Jakobus 2,14-26
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.
Liebe Gemeinde,
wenn Lutheraner den Namen Jakobusbrief hören, fällt ihnen oft ein Wort ein: die stroherne Epistel. So hat Martin Luther diesen Brief genannt. Er hat ihn nicht aus der Bibel entfernt – das konnte er nicht –, aber er hat ihn ans Ende gestellt.
Seitdem hat es der Jakobusbrief schwer.
Schwer ist es, wenn man abgestempelt wird.
Schwer, wenn ein Urteil einmal gesprochen ist – und dann niemand mehr genau hinschaut.
Wie oft machen wir Menschen das: Wir übernehmen ein schnelles Urteil eines anderen und berufen uns darauf, anstatt selbst hinzusehen.
Ehrlich gesagt: Damit werden wir weder Luther gerecht – denn er hat über den Jakobusbrief auch anderes gesagt –, noch werden wir Jakobus selbst gerecht.
Warum also war dieser Abschnitt für Luther so schwierig?
Weil Jakobus positiv über die Werke des Glaubens spricht. Und Luther meinte, darin einen Widerspruch zu Paulus zu sehen.
Zur Zeit Luthers konnte ja offenbar nur einer recht haben.
So kann man mit der Bibel umgehen:
Man erklärt den, der dem größeren, wichtigeren Theologen widerspricht, für weniger bedeutend.
Das hat Tradition – besonders in einer Theologie, in der einer recht haben muss und der andere irrt.
Aber könnte es nicht sein, dass beide, Paulus und Jakobus, etwas Wichtiges zu sagen haben?
Dass sie einfach verschiedene Seiten beleuchten?
Vielleicht sollten wir sie beide fragen: Wie seid ihr jeweils darauf gekommen? Warum betont ihr gerade diesen Aspekt. Und dann würden wir merken, dass es mit ihren eigenen Erfahrungen und Biografien zusammenhängt.
Bevor wir zu den „Werken des Glaubens“ kommen, lohnt sich ein Blick auf die beiden Beispiele, die Jakobus nennt: Abraham und Rahab.
Zwei sehr verschiedene Menschen – und beide tragen ein Etikett:
Abraham, der „Vater des Glaubens“ – positiv abgestempelt.
Und Rahab – „die Hure“ –, die kaum jemand kennt, weil ihr Etikett so laut schreit.
In unserer Welt werden Menschen schnell abgestempelt. Wer einmal in einer Schublade steckt, kommt schwer wieder heraus.
Prostituierten geht es ganz bestimmt so– über sie wird kaum gesprochen, und doch ist es eine Realität, dass viele Männer ihre Dienste in Anspruch nehmen. Ein Tabu. Und die Frauen, die diese Dienste anbieten, sind gesellschaftlich geächtet. Sie werden nicht wahrgenommen mit ihrem ganzen Leben, ihrer Geschichte, ihren Familien.
Aber: Die Hure Rahab wird im Stammbaum Jesu genannt. Und Jakobus nennt sie in einem Atemzug mit Abraham.
Welche Ironie, dass ausgerechnet Jakobus selbst später in den Katalog der Abgestempelten aufgenommen wurde – weil er von den Taten des Glaubens spricht.
Lasst uns also neu und offen hinhören – als hörten wir diese Worte zum ersten Mal, ohne dass Luther uns schon gesagt hätte, wie wir sie zu verstehen haben.
Lesen von Jakobus 2,14–17.24–26
(14) Was wäre der Nutzen, meine Brüder, wenn jemand sagte, er habe Glauben, Taten aber nicht hat? Kann ihn etwa der Glaube retten?
(15) Wenn ein Bruder oder eine Schwester nackt wäre und die tägliche Nahrung nicht hätte,
(16) jemand von euch aber zu ihnen sagte: „Geht hin in Frieden, wärmt und sättigt euch“, ihr ihnen aber gleichzeitig nicht die notwendigen Lebensbedürfnisse zur Verfügung stelltet, was würde das nützen
(17) So ist auch der Glaube, wenn er nicht Taten hat, tot in sich selbst.
(24) Ihr seht, dass aus Taten der Mensch gerecht wird und nicht aus Glauben allein.
(25) Wurde aber nicht auch ebenso Rahab, die Hure, aus Taten gerechtfertigt, als sie die Boten aufnahm und sie auf einem anderen Weg herausließ?
(26) Wie nämlich der Leib ohne Geist tot ist, so ist auch der Glaube ohne Taten tot.
Liebe Gemeinde,
was Jakobus hier schreibt, steht für mich ganz im Einklang mit dem Gleichnis von den anvertrauten Gaben.
Es ist die Ermutigung: Macht etwas mit eurem Leben! Und es ist der Auftrag: Lasst Worte und Taten im Einklang sein!
Denn was bringt es, wenn unser Glaube nur Theorie bleibt – wenn wir oder andere davon nichts spüren?
Jakobus greift hier im Grunde den Gedanken der Auferstehung auf:
Glaube macht lebendig.
Wir Menschen sind mit Körper, Geist und Gefühlen begabt.
Unsere Lebendigkeit zeigt sich darin, dass wir fühlen, handeln und uns bewegen.
Bewegt ist ein schönes Wort für Körper, Geist und Seele. Alles kann bewegt sein und uns in Bewegung halten – eben lebendig bleiben lassen.
Und doch gibt es viele Menschen, die sich innerlich gelähmt fühlen:
„Was soll ich nur tun?“
Manche sind so von Angst erfüllt, etwas falsch zu machen, dass sie lieber aufhören, zu spüren oder zu handeln.
Depressionen nehmen zu – Menschen verlieren die Kraft, sich zu bewegen.
Wie wohltuend ist es da, lebendige Menschen zu erleben:
Menschen, die nicht alles wissen, aber etwas tun. Menschen, die sich leiten lassen vom Mitgefühl. Menschen, die sich nicht dauernd nur um sich selbst drehen.
Menschen, die helfen, wo Not ist und zwar so, wie es ihnen in dem Moment am sinnvollsten erscheint:
in Winterveld, wo Lebensmittel verteilt werden,
im Babytherapiezentrum bei den kranken Kindern,
in der Nachbarschaft, wenn jemand im Krankenhaus liegt,
in Salvokop, wo Kinder Unterstützung bei den Hausaufgaben brauchen,
oder im Paul-Junickel-Haus, das vielen Hoffnung gibt.
Das sind nur Beispiele, die ihr ergänzen könnt
Wie lebendig kann ein Mensch werden, wenn er gibt – und empfängt!
Natürlich, nicht immer gelingt alles. Nicht jede Hilfe ist politisch korrekt. Nicht jedes Tun ist frei von Zweifeln oder Nebenmotiven.
Aber auch das zeigt Jakobus: Abraham wird in seinem Tun unterbrochen – er muss umdenken. Rahab handelt moralisch fragwürdig – sie lügt, um Leben zu retten und ihrer Familie zu helfen.
Beide sind unvollkommen. Und doch sie haben ihren Platz in der Geschichte Gottes. Gott wirkt durch Menschen, die nicht alles richtig machen. Denn es ist unmöglich alles richtig zu machen – da verlieren wir unsere Lebendigkeit.
Jakobus geht es nicht um moralische Perfektion, sondern um ein Herz, das sich berühren lässt. Er spricht an keiner Stelle davon, dass wir durch unsere Taten selig werden.
Das war gar nicht sein Thema. Sein Blick richtet sich auf die Not um uns herum – und darauf, dass unser Glaube uns nicht zu abgehobenen Himmelswesen macht,
sondern zu mitfühlenden Mitmenschen, mit beiden Beinen in der Welt.
Wer meint, er müsse möglichst viel tun, um in den Himmel zu kommen – oder der sogar Angst hat, er täte nicht genug, dem würde Paulus vielleicht besser helfen als Jakobus.
Es gibt unterschiedliche Probleme mit unterschiedlichen Lösungen.
Jakobus ruft Menschen ins Leben, die von Not überwältigt sind und von Angst geplagt – jetzt, ermutigt er zur Lebendigkeit.
Heute erleben wir in diesem Gottesdienst beides:
Eine Kindertaufe – Zeichen der unbedingten, freien Liebe und Güte Gottes.
Diese Liebe empfangen wir unverdient. Und wir hören die Aufforderung, unseren Glauben zu zeigen und mit unserem Glauben unser Leben zu gestalten. Taten!
Wenn diese unverdiente Liebe Gottes unsere Lebenskraft wird,
dann ist es keine Frage: Wir werden lebendig – mit Fehlern, mit guten Absichten, mit dem Mut, unser Leben zu gestalten.
Wie Abraham werden wir in unserem Tun immer wieder unterbrochen, durch neue Erkenntnisse, durch Erfahrungen, durch Gott.
Wie Rahab dürfen wir hoffen, dass Gott uns trotz unserer Brüche gebraucht und durch uns fehlerhafte Wesen Gutes entstehen kann. Das ist keine Ermutigung zum unmoralischen Leben, sondern eine Ermutigung, dass Gott in und durch jeden wirken kann.
Unser Leben bleibt ein Versuch – und in diesen Versuchen und Versuchungen entkommen wir dem Bösen nicht – deshalb bitten wir täglich darum, in diesen Versuchungen geführt zu werden und vom Bösen erlöst.
Deshalb können wir in mitten der zweifelhaften Welt mit offenem Geist und berührbarer Seele Menschen begegnen, ihnen zuhören und mutig handeln.
Noch einmal: Wir werden nicht immer das Richtige tun – aber wir lernen unterwegs.
Und so werden wir barmherziger, demütiger, liebevoller, glaubender.
Denn, wie Jakobus sagt:
„Wie der Leib ohne Geist tot ist, so ist auch der Glaube ohne Taten tot.“
Amen.
