1. Timotheus 1,12–17
Lektorin Renita Gevers
In unserem Predigttext heute geht es um Barmherzigkeit, Richtungsänderung und die Kraft der Liebe.
1. Timotheus 1,12–17 - Dank des Paulus für die ihm geschenkte Gnade
12 Ich danke dem, der mir Kraft gegeben hat: Christus Jesus, unserem Herrn. Er hat mich für treu gehalten und in seinen Dienst genommen,
13 obwohl ich früher ein Lästerer, Verfolger und Frevler war. Aber ich habe Erbarmen gefunden, denn ich wusste in meinem Unglauben nicht, was ich tat.
14 Doch über alle Maßen groß war die Gnade unseres Herrn, die mir in Christus Jesus den Glauben und die Liebe schenkte.
15 Das Wort ist glaubwürdig und wert, dass man es beherzigt: Christus Jesus ist in die Welt gekommen, um die Sünder zu retten. Von ihnen bin ich der Erste.
16 Aber ich habe gerade darum Erbarmen gefunden, damit Christus Jesus an mir als Erstem seine ganze Langmut erweisen konnte, zum Vorbild für alle, die in Zukunft an ihn glauben, um das ewige Leben zu erlangen.
17 Dem König der Ewigkeit, dem unvergänglichen, unsichtbaren, einzigen Gott, sei Ehre und Herrlichkeit in alle Ewigkeit. Amen.
Liebe Gemeinde,
stellt euch vor, ihr habt euer ganzes Leben lang geglaubt, ihr wärt auf dem richtigen Weg. Ihr seid überzeugt, dass das, was ihr tut, richtig ist – sogar notwendig. Und dann – plötzlich – erkennt ihr: Ich habe mich geirrt. Nicht ein bisschen. Sondern komplett!
Was macht das mit einem Menschen?
Genau das ist Paulus passiert. Der große Paulus, der heute als einer der wichtigsten Menschen im Neuen Testament gilt, hat früher Christen gehasst. Er war überzeugt: Diese Leute sind gefährlich. Sie bedrohen den Glauben, die Ordnung, die Wahrheit. Also verfolgte er sie. Und zwar mit Eifer.
Doch dann, auf dem Weg nach Damaskus, wurde er buchstäblich gestoppt. Von Jesus selbst.
Und in diesem Moment, mitten im Unterwegssein, hält er plötzlich inne.
1. Innehalten: Wann warst du das letzte Mal wirklich bei dir?
Liebe Gemeinde, wann wart ihr das letzte Mal wirklich bei euch selbst?
Wann habt ihr euer Handy weggelegt, den Fernseher oder das Radiio ausgeschaltet, den Lärm ausgeschaltet, euch hingesetzt und in euch hineingehört?
Paulus war viel unterwegs, hatte viele Überzeugungen, viel Tatendrang. Und doch – oder gerade deswegen – musste er erstmal stehen bleiben, in seinem Fall gezwungener Maßen, zu erkennen: Ich habe etwas Falsches getan.
Und das Erstaunliche: Er wird nicht verurteilt. Kein "Du bist ein schlechter Mensch." Stattdessen: Jesus begegnet ihm mit Barmherzigkeit.
2. Erkenntnis: In dieser Barmherzigkeit erkennt er, Ich kann anders!
Paulus erkennt: Ich war voller Hass. Ich dachte, ich kämpfe für Gott. Aber ich lag falsch.
Und mit dieser Erkenntnis kommt das Wunder: Er darf anders werden.
Im 1. Timotheusbrief schreibt Paulus:
"Ich danke unserem Herrn Jesus Christus immer wieder, dass er gerade mich für vertrauenswürdig erachtet hat, ihm zu dienen, und dass er mir dafür auch die Kraft schenkte. [...] Umso reicher habe ich dann die unverdiente Güte des Herrn erfahren."
Gott hat ihn nicht weggestoßen, sondern in den Arm genommen.
3. Barmherzigkeit: Mit anderen – und mit uns selbst
Was mich bewegt, liebe Gemeinde:
Wie oft sind wir unbarmherzig – mit anderen, aber auch mit uns selbst?
Wie oft laufen wir herum mit Schuldgefühlen, mit Scham, mit Wut oder mit der Angst, nicht gut genug zu sein?
Wie oft versuchen wir zu funktionieren, weil wir es so gelernt haben – durch Erziehung, Religion, Kultur?
Ich erlebe das in meiner Arbeit mit traumatisierten Menschen immer wieder. Da sind so viele, die sich innerlich leer fühlen, nicht gehalten, nicht gehört, nicht verstanden, nicht gesehen, nicht unterstützt – nicht geliebt.
Wir nennen das heute in der fachlichen Sprache “Attachment Pains” – Verletzungen in unseren frühesten Beziehungen.
Und wenn diese nicht geheilt werden, glauben wir Lügen über uns selbst:
Ich bin nicht liebenswert. Ich muss stark sein. Ich darf keine Schwäche zeigen…
Und dann handeln wir unbarmherzig – mit uns und mit anderen,
manchmal aus Angst, manchmal, weil wir glauben, wir müssten so sein, wir müssten uns beweisen.
4. Die Kraft der Liebe: Ich darf neu anfangen.
Was Paulus erlebt hat, ist genau das, was wir alle brauchen:
Eine liebevolle Unterbrechung.
Ein Innehalten. Eine Begegnung mit dem Gott, der nicht straft, sondern heilt.
Mit dem Gott, der sagt:
„Ich weiß, woher du kommst. Ich weiß, was du getan hast. Aber ich sehe auch, was aus dir werden kann.“
Paulus wird nicht nur vergeben – er wird verwandelt.
Aus dem Verfolger wird ein Verkünder.
Aus dem Hassenden ein Liebender.
Aus dem Getriebenen ein Gesegneter.
Und warum? Weil Gott ihn gesehen hat.
Gott hat seine Wut, seine Blindheit, seine Vergangenheit nicht ignoriert – aber er hat sie auch nicht als letzte Wahrheit stehen lassen.
5. Was ist mit dir? Was ist mit uns?
Liebe Gemeinde,
vielleicht kennen wir das auch:
Wir denken, wir sind im Recht. Wir denken, wir müssen kämpfen und das verteidigen woran wir glauben, wovon wir überzeugt sind.
Und dann plötzlich merken wir – vielleicht ganz leise oder aber vielleicht wie bei Paulus wie mit einem Blitz:
Es geht auch anders.
Ich kann auch anders.
Und dann beginnt etwas Neues.
Nicht weil wir es verdienen. Sondern weil Gott barmherzig ist.
6. Der Glaube, der verbindet – trotz Meinungsverschiedenheit
Paulus hat gelernt: Man kann andere Meinungen haben – und sich trotzdem begegnen.
Man muss nicht gleich trennen, hassen, spalten.
Man kann stehen bleiben, hinhören, verstehen lernen.
Das wünsche ich uns als Welt, als Land, als Kirche, als Gemeinde, als Menschen.
Dass wir sagen: "Ich sehe dich. Auch wenn du anders denkst."
Denn das ist wahre Barmherzigkeit.
Gott ist anders – und das ist gut so!
Liebe Gemeinde,
vielleicht ist das die größte Erkenntnis von Paulus – und vielleicht auch unsere:
Nicht die Welt ist anders als wir dachten.
Gott ist anders.
Er ist barmherzig – geduldig - liebend.
Er hält uns, hört uns, versteht uns, sieht uns, unterstützt uns – liebt uns.
Und weil das so ist, dürfen wir – wie Paulus – sagen:
„Ich danke Jesus Christus, dass er mich nicht aufgegeben hat.“
„Gott sei Ehre und Lob in Ewigkeit.“
Und der Friede des Herrn, der höher ist als alle Vernunft, sei mit euch allen. AMEN.
