Predigten - 2025

2. Korinther 12, 7-10



Liebe Gemeinde! 

Sie ist 43, als der Krebs diagnostiziert wird. Mitten im Leben, aus heiterem Himmel. Darmkrebs. Es ist heftig. Erst die Operation, dann Chemotherapie. Sie verliert Gewicht, sie verliert ihre Haare, sie verliert an Kraft. Aber sie kämpft. Sie versucht auch homöopathische Mittel. Sie ernährt sich gesund, treibt Sport, gewinnt an Kraft und fängt wieder an zu arbeiten – als Theologin in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderungen. 

Seit der Operation hat sie einen künstlichen Darmausgang. Aber sie kommt gut damit zurecht, geht sogar regelmäßig schwimmen. Gelegentlich macht sie Witze darüber. “Weißt du”, sagt sie zu mir, “manchmal ist es nützlich. Zum Beispiel wenn ich im Stau stehe: andere sind unter Druck, wenn sie zur Toilette müssen, ich bin entspannt, ich hab ja meinen Beutel.” Sie lacht. 

Neben dem Lachen stehen die Angstmomente. Regelmäßig muss sie zum CT. Wenn der Krebs innerhalb von 5 Jahren nicht wieder auftritt, gilt sie als geheilt. Fast schafft sie es. Aber dann, nach etwas mehr als vier Jahren, kommt die vernichtende Diagnose. Sie ruft mich unter Tränen an: “Der Krebs ist wieder da. Ich habe Metastasen in der Lunge. Man kann es nicht operieren. Ich muss wieder zur Chemo. Aber auch mit Chemotherapie ist es nicht heilbar…”

Ich bin auch geschockt, sie ist meine Freundin. Die Behandlung ist herausfordernd – und doch nur palliativ. Für eine Weile kann der Krebs dadurch unterdrückt werden, aber er wird nicht verschwinden. Und früher oder später wird es schlimmer. 

Sie ist gerade dabei, als Pfarrerin ordiniert zu werden, fast fertig mit dem Examen mit Ende 40. Sie möchte Pfarrerin für Menschen mit Behinderungen werden. “Warum passiert das jetzt? Ich will doch noch so viel machen, ich fühle mich als Pfarrerin berufen…”

Sie ist realistisch, möchte ihrer Krankheit ins Gesicht sehen. Aber manchmal hofft sie auf ein Wunder. Ja, es passieren doch Wunder, viele Menschen in der Bibel wurden geheilt, und auch Menschen heutzutage werden manchmal ganz unerwartet wieder gesund. 

“Kann ich nicht auch ein Wunder erleben? Gott, bitte hilf mir…”

Liebe Geschwister! 

Wie viele von Euch und Ihnen haben sich wohl diese Frage schon gestellt? Wenn jemand Krebs hat oder eine andere schwere Krankheit mit düsterer Prognose, wenn jemand belastende Behandlungen durchstehen muss - manchmal mitten im Leben – dann machen wir uns große Sorgen. Auch wenn wir es für uns selbst annehmen können, eine verkürzte Lebensperspektive zu haben, fragen wir uns: was wird aus den Kindern, was ist mit unseren älteren Eltern, wie wird es für die Partnerin oder den Partner? Wie kommen sie damit zurecht?

Dann stellt sich die Frage nach der richtigen Therapie. Soll ich der klassischen Schulmedizin vertrauen, obwohl sie mich nicht heilt und meinen Körper zerstört? Gibt es nicht eine sanftere Form der Therapie?

Unsere afrikanischen Geschwister fragen sich zudem manchmal: soll ich nicht lieber einen traditionellen Heiler, Sangoma, aufsuchen?

Und schließlich ist es auch ein Kampf im Glauben. “Gott, das habe ich doch nicht verdient! Gott, kannst du mich nicht heilen? Ich weiß, dass du es kannst, warum tust es dann nicht?” 

Wer verzweifelt ist, greift nach jedem Strohhalm. Manchmal gibt es ja auch religiöse Leitfiguren, die Heilung versprechen. Dann heißt es: Du musst nur beten und auf Gott vertrauen. Komm zu mir, ich lege dir die Hände auf und bete, und du wirst geheilt.”

Und wenn du nicht geheilt wird, hast du eben nicht genug gebetet oder hast nicht genug Gottvertrauen. 

Hoffentlich ist hier niemand, der oder die sich das vorwirft! Ich werde nicht geheilt, dann habe ich wohl nicht stark genug geglaubt. Nein! Trotzdem nagt manchmal die Frage an uns: wenn Menschen in der Bibel geheilt werden, warum kann es dann nicht mir passieren?

Es gibt doch so wunderbare Geschichte, wie Jesus Menschen ermutigt und ihnen Kraft gibt, wie er ihnen auf die Beine hilft, wie er Menschen heilt und in die Gemeinschaft zurückholt. Ich denke, viele von Ihnen kennen einige der Geschichten, manche schon aus dem Kindergottesdienst: der Gelähmte, der blinde Bartimäus, die Frau mit dem Blutfluss… 

Weniger bekannt ist, dass Menschen in der Bibel nicht geheilt werden, obwohl sie intensiv beten. Zu denen gehört kein geringerer als der Apostel Paulus. 

Gehen wir einmal in seine Zeit. Es ist das Jahr 56 nach Christus. Paulus schreibt an die Korinther. Er kämpft. Die Korinther zweifeln seine Autorität an. Andere geistliche Leiter sind in Korinth, die scheinen klüger zu sein, sie beeindrucken die Leute mit brillanten Predigten und außergewöhnlichen spirituellen Erfahrungen, als wären sie schon im Himmel. “Also, Paulus, kannst du auch solche Erfahrungen vorweisen?” Ja, das kann er. Will er aber nicht. Er will nicht beeindrucken und bewundert werden. Stattdessen sollen die Menschen erkennen, wie wunderbar Gott ist und was Jesus für uns getan hat. “Ich könnte mit meinen himmlischen Erfahrungen angeben”, sagt er. “Aber das ist nicht der Sinn. Ich habe auch meine Schwachpunkte. Es geht mir nicht gut. Ich muss kämpfen, und ich sage euch, es ist nicht leicht…

Lesen wir aus dem 2. Korintherbrief, 12, 7-10. Paulus schreibt: 

  1. Und damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe. 8Seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, dass er von mir weiche. 9Und er hat zu mir gesagtLass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit.Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, auf dass die Kraft Christi bei mir wohne. 10Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.
  1. Liebe Geschwister, Paulus zeigt sich verletzlich. “Ich habe einen Pfahl im Fleisch…. Ich fühle mich wie mit Fäusten geschlagen…”
  2. Wir wissen nicht, was für eine Art von Krankheit oder von chronischen Schmerzen Paulus erlitten hat. Aber es ist offensichtlich, wie ihn das in seine Schranken weist, wie es ihn hindert, so aktiv zu sein, wie er es gern wäre. Verzweifelt kämpft er mit Gott wie die Menschen in den Psalmen. “Gott, hilf mir! Heile mich. Nimm mir die Last ab. Lindere die Schmerzen. Gott, du hast mich doch berufen, dein Botschafter zu sein, und es ist noch so viel zu tun. Warum hinderst du mich jetzt, was macht das für einen Sinn?” 
  3. “Dreimal habe ich zum Herrn gefleht…”
  4. Paulus, der Apostel, für viele ein Vorbild im Glauben, wird nicht geheilt. Nie, niemals sollten wir sagen, dass Menschen, die nicht geheilt werden, nicht genug beten. Paulus muss es akzeptieren, er muss mitseiner Krankheit leben, nicht ohne sie. 
  5. Denn Gott antwortet: “Lass dir an meiner Gnade genügen.”
  6. Das ist nicht gerade die Antwort, die Paulus hören will. Vielleicht denkt er: “Ja, deine Gnade ist genug…. Aber kannst du es mir nicht ein bisschen leichter machen?
  7. “Meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit.”
  8. Meine Kraft vollendet sich in Schwachheit – ist das nicht ein Widerspruch? Es ist eine bittere Pille für Paulus. Aber er macht sich das zu eigen. Gerade da, wo er sich am Ende fühlt mit seinen eigenen Kräften und Kapazitäten, da, wo er am Boden ist und betet “Gott, ich weiß nicht, wie ich deine gute Botschaft weitersagen soll, du musst mir jetzt helfen” - gerade in den Situationen erfährt er: Gott hilft. Gott richtet mich auf. Gott gibt mir Worte. – Überrascht stellt er fest. Ich kann es trotz meiner Einschränkungen… Gott wirkt durch mich, über meine Grenzen hinaus….
  9. Ob Paulus jemals gedacht hat, dass 2000 Jahre später seine Briefe auf der ganzen Welt gelesen werden? Ist das etwa kein Wunder? Trotz seiner Grenzen, trotz seiner Schmerzen, seinem Pfahl im Fleisch. Und eben mit dieser Erfahrung ist er allen Menschen nahe, die nicht geheilt werden. Er teilt seine Erfahrung. “Wenn ich denke, dass ich am Ende bin, ist Gott noch lange nicht am Ende. Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.”
  1. Meine Freundin hat den Kampf wieder aufgenommen. Es ist hart. Wieder Chemotherapie mit all den hässlichen Nebenwirkungen. Wieder die CTs und die Angst davor. Aber sie macht Examen. Sie wird ordiniert und wird Pfarrerin in der Einrichtung für Menschen mit Behinderungen. Sie weiß, dass das Leben nicht immer geradeaus geht, und dass wir trotzdem alle Gottes geliebte Kinder sind, ein Geschenk für die Welt, so wie wir sind, mit unseren Stärken und unseren Schwächen. 

Manchmal verliert sie den Mut und möchte die Strapazen nicht mehr ertragen. Dann fällt ihr wieder ein: Mein alter Vater braucht mich. Freundinnen und Freunde brauchen mich. Ich möchte noch so viel machen, Texte schreiben und singen, predigen und Menschen seelsorglich begleiten… und he, es gibt noch so viel, was das Leben lebenswert macht: Treffen mit guten Freunden, Macha latte oder ein Glas Sekt, und das Feedback bekommen: “Ihre Worte haben mir sehr geholfen…”

Sie ist nicht geheilt. Aber sie gilt bereits als “long survivor”. Die Ärzte und Ärztinnen haben nicht erwartet, dass sie so lange lebt und dabei noch arbeitet. Vielleicht passiert auch noch ein anderes Wunder. Aber wenn nicht: die Art, wie sie mit ihrer Krankheit umgeht, ist für viele eine Quelle der Ermutigung, auch für mich. Ich bin überzeugt, dass Gott noch eine Menge mit ihr vorhat und durch sie wirkt. So wie sie hart an Grenzen stößt und doch weiter macht, lebt sie, was Paulus sagt: “Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.” 

Ich bin sicher, auch von Ihnen sind einige eine Quelle der Ermutigung für andere in der Art, wie Sie kämpfen und nicht aufgeben. Und sicher könnten auch von Ihnen einige sagen: “Durch Gottes Kraft bin ich stark in all meiner Schwäche.”

Amen.