort ist zu meinem geworden, Deine Leidenschaft zu meiner. Deine Macht nimmt mich mit. Ich bin getrieben, überredet. Auch dann, wenn es weh tut. Ich kann Dich nicht lassen. Denn Du lässt mich ja auch nicht. 

Nein, Du lässt mich nicht, Gott. Du lässt mich nicht los. Du lässt mich nicht in Ruhe. Du lässt mich nicht fallen. Du verlässt mich nicht. 

Du hast mich überredet, hast mich verführt. Und ich lasse mich jetzt von Dir führen. Was bliebe mir auch anderes übrig?

Der Begriff "Nachfolge" ist ein zentraler Begriff des christlichen Glaubens. 

Seit der Auferstehung Christi heißt "Nachfolge": dem "nachfolgen", der nicht mehr zu sehen, "nur" zu glauben ist. Also im übertragenen Sinn "in seine Fußstapfen treten". Also sich führen lassen, "wohin du nicht willst". 

"Nachfolge" heißt dann aber auch, "an seiner Auferstehung teilhaben", "mit ihm auferstehen". Dabei ist bestimmt nicht daran gedacht, dass Christen Jesus kopieren sollten. Christen sollen "nur" denken in seinem Sinne, "nur" handeln in seinem Geist und wissen, dass Konsequenz in Dingen des Glaubens gefährlich sein kann, aber auch - ohne Ansprüche geltend machen zu können - Auferstehung verheißt.

Da sitzt Jesus im Garten, wird den nächsten Abend nicht mehr erleben. Und er weiß: Das ist sein Leben, sein Weg mit Gott und Gottes Weg mit ihm. Anders gibt es ihn nicht, nicht leichter und nicht schwerer. 

Da sitzt sie, die Frau auf ihrem Hof, zwischen Kindern und Arbeit und Schwiegervater, mit ihrer Erschöpfung, mit ihrer Sehnsucht nach ihrem Mann. Und nach einer ruhigen Minute spürt sie: So ist das Leben, in seiner Fülle. Das ist mein Leben.

Denn Du, Gott, hast mich überredet. Und ich habe mich überreden lassen.  Amen.