Johannes 20, 1-18
Johannes 20, 11-18
11 Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie nun weinte, beugte sie sich in das Grab hinein
12 und sieht zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu Häupten und den andern zu den Füßen, wo der Leichnam Jesu gelegen hatte.
13 Und die sprachen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.
14 Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist.
15 Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir: Wo hast du ihn hingelegt? Dann will ich ihn holen.
16 Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf Hebräisch: Rabbuni!, das heißt: Meister!
17 Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.
18 Maria Magdalena geht und verkündigt den Jüngern: »Ich habe den Herrn gesehen«, und was er zu ihr gesagt habe.
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen
Wie oft habt Ihr die Ostergeschichte schon gehört? Wie viele Predigten habt ihr gehört? Doch so oft wir diese Erzählung von der Auferstehung schon gelesen haben oder gehört haben, sie bleibt eine bewegende Geschichte.
Immer wieder möchte ich sie hören, wie ein kleines Kind, das sein Lieblingsbuch zur Hand nimmt und immer und immer wieder noch einmal vorgelesen bekommen möchte.
„Noch einmal!“
Noch einmal – heute Ostern 2025. Jedes Mal wenn ich mich hineinversetze in diese Situation, früh morgens am Grab, dann bleibt etwas anderes im Vordergrund.
Heute ist es Jesus, der Maria anspricht: „Maria!“
Als sie ihren Namen hört, da erkennt sie Jesus. „Rabbuni, Meister!“
Es wird viel über Maria und Jesus spekuliert. Sie sollen eine besonders innige und liebevolle Beziehung gehabt habe. Sie sind wie Seelenverwandte. Sie tun einander gut. Sie verstehen sich.
Maria, die Frau aus Magdala. Magdala war das Zentrum der widerständischen Juden, die gegen die Herrschaft Roms protestierten. In Magdala versammelten sich alle diejenigen, die ein unabhängiges Israel wollten.
In Magdala war das Zentrum der Zeloten, zu denen höchstwahrscheinlich auch Judas gehört hat. In Magdala waren die Menschen voller Erwartung. Das waren engagierte Juden. Juden, die für ihre Befreiung sogar kämpfen wollten. Maria aus Magdala, sie war Jesus gefolgt. Vermutlich hatte sie gehofft, dass Jesus eine politische Rolle spielen würde. Sie wird zusammen mit Judas gewünscht haben, dass Jesus ein führendes Amt übernimmt und die Römer überwältigt.
Maria war eine starke Frau. Sie hielt etwas aus. Sie blieb unterm Kreuz stehen und jetzt am frühen Morgen gehört sie zu den ersten, die zum Grab gehen.
Und da am Grab, da verändert sich ihr Glaube in einer Weise, die sie wahrscheinlich nicht vermutet hatte.
Da rücken die beiden: Jesus und Maria ins Zentrum des Geschehens. Hier in diesem Moment geht es nicht um Politik und Gerechtigkeit. Es geht nicht um das Verteilen von Brot und um das Friedenstiften. Es geht nicht um das Heilen von kranken Menschen und die Auseinandersetzung mit Pharisäern und Schriftgelehrten.
Nein, Johannes erzählt uns von einer innigen Begegnung. Er spricht vom „erkennen!“ Erkennen ist ein altes hebräisches Wort für „lieben“!
Hier entsteht eine neue Liebe – zwischen Jesus und Maria.
Hier geht es um eine Herzensbegegnung.
Hier ist Maria nicht die Frau aus Magdala, die Widerstandskämpferin. Hier ist sie eine Frau, die befreit wird aus ihrer Trauer um ihren Weggefährten. Hier erkennt sie ihn neu. Hier entsteht eine neue Liebe.
„Maria!“, sagt Jesus.
Bis dahin weint Maria. Der Weg zum Grab war unglaublich schwer. Vor ihrem Herzen ein Stein, der mindestens so groß war, wie der Grabstein vor dem Grab Jesu.
Sie weint.
Vor lauter Tränen kann sie kaum klar sehen. Sie beugt sich über das Grab und schaut noch tiefer hinein: Sie schaut in den Abgrund des Todes. Tiefer kann niemand fallen, als Jesus gefallen ist. Tiefer kann kein Abgrund sein – der Einblick in den Tod und das Verstehen, wieviel er einem nehmen kann.
Wer ist sie jetzt noch? Wohin gehört sie jetzt noch? Welchen Sinn macht ihr Leben noch?
Sie ist überwältigt von der Ohnmacht. Tatenlos konnte sie nur bezeugen, dass Jesus ans Kreuz geschlagen wurde. Es war unmöglich, ihn zu retten.
Maria weint. Sie weint über die Grausamkeiten, die Jesus angetan wurde. Sie weint über diese Welt, in der Menschen so unmenschlich werden können. Sie weint, weil sie nichts mehr weiß.
Ja, wer ist sie noch?
Und dann wird sie angesprochen mit ihrem Namen: „Maria!“
Es kommt mir so vor als würde hier Jesaja 43,1 sehr anschaulich: „Fürchte dich nicht. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein!“
Du, Maria, du bist mein – du gehörst noch immer zu mir, sagt Jesus in einem Wort, indem er ihren Namen ausspricht.
Mitten ins Herz trifft er sie mit ihrem Namen. Nun weiß sie wieder, wer sie ist: Sie ist Maria, die zu Jesus gehört.
Nichts in der Welt kann sie mehr trennen.
Jesus ist auferstanden. Maria ebenfalls. In dem Moment, wo Jesus sie anspricht, wird für sie wahr, dass sie zu ihm gehört. Du bist mein.
Ich glaube, dass Johannes das erzählen möchte. Johannes lebt zu einer Zeit, in der es nicht gut um die Christen steht. Sie haben unglaublich viel zu erleiden. Sie wissen nicht, ob ihre
Gemeinden standhalten.
Da erzählt Johannes, dass die Auferstehung nicht nur eine Bedeutung für die Gemeinden und die Kirchen hat. Da vergewissert Johannes jeden einzelnen Christen: Dich hat Jesus im Blick.
Deinen Namen ruft er. Du gehörst ihm und bist von ihm nicht getrennt.
Die innige Beziehung, die Jesus mit seinem Vater im Himmel hat wird hier nun erweitert: Jesus hat diese Beziehung mit Menschen in der Welt, die er bei ihrem Namen ruft und beruft.
„Maria!“ Nun weiß sie wieder, wer sie ist. Ihr Leben bekommt einen neuen Sinn.
Sie ist Maria. Sie ist die erste Zeugin der Auferstehung.
Jesus hat sie bei ihrem Namen gerufen.
Was ist das für ein Gefühl. Was ist das für ein Moment. Da gibt es keine Tränen mehr. In diesem Moment jubelt ihr Herz. Da entsteht eine neue Liebe. Sie erkennt Jesus. Sie erkennt ihn
wieder und sie erkennt ihn neu.
Glaube, Hoffnung und Liebe hören nicht auf. Die Liebe ist die größte Gabe. Das erlebt Maria hier am Grab. Die Liebe zu ihrem Jesu geht weiter.
Und zwar wird es wieder eine lebendige Liebe. Es ist nicht nur eine Pflicht am Grab den Leichnam zu versorgen. Es ist nicht die letzte Liebestat, so wie sie befürchtet und erwartet hatte.
Nein, die Liebe steht auf und macht sie lebendig.
Maria. Dich habe ich bei deinem Namen gerufen.
Beim Lesen der Geschichte wechsle ich den Namen aus. „Kornelia“, oder Herbert, oder Elke, Hildegard, Fritz, Rudi, Rolf, Ingrid… da sind so viele Namen.
Setzt euren Namen ein und spürt: das ihr zu Jesu gehört. „Du bist mein!“
Nichts kann uns mehr scheiden von der Liebe Gottes, weil wir bei unserem Namen gerufen werden und sein sind.
Ich lade euch ein, dass ihr euch in diesen Ostertagen für diese Begegnung Zeit nehmt. Für so eine innige Erfahrung mit dem Auferstandenen.
Später, ja, da gehört auch Maria weiter zu denen, die ihr Leben in den Dienst Jesu stellen und ihm folgen in seiner Suche nach Gerechtigkeit, in seiner Fürsorge für Kranke und in seinem
Versuch, Hungrige satt zu machen.
Das kommt später. Maria bleibt eine Frau, die an Politik und Gesellschaft interessiert ist. Sie gehört zu denen, die sich engagiert einmischen.
Aber hier: das ist anders: und beides gehört zusammen.
Die innige persönliche Beziehung zum Auferstandenen und dann die Rolle, die Aufgabe, die jemand in der Gemeinde Christi einnimmt.
Heute geht es nur um euch. Maria. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.
Maria geht vom Grab: geheilt und lebendig. Froh und aufmerksam.
Mein Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden.
Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen
