Predigten - 2025

Matthäus 9, 35ff und 10, 5-10


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Matthäus 9, 35-38 und 10,5-10


35 Und Jesus zog umher in alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen. 

36 Und als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren geängstigt und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben. 

37 Da sprach er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter. 

38 Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende.


5 Diese Zwölf sandte Jesus aus, gebot ihnen und sprach: Geht nicht den Weg zu den Heiden und zieht nicht in eine Stadt der Samariter, 6sondern geht hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel. 

7 Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. 

8 Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus. Umsonst habt ihr’s empfangen, umsonst gebt es auch. 9Ihr sollt weder Gold noch Silber noch Kupfer in euren Gürteln haben, 

10 auch keine Tasche für den Weg, auch nicht zwei Hemden, keine Schuhe, auch keinen Stecken. Denn ein Arbeiter ist seiner Speise wert.


Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen 

Liebe Gemeinde, 

Jesus schaut sich die damalige Welt an – die Menschen, zu denen er gehört, sein Volk und es ergreift ihn eine Traurigkeit, die ihm „die Gedärme im Leib“ herumdreht. So ist das griechische Wort, das Luther mit „es jammerte ihn“ übersetzt. 

Wenn Jesus sich die Mitmenschen anschaut, das geht ihm an die Nieren, würden wir heute sagen. Oder das geht ihm unter die Haut.

Mit anderen Worten, es ist nicht nur eine seelische, sondern eine körperliche Reaktion. Wenn er da lange hinschaut und wenn er das lange sehr dicht an sich heran lässt und wenn er immer weiter so ergriffen die Menschen anschaut, dann würde er selbst wahrscheinlich schnell krank werden.

Das wissen wir heute, dank medizinischer und psychologischer Wissenschaft, noch genauer. Das Leid der Welt kann uns an die Nieren gehen und zu viel werden. 
Anderseits ist Mitgefühl eine der wichtigsten Eigenschaften.

Was nun: Mitgefühl und sich auf das Leid einlassen oder sich distanzieren?

Für Matthäus ist das kein „Entweder-Oder“, sondern wie so oft im Leben: Beides gehört zusammen. 

Schauen wir auf Jesus. Lassen wir uns ein auf diesen Abschnitt.

Wie reagiert Jesus auf die Erfahrung, dass sich „die Gedärme im Leib herumdrehen“? Jesus wird nicht krank, sondern er schaltet seine Vernunft ein. 

Er analysiert und kommt zu der Erkenntnis: „Die Ernte ist groß“. Das bedeutet: Es gibt viel zu tun. Und merkt ihr, wie klug: Er nimmt ein Bild, wo viel zu tun ist, aber am Ende ein Fest steht.

Für mich ist es kein zufälliges Bild, sondern in dem Moment, in dem Jesus erkennt, wie unglaublich viel zu tun ist, wird er nicht von der überwältigend großen Aufgabe erschlagen, sondern es entsteht ein hoffnungsvolles Bild: Menschen bei der Ernte.

Das ist anders als Menschen, die in einem Steinbruch arbeiten. Oder Menschen, die untertage in Minen arbeiten.

„Die Ernte ist groß!“ ist für einen Landwirt zwar einerseits eine große Aufgabe und gleichzeitig aber auch eine große Freude. Wer freut sich nicht über eine große Ernte?

Da werden dann Menschen mobilisiert: Erntehelfer und los geht die Arbeit. Und während die Ernte eingefahren wird, wächst die Zuversicht, dass der nächste Winter zu schaffen ist.

Wenn wir auf unsere Welt schauen, dann kann es uns auch „die Gedärme im Leib herumdrehen“. Und verglichen mit der damals noch sehr überschaubaren Welt, ist der Blick in die Welt heute noch viel schwerer zu ertragen. Jedenfalls in Hinsicht auf das Leid der Welt.

Wie reagieren wir? Oft höre ich, dass Menschen überwältigt sind und hoffnungslos werden. Oft ist unsere Reaktion: was ich tue, ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Oft geht uns etwas an die Nieren, aber wir kommen nicht in freudiges  Handeln, sondern in gelähmte Passivität.

Das könnte sich ändern, wenn wir uns das Bild von Matthäus zu eigen machen: „Die Ernte ist groß!“ Das bedeutet, die Arbeit, die uns als Christen, als Nachfolger Jesu aufgetragen wird, ist zwar harte Arbeit, doch am Ende steht ein Fest.

Ich glaube, dass wir so überwältigt und hoffnungslos sind, verzweifelt ob der Größe der Aufgabe, könnte auch daran liegen, dass wir im Verborgenen meinen: Wir müssten die Welt retten. Davon aber ist bei Matthäus nicht die Rede. Das Weltretten ist Gottes Aufgabe. Also sehe ich auch in diesem Abschnitt wieder beides: Zum Einen Jesus menschlicher Blick in die Welt – wo das Leid uns zu schaffen macht und unter die Haut geht. Und dann ist da die göttliche Sicht: Die Ernte ist groß! Dieser Blick wird Jesus geschenkt und uns ebenfalls.

Wie packt Jesus nun diese Erntearbeit an: er selbst lehrte, predigte und heilte und er sandte Menschen aus, es ihm gleich zu tun. 

In heutiger Sprache würde ich sagen: lehren bedeutet: Hilfe zur Selbsthilfe: Bildung ist und bleibt einer der besten Wege langfristig positive Veränderung für Menschen zu schaffen.

Predigen heißt, ermutigen und Kraft und Trost spenden, Hoffnung säen, sodass Menschen Mut haben, sich auf einen langen Weg einzulassen. Und heilen bedeutet: wo es geht Soforthilfe zu leisten. 

Ich will noch einmal etwas genauer in den Abschnitt schauen. Was ist es eigentlich, was Jesus so besonders angreift und erschüttert? Es ist der Eindruck, dass die Menschen herumirren wie Schafe ohne Hirten. Er ist erschrocken darüber, wie wenig Vertrauen unter den Menschen ist. Es wundert ihn, wie heillos sie sind.

Mir hilft es, mir das bewusst zu machen. Jesus ist nicht so überwältigt von den Krankheiten an sich. Es gehört zu unserem Leben, dass wir gute und schwere Tage erleben. Krankheiten gehören selbstverständlich zu unserem Leben hinzu. Tod, Unfälle, Kinderkrankheiten und chronische Krankheiten, lebensgefährliche Eingriffe das alles gibt es.

Was Jesus schockiert ist, wie wenig Halt viele Menschen haben, wie klein ihr Vertrauen ist, wie groß ihre Illusion ist, dass wir immer wieder gesund werden können und wir womöglich am Ende Leid und Tod aus der Welt verbannen.

Das ist eine Illusion.

Jesus nährt diese Illusion nicht. Die Hoffnung, die Jesus gibt, ist nicht eine persönliche Unversehrtheit, ein unfallfreies Leben oder die Überwindung der menschlichen Sterblichkeit. 

Jesus lehrt, inmitten dieser Welt, in der es diese Trostlosigkeit und dieses menschliche Leiden, diese Schattenseite, die schwere Seite des Lebens gibt, ist das Reich Gottes nahe.

Jesus sieht Gott in dieser Welt. Gott schenkt in dieser Welt eine Kraft, sodass wir hier schon Grund haben, zu feiern. Gott schenkt eine Zuversicht, die Menschen durch dunkle Phasen hindurchleitet und sie wieder Momente von Freude erleben.

Jesus lehrt, dass dies alles seine Zeit hat: die Geburt und der Tod. Krankheit und Gesundheit. Frieden und Streit.

Jesus predigt: er findet Worte, um die Herzen zu erreichen und Menschen spüren: Gott ist mir nahe. 

Und Jesus schickt Menschen los, die das erfahren haben. Die Ernte ist groß. Das ist eine wunderbare Aufgabe. Macht mit! Wirkt mit an dieser großen hoffnungsvollen Arbeit.

In diesem Gottesdienst spüren wir auf unterschiedliche Weise diesem Abschnitt nach:

Ich predige. Doch ebenso wichtig: Wir feiern Abendmahl: Ein Fest der Versöhnung. Eine Kraftquelle für unser Vertrauen. Ein vorgezogenes Erntefest! Ein Innehalten, was in zweitausend Jahren nach Jesus schon an Erntearbeit geleistet wurde: wie viele Menschen getröstet, geheilt, begleitet, ermutigt.

Und dann am Ende werden wir gesegnet und erneut in die Welt geschickt, um zu bezeugen: Das Reich Gottes ist nahe! 

Eine große Erleichterung, dass wir nicht die Welt retten müssen, sondern die Rettung der Welt, den Heiland erfahren und bezeugen!

Der Friede, der höher ist als Gottes Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen