Johannes 19, 16-30
Lesung Teil 1: Johannes 19, 16-18
Die Soldaten packten Jesus und führten ihn aus Jerusalem hinaus.
Sein Kreuz musste er selbst tragen; vom Richtplatz bis hin zur „Schädelstätte“. Auf Hebräisch heißt dieser Ort Golgatha.
Dort schlugen sie ihn ans Kreuz.
Neben ihm wurden zwei andere Männer gekreuzigt.
Predigt Teil 1
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen
Liebe Gemeinde,
„Es ist vollbracht!“ Jesus ist ausgestoßen. Er ist verbannt aus der heiligen Stadt Jerusalem. Vor den Stadtmauern wird er ans Kreuz gehängt. Neben ihm andere Verbrecher. „Es ist vollbracht!“
Pilatus ist erleichtert. Er hat womöglich einen Aufstand vereitelt.
Die Hohepriester sind zufrieden: ihre Autorität wird so schnell niemand anzweifeln.
Ja, das haben sie vollbracht.
Seinen Nachfolgern wird deutlich vor Augen geführt: euer Lehrer und Meister, euer Jesus gehört nicht in die Stadt.
Er hat keinen Platz in der Mitte der Gesellschaft. Er wird wie ein Verbrecher behandelt. Jesus ist gefährlich. Jesus wird aus dem Weg geschafft.
Alles Besondere und Außergewöhnliche wird ihm genommen. Er ist wie die anderen Verbrecher. Er unterscheidet sich nicht.
Das ist die komplette Demütigung. Seine Identität wird Jesus geraubt.
Nichts soll von ihm übrigbleiben.
Mich schockierten diese Feindschaft und Feindseligkeit gegenüber Jesus.
Was hat er schon getan? Er hat gepredigt und geheilt. Er hat Menschen aufgefordert und eingeladen, ihm zu folgen.
Sein Kreuz muss er selbst tragen, ohne seine Weggefährten und ohne seine Familie.
Was ihm widerfährt löst Angst und Schrecken aus. Niemand versteht, was da geschieht. Vor ihren Augen wird ihnen ihre Hoffnung genommen.
Lasst uns für einen Moment dieses Bild aushalten. Darum geht es am Karfreitag. Obwohl wir wissen und ahnen, dass der Ostertag kommen wird und dass das Kreuz nicht das letzte Bild sein wird – lasst es uns einen Moment aushalten.
Darin liegt das Geheimnis des Glaubens auch: dass wir trotz der Heilkraft von Jesus Christus doch solche Momente erleben, die uns überwältigen und in Angst versetzen.
Lasst uns die Hilflosigkeit aushalten. Lasst uns unsere Ohnmacht fühlen. Lasst uns bezeugen, dass Menschen als Verbrecher abgestempelt werden, die in der Nachfolge Jesu stehen.
In diesem Moment begreifen wir nichts. Diejenigen, die um Jesus herum sind, haben noch keine Offenbarung, keine Gewissheit, keine Erklärung und Deutung.
Sie erleben etwas, das sie in große Unsicherheit versetzt.
Sie erleben den Tod. „Es ist vollbracht!“
Lied: EG 98, 1 Korn, das in die Erde
Lesung Teil 2: Johannes 19, 19-22
Pilatus ließ ein Schild an das Kreuz nageln, auf dem die Worte standen: „Jesus von Nazareth, der König der Juden!“
Die Stelle, an der Jesus gekreuzigt worden war, lag nahe bei der Stadt.
Und so lasen viele Juden diese Inschrift, die in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache abgefasst war.
Da kamen die Hohenpriester zu Pilatus und verlangten von ihm: „Lass das ändern. Es darf nicht heißen: „der König der Juden“, sondern: „Er hat behauptet: Ich bin der König der Juden“.“
Pilatus aber weigerte sich: „es bleibt genau so stehen, wie ich es geschrieben habe!“
Predigt Teil 2:
„Es ist vollbracht!“
Der Maler Sieger Köder wirft einen Blick unter das Kreuz. Dort finden sich Menschen, die noch nicht wissen, wie es weitergeht.
Sie haben ausgehalten und durchgehalten. Bis zum Schluss.
Ihr Leben steht still. Sie erleben den Tod.
Sie falten ihre Hände. Einige schließen die Augen, andere schauen fragend. Sie kauern dicht beieinander. Keiner sieht den anderen. Keiner wendet sich dem anderen zu. Sie stehen zusammen und sind doch allein. In ihrer Mitte ist der Tod. In ihrer Mitte ist das Kreuz. Daran halten sie sich fest. Sie greifen nach dem Holz und wollen begreifen.
Schon jetzt zeichnet sich ab, dass Jesus zwischen die Räder gekommen ist. Er ist aufgerieben zwischen Herodes und Pilatus, zwischen den Hohepriestern und dem Präfekten.
Aufgerieben zwischen den Hütern der Religion und den Verwaltern des Staates.
Jesus Menschlichkeit, seine aufrichtige Liebe zu seinen Mitmenschen, seine große Vision eines gerechten Zusammenlebens und einer heilen Gesellschaft voller Respekt hat den Mächtigen seiner Zeit nicht gefallen und sie haben ihn zum Opfer ihrer Machtspiele gemacht. Die Hohenpriester und Pilatus – nach seinem Tod geht es gleich weiter: wer ist mächtiger? Wer hat mehr zu sagen?
Pilatus setzt sich durch. Er hat schon im Verhör gemerkt, dass er Jesus nichts vorwerfen kann. Er hat ihn der schreienden Masse geopfert. Es hat ihm an Mut gefehlt.
Jesus hatte ihm deutlich gesagt, dass sein Reich nicht von dieser Welt ist und doch hatte Pilatus Angst vor ihm.
Jesus hat gesagt, dass er an weltlicher Herrschaft nicht interessiert ist. Er hat weder dem Hohepriester noch Pilatus ihre Ämter nehmen wollen.
Und doch hat ihnen Jesus die Augen geöffnet. Eine Wahrheit ist von ihm ausgegangen: Die Wahrheit, dass es in der Welt anders zugehen kann.
Beide Hohepriester und Pilatus stehen für eine Welt, in der es Macht und Ohnmacht gibt. Es gibt diejenigen, die wichtig erachtet werden aufgrund ihrer Ämter oder ihres Reichtums und es gibt diejenigen, die unwichtig erscheinen.
Das hatte Jesus in Frage gestellt.
Was geht den wenigen, die mit ihm unter dem Kreuz stehen durch Kopf und Herz. Sind sie überhaupt interessiert an den Hohepriestern oder Pilatus? Geht es ihnen um sich selbst? Oder sind sie erfüllt von einem tiefen Mitgefühl für Jesus?
Ihre Trauer beginnt jetzt: eine Zeit, in der sich ihr ganzes Leben neu sortiert.
Sie bleiben stehen. Sie haben keine Eile. Sie brauchen Zeit. Sie sind zusammen und doch wird jede und jeder seinen eigenen Weg finden.
Sie suchen nach Antworten auf ihre Fragen und es werden unterschiedliche Antworten sein. Sie werden dem, was sie hier unter dem Kreuz erleben unterschiedliche Bedeutung geben. Jede und jeder wird diesen Tod anders verstehen – doch alle finden jenseits des Kreuzes neues Leben.
Lied: EG 98, 2 Über Gottes Liebe
Lesung Teil 3: Johannes 19, 25
Unter dem Kreuz, an dem Jesus hing, standen seine Mutter und ihre Schwester, außerdem Maria, die Frau von Kleopas, und Maria Magdalena.
Als Jesus nun seine Mutter sah und neben ihr den Jünger, den er liebhatte, sagte er zu ihr: „Er soll jetzt dein Sohn sein!“ Und zu dem Jünger sagte er: „Sie ist jetzt deine Mutter!“
Da nahm der Jünger sie zu sich in sein Haus.
Predigt Teil 3
„Es ist vollbracht!“
Jesus handelt noch in seiner Todesstunde fürsorglich. Stellvertretend für alle anderen zeigt er am Beispiel von Maria und Johannes, dass die Beziehungen unter dem Kreuz sich ändern. Sein Tod verändert das Leben derer, die bleiben.
Da wird eine neue, eine geistliche Gemeinschaft gestiftet. Eine Familie, die im Namen Jesu Christi entsteht. Eine Gemeinschaft, in der sich Mutter- und Vatersein, Bruder- und Schwestersein nicht biologisch definiert ist, sondern durch die Verantwortung füreinander und die Liebe untereinander.
„Es ist vollbracht!“ Die Werte der Welt werden in der Stunde des Todes noch auf den Kopf gestellt. Da im Tod zeigt sich, welche Gemeinschaft durch den Tod hindurchträgt. Da unter dem Kreuz, da gründet Jesus Gemeinde.
Sehen Sie sich das Bild an: Das Weizenkorn, das stirbt und Frucht bringt. Das ist ein Bild, das Johannes in seinem Evangelium nutzt, um den Tod Jesu später zu erklären.
Es ist eines der Bilder, mit denen ich sehr viel anfangen kann.
Sieger Köder, der mitfühlende Maler und Nachfolger von Jesus Christus ist es ebenfalls eine Deutung, die Sinn gibt.
Das Weizenkorn muss sterben, wenn es Frucht bringen wird.
In seinem Sterben und in seinem Wachsen wird es von der Liebe Gottes begleitet. Da ist eine fast unsichtbare, fürsorgliche Hand mitten im dem Himmelblau.
Ich kann mir vorstellen, dass Jesus seinen Tod vielleicht ähnlich gedeutet hat oder gedeutet hätte. Gerade im Johannesevangelium bleibt Jesus Christus mit seinem Vater in allem Schmerz und Leiden doch verbunden. Und er verbindet unter dem Kreuz die Menschen neu.
Diese Deutung des Kreuzes mache ich mir zu eigen: das etwas bleibt im Tod, das zu neuem Leben erwachen kann.
Aber da ist keine Garantie. Säen ist ein Akt von Hoffnung. Es kann viel schief gehen bis zur Ernte. Es ist keine Garantie, dass die Saat aufgeht. Die Wahrscheinlichkeit ist groß. Doch es braucht einen Moment voller Vertrauen, ohne Seil und doppelten Boden. Ein Loslassen und eine Hingabe.
So hat Jesus sich hingegeben. So ist Jesus gestorben: Im Vertrauen doch ohne Gewissheit. Mit Hoffnung, doch ohne Sicherheit. Mit Liebe, doch allein.
Sieger Köder malt das wachsende Korn. Auch das will und muss weiter behütet werden.
Weder im Leben noch im Tod haben wir Sicherheit. Doch wir können uns vom Vertrauen anderer Menschen berühren lassen.
Wir können uns einander zuwenden – einander Mutter und Vater, Schwester und Bruder werden und bleiben.
So vollbringen wir, was uns unter dem Kreuz aufgegeben wurde. Liebe wächst wie Weizen!
Lied: EG 98, 3 Im Gestein verloren
Lesung Teil 4: Johannes 19,28-30
Jesus wusste, dass nun sein Auftrag erfüllt war. Da erst sagte er (und wieder erfüllte sich damit eine Voraussage der Heiligen Schrift): „Ich habe Durst!“ In der Nähe stand ein Krug mit Essigwasser. Die Soldaten tauchten ihn auf einen Stab und hielten den Schwamm Jesus an den Mund. Als Jesus davon getrunken hatte, rief er: „Es ist vollbracht!“
Dann ließ er den Kopf sinken und starb.
