Predigten - 2025

Deuteronomium 6, 4-9



Deuteronomium 6, 4-9


4 Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einer.

5 Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.

6 Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen 

7 und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst. 

8 Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand,  und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein, 

9 und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore. 


Liebe Gemeinde,

Ein Jahr nach dem 500-jährigen Reformationsjubiläum, 2018 wurde zum ersten Mal vorgeschlagen, dass am Reformationstag über diesen Abschnitt gepredigt wird. Heute ist es also zum zweiten Mal. Der Hintergrund: Im Zuge der Vorbereitung des großen Reformationsjubiläums, das auch hier und da einfach als „Lutherjubiläum“ gefeiert wurde, wurde viel geforscht und aufgearbeitet. Ein Jubiläum bringt Erinnerungen an gute und schwere Zeiten. Zu den schweren Seiten der Reformation gehört, dass einige Reformatoren, eben auch Luther, viel Ablehnendes gegen den jüdischen Glauben gesagt hat. Das Christentum wurde als „die bessere Religion“ verstanden. Das begegnet mir heute immer noch. Manchmal ist das gar nicht so auffällig. Doch gerade darin, wie wir das Alte Testament lesen, zeigt sich, welche Haltung wir gegenüber dem Judentum einnehmen. Viele von uns lesen das Alte Testament noch immer so, dass sie meinen: Was damals gesagt wurde, gilt in Jesus nicht mehr. Aber das ist nur einer von vielen Irrtümern, deren Wirkung verheerende Folgen hatte.

Wenn wir heute auf die Reformation zurückblicken, wollen wir nicht nur kritisieren. Aber wir wollen aus Fehlern lernen. 

Darum wurde beschlossen: Lasst uns das Alte Testament neu lesen und verstehen, welche Kraft Juden aus ihrem Glauben ziehen und warum unser christlicher Glaube ohne das Alte Testament und ohne den jüdischen Glauben weder existieren würde noch verstanden werden kann. 

So wurde bewusst die neue Perikopenordnung gestaltet und mehr alttestamentliche Texte im Predigtplan aufgenommen.

Dieser Abschnitt beginnt mit den Worten „Schema Israel“ – „Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist einer!“ Es handelt sich hier um ein, wenn nicht sogar „das“ Herzstück, das Herz des jüdischen Glaubens.

Das Gebot Gott zu lieben und seinen Nächsten wie sich selbst, finden wir auch im Neuen Testament. Manchmal heißt es sogar: „Der Gott des Alten Testaments war ein kriegerischer, gewaltsamer Gott und der Gott des Neuen Testaments ist ein liebender Gott!“ 

Aber so ist es nicht. Wer das behauptet, hat dem Judentum sein Herz genommen und es verpflanzt: eine Herztransplantation. Aber genau das sollten wir nicht tun, dem Judentum sein Herz rauben. Es ist ebenso unfair die Wahrheit dieses Glaubens am Zustand der damaligen Welt zu messen. Denn würde die Bedeutung und Wahrheit unseres Glaubens an dem Zustand der jetzigen Welt gemessen, dann sähe es für uns Christen schlecht aus. 

Im Alten und Neuen Testament ist Gottes Liebe zu seinem Volk und die Liebe seines Volkes zu Gott das Herz, der Herzschlag des Glaubens an den einen Gott. 

Das Herz Gottes schlägt für Israel. Glücklicherweise schlägt es nicht nur für Israel, sondern durch Jesus Christus sind wir mit hineingenommen in die Geschichte Gottes. Darum haben wir Grund zum Feiern – die Reformation einerseits, aber vor allem: dass der Gott Israels auch unser Gott ist.

Nachdem ich das gesagt habe, lasse ich die Worte aus dem 5. Buch Mose noch einmal auf mich wirken: „Höre, Israel, der Herr ist unser Gott. Der Herr ist einer!“ Das Wichtigste, das Israel zu hören bekommt: Gott ist einer! Das war damals völlig unerhört im doppelten Sinn des Wortes: Denn es waren viele unterschiedliche Götter bekannt, Wettergötter und Fruchtbarkeitsgötter, Sonnengötter und viele andere. 

In so einem Umfeld zu bekennen: Unser Gott ist einer! Das war eine mutige und provokante Aussage. Denn damit verloren andere Götter ihre Macht. 

Was mich daran aber besonders berührt: Wenn unser Gott einer ist – wenn es keine anderen Götter gibt, außer dem einen: dann ist für diejenigen, die an diesen Gott glauben eine logische Konsequenz: Wir unterschiedlichen Menschen sind verbunden in diesem Gott. Wir bunten, widersprüchlichen Menschen sind alle Ebenbilder dieses einen Gottes. So sind wir alle eins in ihm. 

Es ist ein Gott, der Menschen auffordert friedlich und gerecht zusammen zu leben. Es ist kein Kriegsgott, der Menschen aufeinander losgehen lässt. 

Und doch – wir wissen, wie das Alte Testament oft gelesen wird: als hätte Gott Kriege führen lassen. Gott kann sich gegen seine Menschen nicht wehren. Sie können erzählen, was sie wollen. Und es bleibt ein Wunder und ein Ausdruck großer Liebe, dass sich dieser Gott dann immer wieder einigen so zu verstehen gibt, wie er ist. Einige erkennen, dass weder der Gott Israels noch der Gott der Christen ein Kriegsgott ist, sondern ein liebender Gott. 

 

Unsere Welt will das nicht wahrhaben. Wir leben ständig im Widerspruch: der Liebe schlägt Hass entgegen. Friedenstifter sollen kriegstüchtig gemacht werden. 

Ja, es ist nicht einfach zu hören „Gott ist einer – du sollst diesen einen Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft!“

Das ist eine Zumutung. 

Immer wieder stehen wir in der Versuchung: Mitmenschen als fremde Wesen zu sehen – als die anderen, die wir ablehnen. Immer wieder stehen wir in der Versuchung, Gott zu fürchten, statt ihn zu lieben. 

Es ist eine Zumutung, von Liebe zu sprechen, während Menschen sterben, Häuser zerstört werden, Gewalt geschieht. Natürlich werden wir hart. Natürlich haben wir Angst. Und doch ruft uns Gott, weiter Liebe zu üben.

Weil wir Menschen, nicht nur Israel, sondern auch wir Christen, so viel Mühe haben, geht der Abschnitt weiter: Siebenmal „und“. Sicher kein Zufall. Siebenmal – die Zahl der Vollkommenheit.

Sie zeigt uns: Es geht um die vollkommene Liebe in einer unvollkommenen Welt.

Der eine liebende Gott gibt uns Gebote nicht aus Furcht vor Strafe, sondern aus Liebe. „Gott lieben!“ – um nichts anderes geht es. 

Dieser Abschnitt – „Höre, Israel – liebe deinen Gott!“ – steht im Zusammenhang mit Mose, der sich vom Volk verabschiedet. Ein Schwellentext, ein Übergangstext.

Mose war ihr Mittler, ihr Lehrer, ihr Begleiter. Jetzt steht Israel an der Schwelle. Mose kann sie nicht mehr führen – sie müssen hören, selbst hören auf den Ruf Gottes: ‚Höre, Israel! 

Gerade jetzt: Denn nun zieht ihr in ein neues Land, ein Land, in dem ihr mit anderen Menschen leben werdet. In Häusern, die ihr nicht gebaut habt, von Brunnen trinken, die ihr nicht gegraben habt, Wein von Weinstöcken trinken, die ihr nicht gepflanzt habt.

 

In gewisser Weise ist es für jeden von uns so: Wir ziehen in unser Leben, in eine Welt, die schon da ist, bevor wir geboren wurden.

„Höre, Israel!“ – und hört auch ihr heute: Gott ist einer. Liebt diesen Gott von ganzem Herzen, mit ganzer Seele und all eurer Kraft. Befolgt seine Gebote – das ist Ausdruck eurer Liebe, gerade in einer Welt, die uns anderes lehrt.

Das wäre eine wahrhaftige Reformation: wenn in allen Kirchen der Welt nur noch eines im Vordergrund steht – Gott zu lieben und den Nächsten wie sich selbst. Wenn alle Kirchen, alle Religionen der Welt, Juden und Christen Hand in Hand nichts anderes tun als Frieden zu stiften und Liebe zu üben. 

Ja, das hört sich weltfremd an. Und in gewisser Weise ist es das auch: denn dieses Wort, diese Aufgabe kommt nicht aus der Welt, sondern von Gott. 

Obwohl wir es insgesamt gesehen immer als „Tropfen auf den heißen Stein“ betrachten können, bewegen mich die Lebensgeschichten von Menschen, die in der Liebe geblieben sind. Jesus Christus hat sein ganzes Leben dieses Gebot, dieses „Höre Israel“ befolgt. Das Herz seiner Mission ist dieses Gebot, was für ihn das höchste Gebot war und blieb. 

Die Wahrheit dieser Worte ist nicht daran zu messen, ob die Welt in Frieden lebt, sondern daran, wie wir uns im Krieg, im Konflikt, im Streit, in den kleinen und großen Krisen und Auseinandersetzungen verhalten. 

Es geht darum Liebe zu üben mitten im Krieg. Es geht darum sich für Gerechtigkeit einzusetzen, wo viele nicht einmal mehr das Wort „fair“ buchstabieren können.

Es geht darum sich Gewalt und Trennung zu widersetzen, aus Treue zu Gott, dem einen Gott. 

Vielleicht klingt das für manche abstrakt. Darum fügt der Predigtabschnitt siebenmal ein „und“ hinzu: Und nehmt diese Worte zu Herzen!
Und lehrt sie die Kinder!
Und erzählt sie weiter!
Und nehmt sie mit, wohin ihr geht!
Und lasst sie euer Haus prägen!
Und euer Leben!
Und eure Welt!

Liebe üben – das ist keine abstrakte Idee, sondern eine Haltung. Beim Aufstehen, beim Arbeiten, beim Reden mit Kindern, beim Diskutieren mit Andersdenkenden. Vielleicht beginnt Reformation genau hier: im Hören, im Hören auf den Herzschlag Gottes, der mitten in dieser Welt weiterlebt und liebt und so die Welt regiert – mit Liebe. 

Als Luther das begriffen hat, hatte nichts mehr über ihn Gewalt und Macht – da hat er verstanden: Nichts, gar nichts kann mich trennen von der Liebe Gottes. Das ist wahre Reformation!

Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft bewahre unsere Herzen in Christus Jesus. Amen.