1. Korinther 11, 23-26
Liebe Gemeinde,
Geburtstage, Jubiläen, Feiertage spielen eine wichtige Rolle im Leben. Sie geben einen Anlass über das Leben nachzudenken und zu erinnern. Unser Gedächtnis ist ein
wunderbares Geschenk. Im Gedächtnis bewahren wir unser Leben auf. Es ist eine große Schatzkiste, in der wir Leichtes und Schweres, Gutes und Böses sammeln.
Und es gehört zu den größten Befürchtungen vieler Menschen, dass sie ihr Gedächtnis verlieren. Wenn wir unser Gedächtnis verlieren, vergessen wir, woher wir kommen und wie wir geworden sind.
Nicht nur im persönlichen Leben ist unser Gedächtnis von großer Bedeutung, sondern auch in jeder Gesellschaft. Das gemeinsame Gedächtnis einer Nation oder eine Gruppe von Menschen ist ebenso bedeutsam.
So wird das Zusammenleben durch Feiertage strukturiert und es gehört zu wichtigen politischen Entscheidungen, welches Ereignis verdient, ein nationaler Feiertag zu sein.
Das gemeinsame Erinnern hat eine besondere Funktion und Kraft, weil es eine Verbundenheit und Gemeinschaft fördert.
Der jüdische und christliche Glaube ist ein Glaube, in dem das Gedächtnis, das gemeinsame Erinnern zentral ist.
Sonntag, Weihnachten, Karfreitag, Ostern, Himmelfahrt, Pfingsten, Sabbat, Passah, Jom Kippur, Chanukka, Purim, um nur einige zu nennen.
Es soll ein gemeinsames Narrativ geben. Je mehr Glaubende sich ihre Geschichte, ihre Herkunft in der gleichen Weise erzählen, desto mehr Zusammenhalt gibt es.
Zu jedem dieser Feste gehört eine Erzählung, Worte aus der Heiligen Schrift, die den Ursprung dieser Feiertage bewusst machen.
Denn wer vergisst, wo er herkommt, erinnert irgendwann vielleicht auch nicht mehr, wohin er unterwegs ist.
Das aber soll nicht geschehen. Der Weg soll klar vor uns liegen, der gemeinsame Weg von Juden und Christen: Der Weg zur Erlösung von dem Bösen. Das Ende aller Versuche und Versuchungen.
Das Abendmahl, das heilige Teilen von Brot und Wein ist ein Gedächtnismahl. Es nimmt die Tradition des Pessahmahls auf und den letzten Abend von Jesus Leben, als er die Füße seiner Jünger wusch.
Beides soll zusammen und für immer erinnert werden: Die Befreiung aus Ägypten und die Befreiung von Schuld, von der Last des Todes.
Bei unseren katholischen Geschwistern gehört in die Vorbereitung des Heiligen Mahls, der Eucharistie das Staunen über „das Geheimnis des Glaubens“
Gut, wenn wir staunen über das, was uns ins Gedächtnis gerufen wird. Es ist ein ambivalentes Staunen: traurig, staune ich über das, was Menschen sich gegenseitig antun:
Sie versklaven ihre Mitmenschen und spielen sich zu Herrschern auf. Überwältigt von Freude staune ich, dass in jedem Land und jeder Zeit manche Menschen dieser
Versuchung widerstehen und Wege eines besseren Zusammenlebens suchen.
Darin wurzelt unser Glaube: in der Überzeugung, dass wir als Mitmenschen uns gegenseitig dienen sollten anstatt die Welt in Herrscher und Knechte aufzuteilen.
Das erinnern wir, wenn wir Brot und Wein teilen: eine Gemeinschaft, in der jeder empfängt – keiner besitzt.
Das erinnern wir, wenn wir zusammen stehen, nebeneinander: jede und jeder mit ihrem Leben, ihrer Freude und ihrer Schuld, ihrem Erfolg und ihrem Scheitern – da erinnern wir, dass wir vor Gott gleich sind und von Gott Befreiung empfangen.
Ich mache einen Sprung zu unserem Predigttext: es sind die bekannten Einsetzungsworte, die wir beim Abendmahl sprechen.
23 Denn ich habe von dem Herrn empfangen, was ich euch weitergegeben habe: Der Herr Jesus, in der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot,
24 dankte und brach’s und sprach: Das ist mein Leib für euch; das tut zu meinem Gedächtnis.
25 Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Mahl und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; das tut, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis.
26 Denn sooft ihr von diesem Brot esst und von dem Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt.
Paulus erinnert die Korinther an etwas, das sie längst wissen und doch immer wieder vergessen: das die Gemeinschaft, die im Vertrauen auf Jesus Christus entsteht, sich im Alltag spiegelt. An unserem Handeln, an unserem Zusammenleben erkennt die Welt, was sie sooft vergisst.
Darum ist Paulus so enttäuscht, als er hört, dass in Korinth das Abendmahl keineswegs mehr mit Andacht und Heiligkeit gefeiert wird, sondern zu einem geselligen Beisammensein verkommt. Noch schlimmer, es ist kein geselliges Beisammensein, wo die gute Gemeinschaft gefeiert wird, sondern einige feiern und trinken und schlagen sich die Bäuche voll, während für die anderen nichts übrig bleibt.
Wie soll die Welt erkennen, dass Christus unter euch lebendig ist und eure Gemeinschaft in Christus gründet? Das ist, was Paulus bekümmert.
Die Korinther sind vergesslich. Ihr gemeinsames Gedächtnis funktioniert nicht mehr.
Paulus erinnert sie: Das ist christliches Gedächtnistraining! Und so entstehen diese Sätze, die zweitausend Jahre erinnert werden, wenn wir Abendmahl feiern.
Es ist ein Gedächntismahl, um uns zu erinnern, woher wir kommen: wir kommen aus dem Judentum.
Und wir kommen aus der Nachfolge Jesu: wir können uns in unseren Gedanken direkt mit an den Tisch setzen beziehungsweise legen, so wie es damals üblich war.
Wir können uns dazu denken: Zu Petrus und Judas und all den anderen. Wir können uns vorstellen, dass Jesus unsere Füße wäscht und uns damit zeigt, wie sehr er uns liebt. Er zeigt es jedem von uns und verbindet damit den Wunsch: Lebt so wie ich es euch gelehrt habe.
Überwindet die Versuchung, euch aufzuteilen in die Besseren und Schlechteren, sondern erinnert, dass ihr Brüder und Schwestern seid.
Überwindet die Versuchung, dass einer unter euch wichtiger ist, als die andere und erinnert, dass einer dem anderen dienen soll.
Überwindet die Versuchung, mich als Herrscher der Welt anzubeten, sondern erinnert mich als den ersten Diener unter euch.
Jesus ist in die Welt gekommen, damit wir erlöst werden. Er macht uns nicht zu seinen Sklaven, sondern zu seinen Nachfolgern.
Lasst uns erinnern und darin eine Kraftquelle für unsere Welt sehen.
Es gäbe heute viel zu sagen über die Erinnerungs- und Gedächtniskulturen, über die Gefahr und Chancen, dass es in jedem Land so viele unterschiedliche Gedächtnistage gibt. Aber das können wir an anderer Stelle bedenken. Es gäbe viel zu sagen darüber, wie groß der Stachel ist, dass wir Christen uns untereinander das Abendmahl versagen – Das aber rückt heute in den Hintergrund.
In den Vordergrund stelle ich, dass unser gemeinsames Abendmahl heute die Kraft hat, Gemeinschaft zu stiften und unser gemeinsames Gedächtnis zu erneuern.
Möge dieses Mahl uns dienen: uns in die ewige Gemeinschaft mit Gott stellen und die zeitliche Gemeinschaft aller Glaubenden.
Möge es uns davor bewahren, Jesus preiszugeben und zu verleugnen, sondern überzeugt und befreit bekennen, dass Jesus Christus mitten unter uns lebendig ist.
Lasst uns eine Gemeinschaft sein und bleiben, die unser Vertrauen nährt, die Brot anbietet und Leben teilt. Lasst uns eine Gemeinde und Gemeinschaft sein, die von ihrer Erlösung erzählt. Lasst uns eine Gemeinde und Gemeinschaft sein, in der wir Fragen und Zweifel teilen, und wir frisches Brot und neuen Wein empfangen.
„Er ist das Brot, er ist der Wein, steht auf und geht, die Hoffnung wächst. Es segne euch der Herr, er lässt euch nicht allein!“ (EG 228,3)
Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft bewahre unsere Herzen in Jesus Christus. Amen
