Predigten - 2025

Lukas 6, 36-42


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Lukas 6, 36-42


36Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. 37Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben.

38Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch zumessen.

39Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis: Kann denn ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen? 40Ein Jünger steht nicht über dem Meister; wer aber alles gelernt hat, der ist wie sein Meister.

41Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge, aber den Balken im eigenen Auge nimmst du nicht wahr? 42Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, danach kannst du sehen und den Splitter aus deines Bruders Auge ziehen.


Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

Liebe Gemeinde,

obwohl Lukas ein Evangelium schreibt und also von Jesus Christus berichtet, erzählt Lukas mehr von Gott als alle anderen Evangelisten. Zum Beispiel kommt das griechische Wort „Theos“, das für Gott steht, bei Markus 48-mal, bei Matthäus 51-mal und bei Lukas 290-mal vor.

Ein zentrales Thema im Lukasevangelium ist Gott. 

Wer ist dieser Gott, den Jesus Vater nennt? 

Gott ist im Hintergrund von allem, was in Jesus Leben geschieht. In Jesus Leben wird sichtbar, wie Gott in der Welt wirkt. Von Jesus lernen wir, die nachfolgenden Christen, wie wir Gott verstehen, wie wir so handeln, wie Gott es sich wünscht.

So geht es gleich in Vers 36 anspruchsvoll los: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist“!

Barmherzigkeit ist eine der wichtigsten Eigenschaften Gottes, die ein gutes Zusammenleben ermöglichen. Barmherzigkeit ist eine Reaktion auf das Ergriffensein durch die Not eines anderen.

Und damit sind wir bei einem so wesentlichen Teil unseres menschlichen Zusammenlebens: wie reagieren wir in der Not? Wie handeln wir, wenn wir in Not geraten? Wie handeln wir, wenn andere in Not sind?

Welchen Stellenwert hat die Not für unsere Entscheidungen?

Psychologen würden antworten: die Not hat einen hohen Stellenwert. Denn Not erzeugt Angst. Angst ist eine Reaktion. Erst wenn wir die Not erkennen, die dahintersteckt, können wir Angst überwinden.

Barmherzigkeit bewirkt, wahrzunehmen und zu akzeptieren, dass Menschen in Not sind und in Not geraten. Denn von unseren Nöten erzählen wir Menschen uns gegenseitig leider selten. Wir schämen uns. Wir verstecken uns.

In Not möchte keiner sein, denn schließlich ist es doch viel attraktiver gut dazustehen.

„Seid barmherzig!“, die erste Aufforderung, die ich daraus höre: Nehmt wahr und geht davon aus, dass euer Gegenüber schon mal in Not war oder Not kennt oder sogar in Not ist.

Wir schauen aber lieber nur an der Oberfläche: Zum Beispiel: da ist ein Mann, der sich ungern an Gesprächen beteiligt. Er wirkt etwas wirsch, ungehalten. Er vermittelt den Eindruck: „Lass mich in Ruhe!“ Er wirkt sogar etwas arrogant.

Viele Menschen sind schnell mit ihrem Urteil: Ok, mit dem will ich nichts zu tun haben! 

Aber es könnte auch sein, dass diesem Mann als Junge vermittelt wurde: Du bist nichts wert. Du hast nichts zu sagen. Es könnte hinter seinem Verhalten eine alte Not liegen – vielleicht sogar etwas, das ihm selbst nicht bewusst ist. 

„Seid barmherzig!“, das bedeutet für mich: Schaut euer Gegenüber mal mit Gottes liebevollen und fürsorglichen Augen an. 

Der Wochenspruch aus Galater 6, 2: Einer trage des anderen Last, so wird das Gesetz Gottes erfüllt ist für mich eine Antwort auf die Frage nach dem Balken im Auge des anderen.


Es fällt uns Menschen so leicht, einen anderen Menschen zu beurteilen oder ein Urteil über ihn zu fällen. Es geht in Windes Eile. Wir sehen einen Menschen und innerhalb von Sekunden wird das erste Urteil gefällt: Der gefällt mir oder nicht.

In erschreckendem Ausmaß nutzen das die Dating Platformen: Such dir einen Partner aus: Klick dich durch die Angebote: zack zack: dieser geht. Dieser geht gar nicht.

Speed Dating beschleunigt das noch: Bloß nicht genau hinschauen. Bloß nicht auf jemanden einlassen – nein, schnelle knallharte Urteile.
Das führt dazu, dass jeder so gut wie möglich dar stehen möchte – nur keine Blöße zeigen. Das ist unbarmherzig und anstrengend. Ja, so leben wir miteinander.

Wie wohltuend sind dagegen Begegnungen, in denen wir sein können, wie wir sind. Wie heilsam sind Beziehungen, in denen wir geliebt werden mit unseren Schwächen und Stärken.

Anstatt den Balken im Auge des anderen zu sehen, sollten wir den Schmerz wahrnehmen, den dieser Balken verursacht. Ich habe schon häufig festgestellt, dass Menschen sehr genau ihre eigenen Schwächen kennen und an ihnen genug leiden. 

Und wenn wir ehrlich mit uns selbst sind, dann wissen wir auch, wie schwer es ist, den Splitter im Auge herauszubekommen.

Ein Ausgangspunkt ist also: „Seid barmherzig zu euch selbst!“ Widmet euch mal dem, was euch schmerzt und was eure Sicht, eure Ansichten, euer Weltbild so bestimmt. 

Welche Not, welcher Schmerz ist da zum Splitter geworden?

Manchmal ist es hilfreich solche Fragen in einem Gespräch mit einem erfahrenen Seelsorger oder Berater oder Bruder oder Schwester zu stellen.

Ich bin sicher, wenn wir uns gegenseitig so begegnen – barmherzig, mitfühlend, berührt von und empfindsam für die Not unserer Mitmenschen, dann ändert sich etwas in unserem Leben.

Wenn wir die Last des anderen mittragen, anstatt ihn aufgrund seiner Schwächen zu verurteilen, dann erleichtert das unser Zusammenleben. 

Lukas verändert den Blick. Er geht weg von der menschlichen Überzeugung: Wie du mir, so ich dir. Und stattdessen lebt er von der Einsicht: Wie Gott mir getan hat, so tue ich dir.

Das ist eine wunderbare und heilsame Veränderung.

Hier liegt ein anderes Menschenbild zugrunde. Es gilt nicht mehr: Ich muss mir die Liebe Gottes verdienen und verdiene sie dann auch, sondern es gilt: Gott liebt mich bedingungslos. Später illustriert Lukas das, was er hier schreibt in dem großartigen Gleichnis vom Vater, der seinen Sohn mit offenen Armen empfängt. Diese Haltung wünscht er sich für die Christen in der Welt. Christen werden Menschen, die mit offenen Armen in der Welt leben.

Es bedeutet nicht über Fehler hinwegzugehen oder Gemeinheiten einfach hinzunehmen. Es geht nicht darum, so zu tun, als seien alle Menschen fehlerfrei. Lukas ist nicht blind für das Böse in der Welt. Es geht nicht darum, sich alles gefallen zu lassen.

Doch das Besondere an dem Menschenbild von Lukas: es gründet sich in der Beziehung und nicht in der Leistung. Ein Mensch ist nicht wert, was er leistet und tut. Ein Mensch wird folgerichtig auch nicht wertlos, weil er Böses tut.

Durch die Beziehung Gottes, durch Gottes Barmherzigkeit geschieht eine heilsame Veränderung. 

Wer das erlebt, nimmt sich selbst neu in den Blick: Entwickelt sich selbst, bleibt nicht der neidische Bruder, der die freundliche Aufnahme des heimkehrenden verlorenen Sohnes etwas ausmacht.
Nein, wer die Beziehung zu Gott als Ausgangspunkt für alle Beziehungen nimmt, der schenkt die Liebe weiter, die er selbst erfahren hat. Der eigene Splitter wird geheilt und damit Vertrauen geweckt, dass auch der Balken im Auge des anderen durch Liebe, durch Barmherzigkeit geheilt werden kann. 

Nochmal es geht nicht um falsche Toleranz gegenüber Unrecht oder Gewalt. Das sei klar gesagt. Es geht nicht darum, hinzunehmen, dass die Welt böser wird oder der Umgang miteinander gröber wird. 

Es geht darum, genau diese Entwicklung zu unterbrechen, indem ich mich selbst immer wieder prüfen lasse: Was macht mir da eigentlich zu schaffen? Und wie und wo bin ich beteiligt an dieser bösen Welt. Wie schnell rechtfertigen wir Gewalt, wenn sie im Namen der Freiheit oder als Verteidigung getan wird?


Barmherzigkeit ist kein Almosen, keine naive Liebe: sie kostet uns etwas: sie ist Mitgefühl – sie ist echte Verbundenheit. Sie ist Liebe. 
Der Vater, der seinem Sohn das Erbe ausbezahlte, wird gelitten haben, als es verprasst wurde – er wird gelitten haben, seinen Sohn bei den Schweinen zu sehen – seine Freude ist auf dem Hintergrund des Leidens zu verstehen.

So ist Vergebung. So ist Barmherzigkeit. So ist Liebe – sie ist die Bereitschaft Böses mit Gutem zu überwinden.
Sie ist die Bitte, dass Gott uns Kraft schenkt in der Not liebevoll zu bleiben, statt unmenschlich.

Es ist die Bitte, dass Gott uns so herausfordert, dass wir an unseren menschlichen Grenzen nicht aus Fremden Feinde machen, sondern Freunde.

Es ist das Vertrauen eines gnädigen Gottes in seine ungnädige Menschheit: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

Es ist die Einsicht, wenn einer die Last des anderen trägt, dann wird das Leben erträglich.

Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.