Johannes 5,39-47
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde! Heute halte ich eine Predigt, die Pfarrer Hans Hoßbach in der Evangelischen Kirchengemeinde in Leun und Tiefenbach am 06.06.2021 gehalten hat. Ich habe wenig ändern brauchen.
Liebe Gemeinde, ein „Bestseller ohne Leser“, so wird die Bibel von manchen genannt. Es gibt weltweit kein Buch, das so oft gedruckt und verkauft worden ist und immer noch wird, wie die Bibel. Und obwohl sie in viele Sprachen übersetzt wurde, sehnen sich in anderen Teilen der Welt Menschen danach, eine Bibel in ihrer Muttersprach ihr Eigen zu nennen.
Wie sieht es bei uns in Südafrika, in Pretoria aus? Ist die Bibel bei uns auch ein „Bestseller ohne Leser“ geworden? Wie oft lesen wir in der Bibel? Im Gottesdienst werden kurze Abschnitte vorgelesen. In den Losungsheften oder Kalendern werden nur einzelne Verse der Bibel entnommen. Wer nimmt noch regelmäßig die Heilige Schrift in die Hand, liest sie und sucht in ihr Rat und Hilfe für das eigene Leben? Wahrscheinlich wird überhaupt weniger gelesen. Wir werden zwar mit Bildern, Texten und Informationen überschüttet, doch gerade deswegen nehmen wir das oft nur am Rande zur Kenntnis und löschen die Nachrichten gleich wieder aus dem Gedächtnis.
Wie kann in dieser Welt die Bibel, die Heilige Schrift, das Wort Gottes zum Leben helfen?
Schon in den ersten christlichen Gemeinden gab es Diskussionen darum, wie die Worte der alten Schriften zum Lebenführen können. Das zeigt auch der heutige Abschnitt aus der Bibel, genauer aus dem Johannes-evangelium. Damals, vor bald 2000 Jahren, als das Evangelium geschrieben wurde, waren die christlichen Gemeinden klein. Christen gerieten vielfach in Bedrängnis wegen ihres Glaubens. Auf der einen Seite hatten sie in der Öffentlichkeit Nachteile zu erleiden und wurden zum Teil auch massiv verfolgt. Auf der anderen Seite wurden sie wegen ihres Glaubens an Jesus verspottet, der doch so jämmerlich am Kreuz gestorben war. In ihrem Glauben wurden sie auch von überzeugten Juden angegriffen. Es gab Streit um das Verständnis der Bücher des Mose und der Propheten, auf die sich Christen wie Juden beriefen.
Um die Christen in ihrem Glauben zu versichern und zu stärken, verfasste Johannes eine Zusammenfassung der Worte und Reden Jesu, das Johannesevangelium. Aus einer solchen Rede Jesu stammt einer der Bibeltexte für diesen Sonntag, aus Johannes 5, die Verse 39-47.
Jesus sagt zu jüdischen Gelehrten, die ihn kritisieren:
39 Ihr sucht in der Schrift, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie ist's, die von mir zeugt;
40 aber ihr wollt nicht zu mir kommen, dass ihr das Leben hättet. 41 Ich nehme nicht Ehre von Menschen;
42 aber ich kenne euch, dass ihr nicht Gottes Liebe in euch habt. 43 Ich bin gekommen in meines Vaters Namen und ihr nehmt mich nicht an. Wenn ein anderer kommen wird in seinem eigenen Namen, den werdet ihr annehmen. 44 Wie könnt ihr glauben, die ihr Ehre voneinander annehmt, und die Ehre, die von dem alleinigen Gott ist, sucht ihr nicht? 45 Ihr sollt nicht meinen, dass ich euch vor dem Vater verklagen werde; es ist einer, der euch verklagt: Mose, auf den ihr hofft. 46 Wenn ihr Mose glaubtet, so glaubtet ihr auch mir; denn er hat von mir geschrieben. 47 Wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubt, wie werdet ihr meinen Worten glauben?
Wir leben in einer anderen Welt als Johannes vor fast 2000 Jahren. Anders als damals werden heute nicht wir Christen von Juden bedrängt, vielmehr sind über Jahrhunderte hin Juden von Christen unterdrückt und verfolgt worden. Wir müssen dagegen halten, weil Jesus selber Jude war, weil das jüdische Volk von Gott auserwählt ist und weil in ihrem Glauben die Wurzeln unseres Glaubens liegen.
Trotz aller Unterschiede zu damals können wir auch heute aus den Worten des Johannesevangeliums lernen. Es geht um die Frage, wie man die Bibel so lesen kann, dass man das wahre Leben darin findet.
Ich muss an die Geschichte von der Bekehrung des Kirchenvaters Augustin denken. Augustin lebte am Ende des 4. Jahrhunderts, in einer Zeit, in der das Christentum gerade Staatsreligion geworden war. Er selbst war alles andere als ein gläubiger Christ. Zwar hatte er von seiner Mutter einiges über den christlichen Glauben gehört; als begabtem Wissenschaftler waren ihm auch die Schriften der Bibel bekannt, doch das spielte für sein Leben keine Rolle. Er führte, wie man heute sagen würde, ein recht lockeres Leben, das auch damaligen Moralvorstellungen nicht entsprach. Doch gleichzeitig suchte er nach der Wahrheit und war manchmal verzweifelt, dass er das wahre Leben nicht fand. Eines Tages, erzählt er später in seiner bekanntesten Schrift, den „Bekenntnissen“, eines Tages, als er verzweifelt in einem Garten lag, hörte er eine Stimme, die sang: Tolle, lege; was auf Deutsch heißt: Nimm und lies. Er verstand das als Hinweis Gottes und so schlug er die Bibel auf. Im Brief des Paulus an die Römer las er: „Lasst uns ehrbar leben wie am Tage, nicht in Fressen und Saufen, nicht in Unzucht und Ausschweifung, nicht in Hader und Neid; sondern zieht an den Herrn Jesus Christus.“ (Römer 13,13f.) Das las er jetzt anders, als er bisher in der Bibel gelesen hatte: nicht mit dem Blick des Wissenschaftlers, sondern als Worte, die an ihn persönlich gerichtet waren. Augustin beschreibt, wie sein Zweifel wich und er in sich Frieden erfuhr. Er änderte sein Leben und ließ sich bald darauf taufen. Später wurde er Bischof und ein berühmter Lehrer der Kirche.
Vergleichbar war es mehrere Hundert Jahre später bei Martin Luther: sein neues Verstehen des Glaubens kam aus dem intensiven Studium der Bibel. Auf einmal sprachen ihn die Worte des Römerbriefs ganz anders an, und für Luther wurde alles neu.
Darauf also kommt es an: nicht nur lesen, sondern sich von den Worten ansprechen lassen. Nicht nur, dass wir überhaupt in der Bibel lesen, sondern dass wir die Worte auf unser Leben beziehen. So werden wir die Wahrheit, die Liebe und das Leben finden. Es kommt darauf an, dass wir beim Lesen unseren Verstand, unser Herz und unseren Willen öffnen.
Mit dem Blick auf den heutigen Abschnitt aus dem Johannesevangelium möchte ich das näher ausführen:
1. Zuerst geht es darum, dass wir uns mit unserem Verstand öffnen für das, was wir lesen. Im Zeitalter des weltweiten Netzes und der Smartphones verhalten wir uns leicht selbst wie Computer. Wichtig für unser Leben kann nur das werden, was wir wirklich wahrnehmen und ernst nehmen. Im Johannesevangelium sagt Jesus: „Wenn ihr Mose glauben würdet, würdet ihr auch mir glauben; denn er hat von mir geschrieben. Wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubt, wie werdet ihr meinen Worten glauben?“ Jesus will, dass wir den Worten glauben. Es geht um das Vertrauen, in den Worten der Bibel Wahrheit zu finden. Wir haben unseren Verstand, dass wir uns damit auseinandersetzen, wie die Worte der Bibel für unser Leben wahr werden können. Dazu gehört das Vertrauen in die Wahrheit des Wortes Gottes.
2. Als Zweites geht es darum, dass wir unser Herz öffnen für das Wort Gottes. An Gott zu glauben ist vor allem eine Sache des Herzens. Sicherlich ist es falsch, wenn manche meinen, beim christlichen Glauben müsse man das kritische Denken ausschalten. Der Verstand gehört dazu wie das Herz. Im heutigen Bibeltext sagt Jesus: „Ich kenne euch, dass ihr nicht Gottes Liebe in euch habt. Ich bin gekommen in meines Vaters Namen, und ihr nehmt mich nicht an“. Gottes Liebe kann nur jemand in sich haben, der sein Herz öffnet für Gottes Wort. Gottes Wort, da geht es um mehr als die Wörter, die wir lesen. Gottes Wort ist Jesus selbst. „Gott war das Wort“, heißt es am Anfang des Johannesevangeliums, und weiter: „Und das Wort ward Mensch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.“ (Johannes 1,1.14) An Weihnachten feiern wir jedes Jahr, dass Gottes Wort in Jesus Mensch wird; doch erst wenn wir unser Herz dafür öffnen, wird Gottes Liebe in uns wohnen. Sein Herz so der Herrlichkeit Gottes zu öffnen, ist ein Wagnis, das viel Vertrauen braucht. Doch erst im Vertrauen auf Gottes Liebe werden wir wirklich leben.
3. Drittens - Schließlich geht es darum, dass wir unseren Willen öffnen für ein Leben unter Gottes Wort. Den Verstand und das Herz für Gott zu öffnen, das mag noch angehen, aber den eigenen Willen in Gottes Hand legen? „Dein Wille geschehe“, beten wir im Vaterunser. Da geht es nicht um etwas, was weit weg ist. Unser eigenes Leben Tag für Tag dem Willen Gottes zu öffnen, das braucht Vertrauen. Und genau darauf liegt die Verheißung des ewigen Lebens. Wie Jesus sagt: „Ihr sucht in den Schriften, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie sind‘s, die von mir zeugen; aber ihr wollt nicht zu mir kommen, dass ihr das Leben hättet“. Es gehört sehr viel Vertrauen dazu, seinen Willen dem Wort Gottes zu öffnen.
Als Christen können wir sagen: Sich voll Vertrauen dem Wort Gottes – Jesus - öffnen – mit Verstand, Herz und Willen: so kommt Jesus Christus in unser Leben. So können wir das wahre Leben finden, das heute gilt und ewig Bestand hat.
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.
Gebet: Ja, Herr Jesus Christus, Verstand, Herz und Willen für Dich und Dein Wort zu öffnen, das fällt uns nicht leicht. So vieles scheint in unserer Zeit dagegen zu sprechen, Dir zu vertrauen. So viele Stimmen kommen lauter und eindringlicher daher, als Dein Wort. So vieles lenkt uns ab, macht uns bequem oder oberflächlich. Wir bitten Dich: Stärke unser Vertrauen; hilf uns in unserem Kleinglauben, damit wir hören und verstehen und danach leben. Amen.
