Titus 3, 4-7

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen
Liebe Gemeinde,
am Montag musste ich noch einmal ins Grove, eines der vielen Shopping centre in Pretoria. „Uups“, dachte ich als ich schon bei der Einfahrt zum Parkhaus vier Autos vor mir hatte. „Uups, hier ist was los!“ Ich ergatterte den letzten Parkplatz mit Überdachung. Gespannt machte ich mich auf den Weg zur Rolltreppe. Nein, so voll habe ich es noch nie erlebt. Innen war eine Art Weihnachtsmarkt aufgebaut. Zusätzlich zu den sowieso schon vielen Geschäften hatten nun sicher vierzig bis fünfzig private und professionelle Händler Tische aufgeschlagen und luden zum Einkauf ein.
Ehrlich gesagt, ich war ein bisschen überwältigt. Tausende von Menschen. Kleider wurden angefasst und anprobiert. Käse und Honig gekostet. Schmuck ausgestellt. Viele Menschen waren in Eile und beschäftigt mit Dingen, die vor dem Fest noch zu erledigen waren. Ja, mit was wart Ihr noch beschäftigt so kurz vor dem Fest: Bewerbungsgespräche für einen neuen Job im nächsten Jahr. Die Ablösung eines Hauskredits. Die Planung einer Fernreise. Was werden wir essen an den Feiertagen. Oder mit der Diagnose beim Arzt. Blutwerte nochmal checken. Die letzten Mails schreiben. Den Schreibtisch frei bekommen. Kinder beschwichtigen und beschäftigen.
Das volle Leben: jede und jeder in ihrem und seinem Bubble und dem Vielen, was dazugehört.
Ja, das Leben vor den Festtagen: das ist unser Leben – wie damals, als Kaiser Augustus sein Reich regierte und der Stadthalter Quirinius Ordnung in Syrien schaffen wollte. Wie damals, als die Hirten ihre Arbeit taten und Maria und Jospeh ihre Bürgerpflicht erfüllten. Auch damals waren alle mit irgendetwas beschäftigt, was in diesem Moment so unglaublich wichtig für sie war.
Und dann erzählt Lukas von einer Unterbrechung dieses Alltags. Da schafft Gott seinen Weg in die unterschiedlichen Bubble. Gott wirkt bei den Herrschenden und bei den Unterdrückten. Gottes Engel nähern sich den einfachen Bürgen und den wichtigen Staatsmännern.
Gott kommt hinein, nicht nur in eine Welt – nicht nur zu einem Menschen, in einen Bubble, sondern mitten hinein in die Welt.
Titus fasst das zusammen: Titus 3, 4-7
4 Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands,
5 machte er uns selig – nicht um der Werke willen, die wir in Gerechtigkeit getan hätten, sondern nach seiner Barmherzigkeit – durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im Heiligen Geist,
6 den er über uns reichlich ausgegossen hat durch Jesus Christus, unsern Heiland,
7 damit wir, durch dessen Gnade gerecht geworden, Erben seien nach der Hoffnung auf ewiges Leben.
Die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes! Wo die erscheint, da verändert sich offensichtlich die Welt.
Dieser Satz fiel mir ein, als ich im Shopping Centre unterwegs war: Und ja, dachte ich, Freundlichkeit und Menschenliebe sind eine starke Kraft.
Ihr habt genug eigene Erfahrungen, welchen Unterschied Freundlichkeit und Menschenliebe machen können.
Keine unrechten Geschäfte mehr. Kein Handel, bei dem Menschen übervorteilt werden. Keine Regierung mehr, die nur ihren Vorteil im Sinn hat.
Die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes leuchtet in der Weihnachtsgeschichte durch. Es ist eine Freundlichkeit und Liebe, die mit großem, festlichen Glanz über der ganzen Welt leuchtet – wie das große wunderbare Sternenzelt am Firmament – und gleichzeitig eine Freundlichkeit, die in den Bubble jedes Menschen durchdringt.
Da war einerseits ein großes klares Leuchten, das die ganze Welt betraf: ein Stern ging auf, der das Universum veränderte. Das wird erzählt. Und dann wird erzählt, dass etwas von diesem Glanz seinen Weg in die hinterste Ecke der Welt, in das kleinste Dorf schafft, und in das Herz von den sogenannten einfachen Menschen.
Was Menschen begreifen, wenn dieses Licht sie erreicht und diese Freundlichkeit Gottes: sie baden im Glück. „Das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im Heiligen Geist!“
Sie tauchen ein in eine Seligkeit, die sie bisher nicht kannten. Es breitet sich ein Frieden und ein Vertrauen aus, das ihnen fehlte.
Sie finden einen Weg jenseits ihrer Furcht.
Vor allem der Furcht, nicht gut genug zu sein. „Nicht um der Werke willen, sondern aus Barmherzigkeit!“
Was ist das für eine Befreiung. Könnt ihr sie spüren. Was ist das für eine Befreiung mitten in dem Hin- und Her unseres anstrengenden, komplexen und herausfordernden Alltags. Was ist das für eine Befreiung, wenn Gott hinein wirkt in unseren Bubble und wir uns vor Gott und den Menschen nicht mehr verstecken müssen.
Dann sind wir befreit, wie neugeboren. Unser Wert, weder unser Selbstwert, noch das, was andere von uns halten hängt mehr in der Luft: Gottes Geist ist reichlich ausgegossen über uns! Kein sugarcoating, sondern eine Hülle, ein Schutz von Güte und Barmherzigkeit – ein Mantel voller Freundlichkeit und Liebe. Da stehen wir eingehüllt in Liebe.
So eingehüllt sieht die Welt ganz anders aus. So geborgen in Gott, strahlen wir eine Hoffnung aus, die anstecken kann.
Wir werden Menschen, die nicht rastlos unterwegs sind in ihren Bubblen – wir werden Menschen, die verbunden sind. Da ist keine trennende Wand zwischen den vielen Menschen – eingeschlossen in ihren Glashäusern aus Sicherheitsglas, sondern da sind iwr in der Lage einander die Hand zu reichen – sie auszustrecken.
Ach, was wäre es für ein Moment: in so einem shopping centre wenn nicht zum hundersten Mal „Feliz Navidad: We wish you a merry christmas“ ertönt, sondern tatsächlich die Botschaft der Geburt des Retters hörbar würde.
Ach, ich stelle mir vor: was das für Festtage werden: geprägt von Freundlichkeit und Menschenliebe – beglückt und erfüllt von Gottes Geist. Und vielleicht ist das das eigentliche Weihnachtswunder: dass Gottes Freundlichkeit und Menschenliebe nicht laut sein müssen, um wirklich zu sein. Sie drängen sich nicht auf. Sie brauchen keinen Marktstand, keine Lichterkette, keinen Kaufrausch.
Sie erscheinen – so sagt es der Titusbrief.
Still. Unaufhaltsam. Mitten hinein in unser Leben. In unser Shopping centre. In unsere Arztzimmer und Küchen. In unsere Sorgen um Arbeit, Zukunft, Gesundheit, Beziehungen.
In all die Bubblen, in denen wir leben. Gott kommt nicht erst, wenn wir fertig sind – gut vorbereitet. Nicht erst, wenn wir alles im Griff haben. Nicht erst, wenn wir genug geleistet haben. Gott kommt aus Mitgefühl. Er hüllt uns ein in seine Freundlichkeit.
Er gießt seinen Geist reichlich aus – auch über uns. Wir werden beschenkt, eingedeckt mit Kraft und Sinn. Wir sind Beschenkte! Das ist Weihnachten.
Wir sind Menschen, die getragen sind. Wir sind Menschen, die hoffen – auf Leben, das größer ist als unsere Angst.
Vielleicht beginnt Weihnachten genau dort: wo wir uns anrühren lassen von dieser Freundlichkeit Gottes und sie weitergeben – leise, konkret, von Mensch zu Mensch.
Frohe Weihnachten – Feliz Navidad!
Amen