Predigten - 2025

Matthäus 22, 1-14


predigt english


Rudolf Schmid – Pastor i.R.

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch. Amen.


Wenn man miteinander am Tisch sitzt und isst und trinkt und sich unterhält, dann kommt man sich gegenseitig näher. Gemeinsam am Tisch sitzen und eine Mahlzeit genießen, das zeigt Verbundenheit und Gemeinschaft. "Wer wann mit wem isst" sagt viel über einen Menschen aus.

Jesus hat nicht nur mit seinen Jüngern zu Tisch gesessen. Er hat oft mit Menschen gegessen, denen andere die Tischgemeinschaft verweigerten. Er pflegte Tischgemeinschaft nicht nur mit seinen engen Vertrauten. Er aß auch mit Unreinen, mit Fremden, mit Prostituierten und Zöllnern - selbst mit den gegnerischen Pharisäern und Schriftgelehrten. Jesus setzte sich bedingungslos mit diesen Menschen zusammen und damit nahm er sie an und nahm sie als Menschen ernst. Wer mit Jesus Tischgemeinschaft erlebte war oft tief betroffen - hatte lebensverändernde Folgen. Das miteinander Essens war von Jesus gedacht als Vorgeschmack des Himmels. Jede gemeinsame Mahlzeit, jede Speisung draußen im Freien, jedes Miteinander-Teilen, das Jesus veranstaltete war für sich schon ein Gleichnis vom Reich Gottes. Ich habe vor einigen Jahren zum Geburtstag das Buch: “Leben am reich gedeckten Tisch” (Nicola Vollkommer) geschenkt bekommen in dem alle diese biblischen Begebenheiten zu Tisch, beim Essen betrachtet werden. Erstaunlich was sich in der Bibel alles “am reich gedeckten Tisch” abspielt. 

Jesus entwarf in seinen Gleichnissen dieses Bild vom Reich Gottes als ein Gastmahl, zu dem Gott einlädt. So lebte er selber auch. Der heutige Predigttext ist solch ein Gleichnis aus dem Matthäus-Evangelium. Vorhin in der zweiten Lesung hatten wir das Gleichnis, in der etwas anderen Version nach Lukas gehört. Ich lese aus Matthäus 22 die Verse 1 bis 14:


1 Jesus redete in Gleichnissen und sprach: 

2 Das Himmelreich gleicht einem König, der seinem Sohn die Hochzeit ausrichtete. 

3 Und er sandte seine Knechte aus, die Gäste zur Hochzeit zu rufen; doch sie wollten nicht kommen.

4 Abermals sandte er andere Knechte aus und sprach: Sagt den Gästen: Siehe, meine Mahlzeit habe ich bereitet, meine Ochsen und mein Mastvieh ist geschlachtet und alles ist bereit; kommt zur Hochzeit! 

5 Aber sie verachteten das und  gingen  weg,  einer  auf  seinen  Acker,  der  andere  an  sein  Geschäft.  

6 Die übrigen aber ergriffen seine Knechte, verhöhnten und töteten sie.

7 Da wurde der König zornig und schickte seine Heere aus und brachte diese Mörder um und zündete ihre Stadt an. 

8  Dann sprach er zu seinen Knechten: Die Hochzeit ist zwar bereit, aber die Gäste waren‘s nicht wert. 

9 Darum geht hinaus auf die Straßen und ladet zur Hochzeit ein, wen ihr findet. 

10 Und die Knechte gingen auf die Straßen hinaus und brachten zusammen, alle, die sie fanden, Böse und Gute; und der Hochzeitsaal war voll mit Gästen. 

11 Da ging der König hinein zum Mahl, sich die Gäste anzusehen, und sah einen Menschen, der hatte kein hochzeitliches Gewand an, 

12 und sprach zu ihm: Freund, wie bist du hier hereingekommen und hast doch kein hochzeitliches Gewand an? Er aber verstummte. 

13 Da sprach der König zu seinen Dienern: Bindet ihm Hände und Füße und werft ihn in die äußerste Finsternis! Da wird sein Heulen und Zähneklappern. 

14 Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.


Das Gleichnis von diesem Gastmahl, das uns Jesus vorsetzt, ist keine "leichte Kost". Vor allem das Ende klingt nicht nach Evangelium, so gar nicht nach froher Botschaft. Es geht in diesem Gleichnis nicht um unbeschwertes, unverbindliches Feiern und Fröhlichsein. Keine Party, kein Braaivleis, kein Oktoberfest. – Es geht vielmehr um den Ernst einer Entscheidung für das ganze Leben. Es geht um die Entscheidung, dem Ruf Gottes zu folgen / oder nicht. Jesus erzählt zwar von der einladenden Liebe Gottes, die allen Menschen gilt, / er erzählt von dem Himmel, der allen Menschen schon auf Erden offen steht. ABER er macht gleichzeitig zweierlei deutlich:

1. Die Liebe, die Gott den Menschen zuwendet, verlangt nach einer Antwort. Und:

2. Das Himmelreich steht allen Menschen offen. Aber es bleibt ihnen nur offen, wenn sie ihr Leben durch Gottes Liebe umkleiden lassen.

Erstens: Die Liebe, die Gott den Menschen zuwendet, verlangt nach einer Antwort.

U.A.w.g. - auf Englisch: RSVP. So steht es bei Einladungen oder in dienstlichen Briefen von Behörden. U.A.w.g - um Antwort wird gebeten. Wer weiss denn wofür RSVP steht? Es kommt eigentlich aus dem Französischen “repondez s’il vous plait” = “Please respond”. Um Antwort wird gebeten - das gilt bei Gottes Liebe auch.

Das Himmelreich ist wie ein üppiges Gastmahl bei Gott. Es gleicht einem Festessen bei einer Hochzeit. Und bei einer Hochzeit wird die Liebe gefeiert. Ein schönes Bild! Gott will dieses Hochzeitsmahl für seinen Sohn ausrichten, denn in Jesus zeigt sich die Menschenliebe Gottes. Und wie ein freigiebiger König lädt Gott äußerst großzügig zu diesem Festmahl ein. Doch die Eingeladenen ignorieren die Einladung. Sie haben scheinbar Wichtigeres zu tun. Gott will den Menschen ein Fest schenken, um die Liebe zu feiern, aber sie wollen sich für die Gottesliebe nicht öffnen. Sie halten lieber Abstand von dieser Liebe - bleiben unverbindlich. Die Eingeladenen antworten mit Gleichgültigkeit, mit Ausreden und schließlich sogar mit Aggression: “Einige aber ergriffen seine Knechte, verhöhnten und töteten sie” lesen wir (V. 6).

Als Matthäus sein Evangelium schrieb, blickte er bereits darauf zurück, dass Jerusalem knapp 40 Jahre nach Jesu Tod von den Römern zerstört und niedergebrannt worden war. Die Verwüstung Jerusalems durch die Römer legte Matthäus hier aus als Gericht Gottes. – Er steht damit in der alten Tradition der Propheten Israels, die ihr Leid oft als Gottesgericht - für sich selbst und das Volk - ausgelegt hatten. Da wurde der König zornig und schickte seine Heere aus und brachte diese Mörder um und zündete ihre Stadt an. (V. 7)

Der hier erwähnte zornige Gottes und seine Strafe ist ein Thema, das wir kurz beleuchten wollen. In der Seelsorge machen es manche sich zu leicht, wenn sie einem leidenden Menschen empfehlen, sein Leid "aus Gottes Hand" anzunehmen. Als wenn das Leid von Gott erzeugt und gewollt wäre. Leider gibt es diese so-genannten Seelsorger die leidenden Menschen auch noch Schuldgefühle einreden: als wären die Sünden der Grund ihres Leides. Als würde die Krankheit verschwinden, wenn sie irgendwelche Regeln befolgten. Und als wären die Gesunden weniger Sünder, als die Kranken. Doch an Jesus sehen wir, dass er beides tut, weil beides befreit: Leid und Krankheit heilt er, Dämonen vertreibt er, UND gleichfalls vergibt er die Sünden. Alles, damit Menschen wieder frei werden für Gott und für das Leben. 

Immer wieder hört man den Spruch: "Gott lässt die leiden, welche er liebt". Als wäre das Leiden eine besondere Auszeichnung wie ein Orden, eine Art Liebesbeweis Gottes. Es kann nicht Gottes Wille sein, Leid zu verursachen oder zu senden. – Da müssen wir Menschen schon unter uns nach den Ursachen suchen.

Doch nun wieder zurück zum Gleichnis. Ein zweites Mal lädt der König Menschen zum himmlischen Hochzeitsmahl ein: 

Darum geht hinaus auf die Straßen und ladet zur Hochzeit ein, wen ihr findet. (V. 9)

Alle sind jetzt eingeladen, ohne Ansehen der Person: Radler und Porsche-fahrer, Harley-fahrer und Fußgänger, Kinder und Alte, Gesunde und Kranke, Studierte und Schulaussteiger, Erfolgreiche und Arbeitslose, Reiche und Arme, Schwarze und Weiße, Einheimische und Fremde, Juden und Heiden. Gott lädt alle Menschen „von der Straße weg“ ein zum Fest seiner Liebe. Gott sortiert nicht vorher aus, wer von den Menschen es „wert“ ist, seine Einladung zu erhalten. Ohne eigene Vorleistung, ohne dass wir selbst „Verdienst und Würdigkeit“ vorzuzeigen hätten, kommt Gott uns mit seiner Liebe und seiner Einladung zuvor.

Gott erwartet aber auch, dass wir uns dieser Einladung und dieser Liebe nicht verschließen. Dass wir unser Herz für seine Liebe öffnen und seine Einladung annehmen. Und dass wir uns auf den Weg machen, das Reich Gottes mitten in unserer irdischen Menschenwelt zu entdecken / und Gottes Liebe zu feiern. Mitten in unserem Leben und mitten in unserer Welt auf dem Weg der Nachfolge Christi. Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Frieden sind seine Kennzeichen. Solange man im “Rat der Gottlosen” sitzen bleibt, kann man diese lebendigen Quellen nicht entdecken. Darum:  Um Antwort wird gebeten - U.A.w.g.

Nun zum Zweiten:

Das Himmelreich steht allen Menschen offen. Aber es bleibt ihnen nur offen, wenn sie ihr Leben durch Gottes Liebe umkleiden lassen.

Mit Jesus Christus hat Gott alle Menschen zum Fest seiner Liebe eingeladen. Allen Menschen hat er sein Himmelreich verheißen. Die Hochzeitstafel ist festlich gedeckt. Alle sind eingeladen die Liebe und Gnade Gottes zu feiern – „Böse und Gute“! - Menschen müssen nicht „gut-sein“ oder „gut-werden“, bevor Gott sie einlädt. Aber zu unserer Antwort auf Gottes Einladung gehört es, dass wir uns von Gott verändern lassen. Dass wir der Liebe Gottes in unserem Denken, Fühlen und Handel Raum geben. Dass wir uns von der Liebe Gottes „umkleiden“ lassen, wie mit einem Kleid.

Paulus prägt dieses Bild in seinem Brief and die Kolosser (Kol 3,9f), wenn er schreibt: „Denn ihr habt den alten Menschen mit seinen Werken ausgezogen und den neuen angezogen.“ Der neue Mensch, das ist der, der nicht auf sich selbst vertraut, sondern an Gottes Gnade glaubt. Der neue Mensch ist der, der sich selbst vergisst, der nicht mehr an sich selber denkt, sondern sich mit vielen anderen an Gottes Liebe erfreut. Der neue Mensch ist der, der fröhlich feiern kann, weil Gott, der König der Welt, ihn selbst eingeladen hat zum Fest des Glaubens.

Wenn wir der Einladung Gottes zum Hochzeitsmahl folgen, dann sollten wir uns immer wieder neu von Gottes lebendigem Wort „hochzeitlich“ einkleiden lassen. Gott lädt uns ein, ohne dass wir dieses hochzeitliche Gewand bereits besitzen, ohne dass wir es selbst herstellen oder kaufen müssten. Gott wird uns in seiner Liebe das „Kleid des Heils“ und den „Mantel der Gerechtigkeit“ schenken, wenn wir seine Einladung annehmen. Aber dann müssen wir Kleid und Mantel auch anziehen und tragen, wenn wir zum Fest gehen. Denn das äußere Gewand ist Zeichen für die innere Verwandlung, die wir durchgemacht haben. Dadurch, dass wir selber Heil und Vergebung erfahren, können wir in unserem Leben selber heilsam wirken / und Vergebung schenken.

Das Grundmotiv des christlichen Lebens ist durch Christus versöhnt werden mit Gott, in Christus zu einer neuen Kreatur werden. Das gilt für die vielen kleinen Ereignisse in unserem Leben, das gilt aber auch für die großen Fragen der Politik – wenn Menschen sich versöhnen, d.h. in Gerechtigkeit und Frieden zusammenleben wollen. Sich zusammen an einen Tisch setzen, miteinander essen, trinken, reden, feiern. Sich einig werden. Versöhnung feiern. Eins werden.

Es ist allerdings nicht so, dass jeder, der getauft ist, in der Taufgnade bleibt. Nicht jeder Getaufte bleibt im selig-machenden Glauben an die Vergebung, die ihm durch Christus geschenkt wurde. Wer gleichgültig der Sache gegenüber steht, der trägt kein hochzeitliches Gewand, denn er hat übersehen, dass sein Leben immer in Beziehungen steht. Wer kein hochzeitliches Gewand trägt, der lebt gewissermaßen ein Leben, als ob es nur ihn selber gäbe. Denn er sucht keine Nähe zum Gegenüber, zum Mitmenschen - auch nicht zu Gott. Auf diesen Menschen selber wird es zurückfallen, wenn der Gastgeber ihn bittet, von der Tafel aufzustehen und zu gehen. Denn nicht der Gastgeber hat den Menschen aus der Gemeinschaft ausgeschlossen – er selber hat sich von der versammelten Festgemeinschaft getrennt.

Jesus erzählte mit diesem Gleichnis sowohl von der großen Freude, als auch von dem großen Ernst der Einladung in Gottes Reich. Er drohte seinen Zuhörern nicht, er befahl nichts, er erzählte einfach dieses Gleichnis. Auch uns heute erzählt er es: Er spricht von der Freude, bei Gott eingeladen zu sein, UND von den ernsten Folgen, wenn diese Einladung verachtet wird. Die Einladung gilt heute ebenso wie damals. Beim Abendmahl werden wir es nachher wieder hören: Kommt, denn es ist alles bereit ... . Und Gottes Boten ziehen immer noch aus und laden Gute wie Böse mit dem Evangelium von Jesus Christus ein. Und was bedeutet das für uns? U.A.w.g., RSVP - Um Antwort wird gebeten. Folgt der Einladung. Kommt - und findet es selber heraus! Jesus hat einfach nur erzählt. 

Amen.


Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn und Gastgeber. Amen.