Predigten - 2025

Jesaja 50, 4-9


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Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

Jesaja 50, 4-9


4Gott der Herr hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. 5Gott der Herr hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück. 6Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel.

7Aber Gott der Herr hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde. 8Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir! 9Siehe, Gott der Herr hilft mir; wer will mich verdammen? Siehe, sie alle werden wie ein Kleid zerfallen, Motten werden sie fressen.


Wer mit den Müden zur rechten Zeit reden möchte, dem hilft es, selbst ausgeschlafen zu sein. Gott weckt Jesaja jeden Morgen.

Es braucht einen wachen, erweckten Geist, um mit den Müden zu reden. Denn wer wirklich müde ist, kann kaum noch hören. Wer müde ist, möchte nicht mehr sprechen. Es fehlt ihm die Kraft dazu.

Was war da los bei Jesaja. Warum waren Menschen so müde? Sie waren müde, weil eine unmenschlich große Aufgabe vor ihnen lag: Der Aufbau des Tempels und der Stadt Jerusalem. Lohnt sich das? Ist das zu schaffen? Gibt es Alternativen?

Zerstören das geht schnell. Aufbauen kostet sehr viel Kraft.
Die Menschen sind niedergeschlagen, kraftlos, nach dem Exil und nach dem Krieg. Erschöpfung ist ein allgemeiner Zustand. Menschen sind müde. Sie sind übermüdet. Sie sind entmutigt und haben kaum noch Hoffnung. Schlaflose Nächte voller Sorge und Angst. Sie werden jeden Tag müder.

In Deutschland ist vor einigen Jahren ein Buch mit dem Titel „Die übermüdete Gesellschaft“ erschienen. Ein Mediziner hat es geschrieben. Etwa 80 % der Arbeitnehmer sind übermüdet. Schon Kindern fällt das Aufstehen schwer.

Ein anderer Buchtitel lautet: „Die erschöpfte Gesellschaft!“

In beiden Büchern wird beschrieben, dass Menschen zu viel von sich fordern und von ihnen zu viel gefordert wird. Sie erschöpfen sich. Die meisten Menschen nehmen sich zu viel vor und haben Angst, im Leben etwas zu verpassen.
Pausen finden immer weniger statt. 

Die Wochenenden sind vollgepackt mit Terminen und Unternehmungen. 

Erschöpft und müde wird zu einem Lebensgefühl einer ganzen Gesellschaft: überfordert. Kraftlos und mutlos sind Menschen und merken, dass die vielen Krisen ihnen ihre Lebensfreude rauben und sie sich hilflos fühlen.

Und in erstaunlichem Gegensatz dazu schreibt Jesaja oder einer seiner Schüler: Gott weckt mich jeden Morgen. Es hört sich so an, als hätte Jesaja gut und behütet geschlafen. Er ruht sich aus in der Nacht und wartet bis Gott ihn weckt. 

Jesaja strahlt ein tiefes Gottvertrauen aus.

Und er ist sich seiner Aufgabe sicher: er soll mit den Müden zur rechten Zeit reden.

Und bevor er mit den Müden zur rechten Zeit reden kann, hört er Gott zu. Seine Ohren sind offen. Er empfängt Vertrauen und Hoffnung. Beides lässt er sich schenken und ist überzeugt, dass er, so beschenkt, aushalten wird, was kaum auszuhalten ist.

Da ist kein Zweifel: Jesaja, beziehungsweise sein Schüler lebt in keiner besseren Welt. Der Jünger erlebt die Krisen ebenso heftig wie seine Mitmenschen. Er ist nicht ausgenommen vom Leid. Er ist mittendrin. Was ihn von seinen erschöpften und ermüdeten Mitmenschen unterscheidet, ist sein Vertrauen darin, dass Gott ihm ausreichend Kraft schenken wird.

Der Liederdichter Jochen Klepper schrieb sein Lied: „Er weckt mich alle Morgen“ an einem Dienstag in der Karwoche 1938. An diesem Tag war Jesaja 50,4 die Tageslosung gewesen. Jochen Klepper schreibt in sein Tagebuch: „Weicher, glänzender Tag. In unserem alten Garten in der Seestraße blühen die alten Kirschbäume so schön. Ich schrieb heute ein Morgenlied über Jesaja 50,4.“ 

Jochen Kleppers Frau, Hanni war Jüdin.

In dem Jahr, als Jochen Klepper das Lied schreibt, werden wenige Monate später jüdische Geschäfte geplündert, Häuser und Synagogen zerstört, Bücher verbrannt. Es war erst der Anfang der Verfolgung.

Dennoch hat Jochen Klepper Augen für die Blüten der alten Kirschbäume und sie bedeuten ihm etwas.

Nein, keiner der in Gott vertraut ist ausgenommen aus dem Leiden. Doch gerade diejenigen, die in Gott vertrauen fühlen sich in ihrem Leiden doch auch geborgen und behütet.

Wir sind mit dem heutigen Sonntag am Anfang einer Karwoche. Mitten in der Welt, in der Menschen müde und erschöpft sind, erinnert uns Jesaja an die Kraft, die aus dem Hören auf Gottes Worte entstehen kann. 

Diese Kraft wurde Jesus Christus auf seinem Leidensweg geschenkt. Ihn erinnern wir in dieser Woche. Wie schwer sein Weg gewesen ist.

Er kannte die Zeilen aus dem Jesajabuch und ich frage mich, ob Jesus in ihnen Kraft gefunden hat. „Gott ist mir nahe, der mich gerecht spricht. Lasst uns vortreten!“

Jesus ist vorgetreten: vor Pilatus und Herodes stand er und wusste, dass Gott ihm nahe ist. 

Jochen Kleppers letzter Tagebucheintrag lautet: „Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des segnenden Christus, der um uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben!“


„Da schweigen Angst und Klage, nichts gilt mehr als sein Ruf!“
Man muss das erlebt haben, um es zu verstehen. Aus der gedanklichen Distanz bleibt das unverständlich, wie Menschen gerade im Leiden eine Kraft erfahren und eine Gottesnähe erleben, die unmöglich scheint.

Doch von Jesaja an bis zu Christus und nach Christus haben es Menschen erlebt, dass sie nicht zuschanden werden. Es mag sein, dass ihr Gesicht sich verhärtet und sie wie ein Kieselstein aussehen. Ja, es gibt die Momente, wo Menschen in Angst und Schrecken versetzt sind und doch vertrauen können, nicht zuschanden zu kommen.


Das ist ein großes Geheimnis unseres Glaubens. Das Leiden wird nicht verherrlicht und beschönigt. Es war echtes Leiden, das Jesus erlebt hat. 

Es war ein echter Tod, den er gestorben ist.

In der Dunkelheit des Todes erfahren dann Menschen, das erweckt werden. „Sein Wort will helle strahlen, wie dunkel auch die Nacht!“

Das nehme ich mit in die Müdigkeit der Welt und die Erschöpfung: den Wunsch, Menschen zu ermutigen weiter Gottes Wort aufzuschlagen und darauf zu hören.

Viele von uns lesen die Losung am morgen oder eine andere Andacht. Es ist ein ermutigendes Ritual. Wie oft habt ihr darin schon Kraft geschenkt bekommen. Wie oft hat ein Wort schon zu euch gesprochen: euch aufgeweckt, aufgerüttelt oder Kraft gegeben.

Lasst uns darum bitten, dass wir die rechten Worte empfangen, um mit den Erschöpften und Müden um uns herum, so zu sprechen, dass ihre großen Berge etwas kleiner aussehen und sie den Mut haben anzupacken und aufzubauen.

Gottes Schöpferkraft ist jeden Morgen neu. Das steckt auch in dieser Vergewisserung. Jeden Morgen neu lässt Gott die Sonne aufgehen. Jeder Tag eine neue Schöpfung. Neue Lebenskraft.

Wohl dem, der in der Nacht nicht verzweifelt, ruhelos und schlaflos bleibt, sondern geborgen in Gott schlafen kann.

Lasst uns so in die Karwoche gehen: voller Erwartung jeden Morgen auf das, was Gott uns sagen möchte und voller Vertrauen, dass wir die Kraft für den jeweiligen Tag empfangen. Lasst uns auf Christus schauen: den segnenden Christus, der um uns ringt. 
Ich wünsche euch, dass ihr erlebt: Da wo Christus um uns ringt und mit uns leidet, da schweigen Angst und Klage!

Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen