Predigten - 2025

Hiob 23


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Hiob 23


1 Hiob antwortete und sagte:

2 Auch jetzt besteht meine Klage im Widerspruch, seine Hand lastet schwer auf meinem Seufzen.

3 Ach, wenn ich nur wüsste, wo ich ihn finden könnte, sodass ich zu seinem Richterthron gelangen könnte!

4 Ich würde meinen Rechtsfall vor sein Angesicht bringen und ihm die Gründe nennen, die mich entlasten.

5 Ich würde die Worte erfahren, die er mir antwortet, und darauf achten, was er mir zu sagen hat.

6 Würde er dann mit ganzer Härte mit mir streiten? Nein! Er würde Rücksicht auf mich nehmen.

7 Dort könnte einer aufrichtig mit ihm streiten, und ich für immer mein Recht durchsetzen.

8 Doch wenn ich nach Osten gehe, ist er nicht da, und nach Westen, bemerke ich ihn nicht.

9 Wirkt er im Norden, nehme ich ihn nicht wahr. Verbirgt er sich im Süden, sehe ich ihn nicht.

10 Er aber kennt den Weg, auf dem ich bin. Prüft er mich, gehe ich wie reines Gold hervor.

11 Denn mein Fuß hielt sich auf seiner Bahn, ich blieb auf seinem Weg und bog nicht ab.

12 Vom Gebot seiner Lippen bin ich nicht abgewichen, die Weisungen seines Mundes bewahrte ich im Herzen.

13 Hat er etwas beschlossen, wer kann es verhindern? Hat er sich für etwas entschieden, führt er es aus.

14 Auch mit mir tut er, was er bestimmt hat. Und vieles mehr hat er mit mir im Sinn.

15 Darum erschrecke ich vor seinem Angesicht. Wenn ich nur daran denke, macht er mir Angst.

16 Gott ließ mein Herz verzagen, der Allmächtige hat mich in Schrecken versetzt.

17 Dennoch verstumme ich nicht vor der Finsternis, vor seinem Angesicht, das Dunkelheit bedeckt.


Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

Liebe Gemeinde,
Ich zitiere Worte aus einem Lied von einem recht bekannten deutschen Liedermacher. Er heißt Klaus Hoffmann:


1.ein Haus und Sicherheit
ein Ring in Ewigkeit
ein Mensch, der immer bleibt
Vernunft für allezeit
wovor haben wir nur so viel Angst


2.ein Lächeln, das nicht stimmt

ein Blick, der nichts beginnt
die Hand, die nur noch nimmt
und Zeit, die schnell verrinnt
wovor haben wir nur soviel Angst


Ref.:
und der Wind fegt all die Blätter fort
und der Tod, ist mehr als nur ein Wort
denn nichts bleibt, nichts bleibt, nichts bleibt
kein Ring, kein Gold, kein Leid
nichts bleibt, nichts bleibt, nichts bleibt
es wird Zeit zu leben


Klaus Hoffmann bringt Hiobs Erfahrung auf den Punkt: „Nichts bleibt“.

Hiob war ein reicher, erfolgreicher Mann – das Buch Hiob spricht von ihm einerseits als erfolgreicher Landwirt mit großen Herden und anderseits wird er als erfolgreicher Städter porträtiert.
Ob reicher Mann vom Land oder aus der Stadt, Das Buch Hiob beschreibt, dass Hiob alles verliert.
Damit erzählt diese Geschichte: es kann jeden treffen. Ob vom Land oder aus der Stadt. Ob gebildet oder ungebildet. Reiche und Mächtige: „Nichts bleibt!“

In der Theorie wissen wir das. Vor allem wir frommen Menschen stellen uns auf den Tod ein. „Nichts bleibt!“
Hiob redet aber nicht vom Ende seines Lebens, sondern er begegnet dem Tod, mitten im Leben. Es ist der Tod, der ihm alles nimmt: mittendrin. Das einzige was ihm bleibt. Hiob atmet noch.
Nichts anderes ist Hiob geblieben. Das Buch erzählt es eindrücklich, wie diesem frommen, gottesfürchtigen Mann alles abhandenkommt: sein Reichtum, seine Familie, seine Gesundheit, seine Freunde – nichts bleibt!
Fast nichts: denn an einem da hält Hiob fest: Er atmet. Er lebt und vertraut: dann ist Gott noch immer Gott.
Hiob kann Gott weder sehen noch hören. Hiob sucht im Osten und im Westen. Gott könnte im Süden oder im Norden sein – doch Hiob sieht ihn nicht.

Seine Freunde reden auf ihn ein und sind fest davon überzeugt: Es muss doch irgendeinen Grund dafür geben, dass es Hiob so schlecht ergeht. Sie gehen nicht mit Hiob auf die Gottessuche, sondern sie suchen nach vernünftigen Erklärungen. Sie erwarten auf die große Frage: „Warum?“ eine logische Antwort. Irgendetwas muss Hiob falsch gemacht haben. Und sei es eine verborgene Schuld. Es muss an Hiob liegen.
Denn solange wir Menschen etwas erklären können, meinen wir, wir haben das Problem unter Kontrolle. Wenn diese Freunde nachweisen, dass Hiob im Grunde schuld an seiner Situation ist, dann haben die Freunde die Möglichkeit, zu glauben, dass es sie nicht erwischt.

Ja, liebe Gemeinde, kennt ihr das Gefühl und der trotzige Gedanke: „Mir kann das nicht passieren!“
Wir sagen das nicht so offen wie diese Freunde, doch manche von uns denken es: Wie gut, dass ich nicht so schlecht dran bin – und ja, ich verstehe es auch, warum es mir nicht passieren wird. „Ich esse gesünder als manche Kranke. Ich kann besser mit Geld umgehen…“. Solche Gedanken haben manche von uns, wenn sie auf die Not anderer treffen.
In dieser Annahme liegt beides: Der Wunsch, die Kontrolle zu behalten und eine Hilflosigkeit gegenüber mancher Not. Es ist eine Hilflosigkeit, die überheblich wirkt. Es ist die tiefe Überzeugung: „Es muss doch einen Grund geben“.
Einen Grund für die schwere Krebserkrankung. Einen Grund für die Scheidung. Einen Grund für die finanzielle Not.

Zugegeben: oft gibt es Zusammenhänge und Gründe. Weit verbreitet ist das Gefühl: Jede Tat hat eine Konsequenz. Was wir tun und lassen, hat Auswirkungen. Und ja, es kann in vielen Fällen so sein und sogar auch der Ansatz sein, um aus der Not herauszufinden. Es kann sein, dass jemand unkluge finanzielle Entscheidungen getroffen hat und nun im Alter weniger hat, als möglich gewesen wäre.
Es kann sein, dass manche Krankheit vermeidbar ist. Es ist auch so, dass manche Trennung zu früh kommt und voraussehbar war.
Das alles stimmt und die Freunde sprechen es aus.

Doch hier in dieser Erzählung geht es nicht um solche Not. Hier geht es nicht um berechenbare und verstehbare Konsequenzen eines Fehlverhalten. Hier geht es nicht einmal um die Folgen einer Naturkatastrophe. Hier geht es um die Not, die nicht erklärt werden kann: Das einem Menschen alles abhandenkommt, obwohl er nach menschlichem Ermessen alles richtig gemacht hat.
Merkt ihr, wie sich da Widerspruch meldet: „Nein, irgendetwas wird nicht richtig gewesen sein“.

Je mehr wir uns auf die Freunde konzentrieren, desto mehr verlieren wir Hiob aus dem Blick – Hiob, der seine Not beklagt und ihr ausgeliefert ist und doch in den schwersten Stunden weiter vertraut. Für ihn scheint die größte Gefahr zu sein, dass ihm Gott abhandenkommt.

Wenig moderne Menschen erleben das als Gefahr, denn sie haben gar keinen Gott, der ihnen abhandenkommen kann.
Diese Erzählung, die von außen betrachtet eine Geschichte ist, die uns warnt: „Nichts bleibt!“, ist doch anderseits das große Bekenntnis Hiobs: „Gott bleibt“.

Gott bleibt weiter!
Gott ist unsichtbar für Hiob. Gott ist nicht spürbar für Hiob. Gott ist nicht verstehbar. Gott ist abwesend und verborgen. Gott ist vielleicht sogar furchtbar und beängstigend. Doch für Hiob ist eines klar: Gott ist und bleibt und bleibt Gott.
„Ach, wenn ich nur wüsste, wo ich ihn finden könnte!“ Das ist Hiobs Gebet als ihm alles andere, alles Äußere, alles Materielle weggenommen wurde.
Überraschend aus welchem Grund Hiob Gott sucht. Er sucht Gott, um einen Rechtsstreit mit ihm zu führen. Hiob klagt Gott an. Hiob verzweifelt an dem Gedanken und ist vollkommen überzeugt: Hier geschieht Unrecht. Das geht nicht mit rechten Dingen zu. Das habe ich nicht verdient. Hiob wirft sich nichts vor.

Hiob widerspricht den Freunden, die nach einfachen Antworten suchen. Hiob bleibt ein Gottessucher! Er fragt sich, ob Gott zum Feind geworden ist oder ob er ein freundlicher Gott bleibt.
Hiob traut Gott allerhand zu nur eines traut er ihm nicht zu: Dass Gott nicht mehr Gott ist.
Darin ist Hiob ein Mann, der sich von sehr vielen anderen Menschen unterscheidet. Immer mehr Menschen in unserer Welt kommen zu der Erkenntnis: Da es so viel Leiden in der Welt gibt, gibt es keinen Gott. Ihre Not lässt sie an Gott zweifeln.
Hiob aber bleibt dabei: Ich möchte Gott finden.
Er nimmt in Kauf, dass er einen Gott findet, der anders ist als er bisher dachte. Bisher hatte Hiob Gott als großzügigen Gott erlebt. Bisher hatte Hiob seinen Erfolg Gott zu verdanken. Bisher hatte er vermutet: Wenn ich mich anständig verhalte, dann wird Gott mich mit Wohlstand segnen.
Dieser Glaube kommt ihm abhanden. Bitter stellt er fest: Gott ist vielleicht nicht so freundlich und lieb, wie ich dachte. Verunsichert befürchtet er, ob Gott vielleicht sogar dieses Leiden verursacht. Hiob vermutet Gott könne ihn prüfen und läutern.
Hiob hadert mit diesen Gedanken. Sie lösen Befremden und Angst aus. Ja, solche Lebens- und Glaubenskrisen sind schwere Phasen. Hiob erfährt, Gott ist anders als ich Gott bisher gedacht und geglaubt und erfahren habe.

Doch Hiob widersteht der Versuchung zu verstummen und innerlich zu sterben. Hiob erhebt seine Stimme: er ringt mit Gott. So wie Jakob mit Gott gerungen hat am Jabokk, so ringt Hiob mit Gott.
„Dennoch verstumme ich nicht vor der Finsternis, vor seinem Angesicht, das Dunkelheit bedeckt!“
Das ist der abgewandte, verborgene Gott – sein Angesicht leuchtet nicht mehr – es ist von Dunkelheit bedeckt.

Hiob bleibt zugewandt. Er hebt weiter seine Augen auf zu den Bergen. Er betet weiter wie wir heute am Anfang gebetet haben: „Gott ist nahe allen, die ihn anrufen, allen, die ihn ernstlich anrufen.“
Das ist, was Hiob tut: Er ruft Gott ernstlich an und fleht und bittet, dass Gott sein Angesicht ihm wieder zuwendet.
„Lass dein Angesicht leuchten!“ Hiob ist überzeugt: Wenn ich Gott finde, dann lebe ich!

Das ist der Glaube, von dem Jesus sagt: er kann Berge versetzen!
Ich wünsche euch in der Not: Freunde, die mehr Mitgefühl haben, als die Freunde Hiobs und so einen starken Glauben, der auf der Suche nach Gott bleibt.
Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass Gott sich finden lässt und ihr von Gott gefunden werdet.
Das ist eine wunderbare Erfahrung: Wenn man in solcher Not ist, dass so überdeutlich ist, „Nichts bleibt!“, zu erfahren: Gott ist und bleibt – und daher ist noch immer Zeit zum leben.

Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen