Predigten - 2025

Johannes 14,15–27


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Johannes 14,15–27


15 Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten. 

16 Und ich will den Vater bitten und er wird euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit: 

17 den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht. Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein.

18 Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch. 

19 Es ist noch eine kleine Zeit, dann sieht die Welt mich nicht mehr. Ihr aber seht mich, denn ich lebe, und ihr sollt auch leben. 

20 An jenem Tage werdet ihr erkennen, dass ich in meinem Vater bin und ihr in mir und ich in euch. 

21 Wer meine Gebote hat und hält sie, der ist’s, der mich liebt. Wer mich aber liebt, der wird von meinem Vater geliebt werden, und ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren.

22 Spricht zu ihm Judas, nicht der Iskariot: Herr, was bedeutet es, dass du dich uns offenbaren willst und nicht der Welt? 

23 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen. 

24 Wer aber mich nicht liebt, der hält meine Worte nicht. Und das Wort, das ihr hört, ist nicht mein Wort, sondern das des Vaters, der mich gesandt hat.

25 Das habe ich zu euch geredet, solange ich bei euch gewesen bin. 

26 Aber der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.

27 Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.


Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

Liebe Gemeinde,

kennt ihr das alte Kinderspiel: „Ich sehe was, was du nicht siehst?“ Wir haben es als Kinder sehr gern gespielt. Man braucht nichts dafür. Es kann einfach losgehen. Einer sagt: „Ich sehe was, dass du nicht siehst und das ist gelb!“ Alle anderen schauen um sich herum und versuchen, herauszufinden, was der andere sieht. „Ist es dort der Becher?“ „Ist es das T-Shirt dort drüben?“ 

Wenn dann die Frage zutrifft: „Sind es das Gelbe in den Flammen am Abendmahlstisch?“, dann freut sich, der der es entdeckt hat. Plötzlich erkennt diese Person etwas, das sie bis dahin nicht bewusst gesehen hat. Bis zu dem Zeitpunkt hatte sie dieser Sache keine Aufmerksamkeit geschenkt.

So kinderleicht und einfach dieses Spiel auch ist. Vor einigen Jahren ist mir dieses Spiel zum Gleichnis geworden.  In gewisser Weise trifft es auf glaubende Menschen zu. Wir sehen etwas, das andere nicht wahrnehmen und erkennen können.

Davon spricht Johannes in diesem Abschnitt seines Evangeliums. Der Abschnitt gehört zu den drei Kapiteln, die die Überschrift „Abschiedsreden“ haben. 

Johannes stellt fest: „Die Welt sieht mich nicht mehr. Ihr aber, ihr Jünger, ihr seht mich, denn ich lebe:“

Wer ist diese „Welt“, die Jesus nicht sieht?

Johannes benutzt das Wort „Welt“, Kosmos 72-mal in seinem Evangelium. In den drei übrigen Evangelien kommt es zusammen nur 15-mal vor.

Für Johannes ist die Welt der Ort der Menschheit. Die Welt ist der irdische Einflussraum. Hier wirken und leben Menschen. Hier bestimmen Menschen, was geschieht. Diese menschliche Welt steht der göttlichen Welt gegenüber. Es sind zwei unterschiedliche Welten. In und durch Jesus werden diese Welten nun verbunden.

Mit anderen Worten Johannes beschäftigt sich mit der Frage: Wie ist Gott in der Welt? Bis zum heutigen Tag beschäftigen Menschen sich immer neu mit dieser Frage. Die einen sehen und erleben Gott in dieser Welt. Für die anderen ist die Welt ein gottloser und gottverlassener Ort.

Es gibt also beim Blick in der Welt unterschiedliche Sichtweisen und es gibt unterschiedliche Ebenen der Wahrnehmung. Da ist die Ebene des Alltags, die körperliche Ebene: das ist die Ebene, die jeder Mensch wahrnimmt. Wir können die Welt beschreiben, versuchen sie zu erfassen.

Im Blick auf Jesus ist das der Jesus, der in der Welt gelebt hat. Da war kein Zweifel. Es gab so viele Zeitgenossen, Augenzeugen. So viele Menschen haben Jesus erlebt, ihn gefühlt, bei sich eingeladen, sind von ihm geheilt worden. Keine Frage: Jesus hat gelebt.


Dann aber, nachdem er gestorben war, da fängt die Unterscheidung an. Da sind einige, die ihn nach der Auferstehung gesehen haben und da ist die große Mehrheit, die ihn nicht gesehen hat.


Johannes schreibt einige Jahrzehnte nach dem Tod. Er schreibt und sucht eine Antwort auf die Frage: Ist Jesus noch in der Welt? Können wir ihn sehen, spüren, wahrnehmen.

Die meisten sagen: Nein, er ist nicht mehr da. Er hat die Welt verlassen.

Die Jünger sind wie Waisenkinder, die ihre Eltern verloren haben.


Und dann ist da aber eine Gruppe von Glaubenden, zu denen auch Johannes gehört, die sagen: Ich sehe was, was du nicht siehst. Sie sehen nicht nur, sie spüren auch, was andere nicht spüren. Sie erleben die Kraft des Heiligen Geistes.


So sehr es stimmt, dass rein vom alltäglichen, vom körperlichen betrachtet Jesus die Welt verlassen hat – so sehr stimmt es für die Christen: er lebt noch immer. Sein Geist ist wirksam in unserer Gemeinschaft. Wir machen noch immer Erfahrungen mit Gott.

Nun ist es naheliegend zu fragen: Wie und wo seht und erfahrt ihr Christen den Geist von Jesus als lebendigen Geist. Und die Antwort, die Johannes gibt lautet ganz schlicht: In der Liebe. 

Wer mich aber liebt, der wird von meinem Vater geliebt werden, und ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren.

Diese Einsicht weckt eine große Begeisterung. Denn damit ist deutlich – so fern Jesus auch ist – er bleibt gleichzeitig ganz nah.
Meistens hinken Vergleiche etwas. So auch der Vergleich, den ich jetzt versuche – aber der Vergleich hilft mir auch zu verstehen. Lieben ist an keine Grenze gebunden.

Denkt daran, wie oft ihr schon Abschied genommen habt: am Flughafen oder an der Haustür: die liebsten Menschen sind weggegangen – ihr seht sie nicht und ihr könnt sie doch weiter lieben.
Selbst beim letzten Abschied ist es so: die Liebe bleibt. Das Leben, der Alltag  hört am Grab auf – die Liebe geht weiter.

Liebe ist nicht für jeden sichtbar. Wer nicht lieben kann oder keine Liebe erfährt, der wird sagen: da ist keine Liebe in der Welt, da ist nur  Hass und Krieg, da ist nur Eigensucht und Wettkampf und Gewalt und das Recht des Stärkeren.

Wer aber liebt und geliebt wird, der sieht Liebe: fast überall. Alle Welt ist voll des Heiligen Geistes. An jedem Ort kann geliebt werden. In jeder Zeit kann Liebe entstehen.

„Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist Liebe!“ Die Jünger werden Pfingsten mit dem Geist der Liebe begeistert. Ihnen wird aufgetragen in der Welt zu lieben und liebevoll zu wirken. Sie bekommen den Auftrag diese Liebe zu bezeugen. Die Jünger werden immer wieder sagen: „Ich sehe was, dass du nicht siehst und das ist Liebe – nicht irgendeine Liebe, sondern es ist die Liebe Gottes!“

Wunderbar, wenn dann andere Menschen aufmerksam werden – um sich herumschauen – ihren traurigen Blick auf die Welt verändern und erkennen: Tatsächlich: die Liebe bleibt und sie hat die Kraft Hoffnung zu schenken.

Pfingsten ist das Fest, an dem wir Christen feiern: „Die Liebe bleibt und es bleibt möglich zu lieben!“

In dieser Welt, die Johannes als so fern von Gott erlebt und beschreibt, da wirkt der Geist Jesu, da wächst Liebe.

Das fasst Johannes zusammen: Lasst uns lieben, denn Gott hat uns zuerst geliebt.
Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen, außer die Ermutigung genau hinzuschauen in der Welt, um zu sehen, wie Jesus wirkt. Der Moment, wo ihr das entdeckt, ist jedes Mal ein kleines Pfingstfest.
„Ich sehe was, was du nicht siehst – noch nicht, aber hoffentlich bald!“ Das ist der Anfang jeder Mission.

Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen