Predigten - 2025

Jesaja 57,15


 


Pastorin Kornelia Schauf

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

Liebe Gemeinde, 

wo wohnt Gott? Das ist eine alte Frage. Einerseits empfinden Menschen Gott so nah – die Mystiker erleben, dass sie eins sind mit Gott im Gebet und der Meditation. So nah, unzertrennlich. Paulus schreibt: nichts kann uns trennen von Gott.
Und anderseits empfinden wir Menschen Gott manches Mal auch so fern – Wo bist du Gott?

Die Nähe Gottes und die Gottverlassenheit sind zwei Erfahrungen und im Grunde sind es Erfahrungen, die die Erkenntnis von Jesaja aufnehmen.

Jesaja 57, 15 steht:

„Denn so spricht der Hohe und der Erhabene, der ewig wohnt, dessen Name heilig ist: Ich wohne in der Höhe und im Heiligtum und bei denen, die zerschlagenen und demütigen Geistes sind, auf dass ich erquicke den Geist der Gedemütigten und das Herz der Zerschlagenen.“

Ganz anschaulich und sehr überzeugend: Jesaja erlebt Gott in unterschiedlicher Weise: ganz oben, erhaben, thronend über den Dingen der Welt – Gott im Himmel. Und Gott ganz unten, bei denen, die tiefer nicht sinken können, bei denen die Erniedrigt sind: das Wort nimmt auf, wie tief jemand am Boden zerstört sein kann. Niedrig und gering. Das ist ein Motiv in der Advents- und Weihnachtszeit.

Auch Maria, die Mutter Jesus singt: „er hat die Niedrigkeit seiner Magd gesehen!“

Gott ist also in mindestens zwei Welten zu Hause: hoch Erhaben, überlegen und über den Dingen thronend. Von dort so sieht es aus: hat er die Welt im Blick. 

Und dennoch ist Gott auch bei den Erniedrigten.
Wo ist Gott nun?

Viele Menschen lieben eindeutige Antworten: entweder oder. Sie können nur schwer ein „und“ denken.

Doch das „und“ ist hier ein zentrales Wort. Wäre Gott nur ganz oben, dann wäre er ein abgehobener Gott. Dann stände Gott über den Dingen. Dann hätte er kaum etwas mit der Welt zu tun.

Wer aber Gott nur ganz unten, bei den Erniedrigten sind, so hilflos wie sie selber, der kann zwar Gottes Mitgefühl und Verstehen preisen, bleibt aber doch auch zurück mit einem tiefen Gefühl von Verlorenheit. 

Den Einen, die Gott so weit entfernt denken, so übermenschlich und unberührbar, so herrschend und regierend, denen wird gesagt: Seht den menschlichen Gott. Nehmt ihn war in der Nähe derer, die zerschlagen sind und gedemütigt wurden. Stellt euch Gott an der Seite derer vor, die verzweifelt sind.

Nehmt die Menschlichkeit Gottes wahr.

Und denen, die Gott so denken, dass er kaum mehr ist als ein Mensch, gebunden an dieselben Grenzen und hilflos wie wir Menschen in unseren Gefangenschaften, denen wird gesagt: Gott ist doch auch zuverlässig überlegen – Gott ist und bleibt der Schöpfer und Vollender. Gott bleibt auch Gott,  frei von menschlichen Begrenzungen.

Jesaja macht uns bewusst: Unser Gott ist ein erhabener, mächtiger Gott und ein Gott, der ganz unten wirkt.

Damit sind wir schon bei dem Wesentlichen der Advents- und Weihnachtszeit: Gott wird in vielen Liedern und Gebeten angefleht: Reiß den Himmel auf – und zeige dich, Gott – komm zu uns, zu deinen Menschen.

Und gleichzeitig preisen wir den Gott, der in Gemeinschaft mit den Engeln über der Welt thront und sie von dort tröstet. 

Advent und Weihnachten sind die Zeit, in der Menschen aufmerksam werden auf die geheimnisvolle Verbindung zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und seinen Menschen. 

Gottes Barmherzigkeit und seine Macht; Gottes Wirken und Gottes Ohnmacht; Gottes Liebe und seine Gerechtigkeit – sie gehören zusammen.

Es gibt eine kleine jüdische Erzählung über einen Schüler, der seinen Rabbi fragt:
„Rabbi, warum ist Gott manchmal so fern und manchmal so nah?“

Der Rabbi antwortete:
„Gott ist wie das Licht.
Wenn du im grellen Sonnenlicht stehst, wirkt alles groß, mächtig, weit entfernt.
Doch wenn du eine Kerze anzündest, ganz klein und flackernd, dann wird das Licht dir plötzlich ganz nah.
Es ist dieselbe Quelle – aber du erlebst sie verschieden.“

Der Rabbi sagt:
„Gott ist beides: das Licht, das die Welt umfasst –
und die Kerze, die dir ins Herz scheint.“

So beschreibt es auch Jesaja: Gott wohnt in der Höhe – wie das große Licht, das die Welt überspannt. Und Gott wohnt bei den Zerschlagenen – wie das kleine, warme Licht, das im Dunkeln nicht ausgeht.
Beides gehört zu Gott. Und beides brauchen wir.

Advent heißt: Wir zünden kleine Lichter an, damit wir das große Licht Gottes erkennen.
Wir warten nicht auf einen fernen Gott, sondern auf den, der unser Dunkel erhellt.

Und heute feiern wir dieses Licht ganz konkret in der Taufe.
In der Taufe sagt Gott:
„Ich komme zu dir. Nicht erst später, nicht erst im Himmel – jetzt. In dein Leben.“

Die Taufe ist wie diese kleine Kerze: unscheinbar, zart, aber voller Verheißung.
Ein Zeichen dafür, dass Gottes Licht diesen Menschen begleiten wird –
in den Höhen und in den Tiefen.

So gehen wir in den Advent mit einer alten, aber wunderbaren Gewissheit:
Gott findet immer seinen Weg zu uns.
Von oben – und nach unten.
Und mitten hinein in unser Leben.

Amen.