Predigten - 2025

Hiob 42,1-6



Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

Liebe Gemeinde,

Hiob 42,1-6


1 Und Hiob antwortete dem Herrn und sprach:

2 Ich erkenne, dass du alles vermagst, und nichts, das du dir vorgenommen, ist dir zu schwer. 

3 »Wer ist der, der den Ratschluss verhüllt mit Worten ohne Verstand?« Darum hab ich ohne Einsicht geredet, was mir zu hoch ist und ich nicht verstehe. 

4 »So höre nun, lass mich reden; ich will dich fragen, lehre mich!« 

5 Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen. 

6 Darum gebe ich auf und bereue in Staub und Asche. 


Weihnachten und Hiob – passt das zusammen. Die Geschichte eines Mannes, der alles verliert. Die Geschichte eines Mannes, um den herum Krankheit und Tod machtvoll wirken und seine Freunde das ganze Leid nicht wirklich mitansehen können. Ein Mann mitten im Leben und Leiden, zwischen seiner Frömmigkeit mit großem Gottvertrauen und der Begegnung mit dem Bösen. Wollen wir davon an Weihnachten hören?

Wollen wir uns überhaupt auseinandersetzen mit so schweren Leidenserfahrungen? Mit unseren eigenen und mit denen anderer?

Doch genau dazu werden wir eingeladen: Zwischen Weihnachten und Neujahr nehme ich mir gerne Zeit über mein Leben nachzudenken – eine Zeit für ehrliche Bilanz.

Dazu ist Hiob am Ende bereit und genau darin findet er Befreiung.

Bis dahin Hiob sich sicher: ich habe nichts falsch gemacht. Und er hat ja auch recht damit. Er ist ein frommer Mann. Er lebt nach den Geboten. Er vertraut Gott.  Ich staune über dieses Vertrauen und ich will es auf keinen Fall in ein schlechtes Licht stellen. Doch irgendwie ist Hiob noch gefangen in der Frage nach Schuld, in der Suche nach einem Grund und in der Fixierung auf sich selbst. 

Und ja, oft sind es ja Umstände, Dinge, die wir (zumindest auf den ersten Blick gesehen) nicht beeinflussen können. 

Wenn wir uns das große Leid der weiten Welt anschauen – ja, da wird sich Hilflosigkeit und Ohnmacht einstellen. Was haben wir schon damit zu tun.

Die Erzählung von Hiob richtet den Blick zurück: von der großen Welt zu einem bestimmten Mann. Und auf die Frage, was sich verändert, wenn Gott sich diesem Menschen so naht, dass er sich selbst neu sehen lernt. „Darum gebe ich auf und bereue in Schuld und Asche!“

Hiob gibt nicht generell auf. Er gibt auch nicht Gott auf. Sondern Hiob gibt seine Selbstgewissheit auf. Sein verändertes Bild von Gott verändert ihn ebenfalls. 

Hiob äußert sich folgendermaßen: „Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen. Aber nun hat mein Auge dich gesehen!“ Das ist seine Einsicht nach intensiven Gesprächen mit Gott.

Wir bekommen Einblick in eine tiefe und schwere Auseinandersetzung. Ein Mensch, der in seiner Not immer ehrlicher wird. Ein Mann, der mehr und mehr bei sich ankommt: auf sich geworfen – und weil er wirklich Gott begegnet, muss er nicht mehr festhalten an der Überzeugung: „Ich habe alles richtig gemacht!“

Wer Gott begegnet, kann sein eigenes Leben in einer neuen Ehrlichkeit anschauen und kann aufhören, sich etwas vorzumachen. „Ich gebe auf!“ Diese Worte können sehr unterschiedlich verstanden werden: sie bergen Chancen und Gefahren.


„Nur nicht aufgeben!“ Wie oft haben wir das gehört.

Doch es gibt ein paar biblische Erzählungen, wo genau an der Stelle, wo jemand „aufgibt!“ Gott erst neu wirken kann. Es geht nicht um das Aufgeben des Lebens oder das Aufgeben von Hoffnung. Es geht um das Aufgeben der Illusion, alles im Griff zu haben. Es geht um das Aufgeben der Idee, wenn ich nur fromm genug bin, dann wird es mir immer gut gehen. 

In der Elia-geschichte gibt es so einen Moment: Elia nach all seinem Eifer und Kämpfen liegt unter dem Wachholderbusch und sieht ein: „Ich kann nicht mehr – ich bin nicht besser als meine Väter.“
Das ist für mich eine der entscheidenden Szenen: denn nun kann Elia Gott anders sehen: nicht mehr als den Kriegsgott, der ihn losschickt, tausende von Baalspropheten zu töten.

Auch Paulus hat so einen Moment: er sieht Jesus Christus auf dem Weg nach Damaskus und erkennt: Mein Weg war falsch. Nun bereut er die Verfolgung der Christen und kehrt um.

Abrahams Einsicht, seinen Sohn nicht zu töten, als er schon auf der Opferbank lag.

Und nun Hiob: eine Einsicht, eine Gotteserkenntnis, die ihn verändert.


Zwischen Weihnachten und Neujahr ist eine wunderbare Zeit für neue Gottesbegegnungen: Wir haben Gott gesehen: Wie habt ihr ihn denn gesehen? So wie Lukas ihn erzählt: Ein zartes Kind – als großer Lichtblick. Das veränderte Gottesbild verändert die Welt. Kein Kriegsgott, sondern ein Friedensgott.

Solange Hiob an seiner persönlichen Schuldlosigkeit festhält, bleibt er der isolierte, kranke, hilflose Mann, der nur sieht, was ihm abhandengekommen ist oder abhandenkommen könnte. Die Einsicht, die Hiob hat: es geht nicht nur um ihn. Es kann nicht nur einer gut leben, glücklich und zufrieden. Das ist keine Frömmigkeit.

Am Ende fängt Hiob an für die Freunde zu beten. Aus dem isolierten kranken Menschen wird derjenige, der sich wieder verbunden und eingebunden sieht.

Das ist Weihnachten: Die Verbindung zwischen Himmel und Erde überwunden. Keine Trennung mehr: keine von Gott isolierten Wesen, die hilflos in der Welt umherirren: sondern Wesen, umgeben von der Liebe Gottes, von seinem Frieden und eingebunden in Gottes Schöpfung.

Menschen, die furchtlos und ehrlich ihr bisheriges Leben neu anschauen.


Das sehen wir, wenn wir die Geschichte in Bethlehem sehen: Eine Geburtsgeschichte: Jesus Christus mitten drin!

Ja, ich glaube da liegt eine tiefe Weisheit für den Umgang mit Not und Leiden: Wer erlebt und einsieht, dass seine persönliche Unschuld ihn nicht rettet, sondern dass er erlöst wird mitten in der Schuld, der wir nicht entkommen.
Ein schwerer Gedanke und ein befreiender Gedanke.

Hiob hat Gott gesehen, in dem er erkannt hat: es geht um mich, wenn ich als Unschuldiger für die Schuldigen meine Stimme im Himmel erhebe – dann verändert sich was. 

Ja diese Erzählung bleibt offen, sie stellt uns infrage, sie lässt uns neu nach Gott fragen. Hiob reute – das heißt sein festes Weltbild, sein festes Selbstbild all das wird wieder lebendig: es wird hinterfragt und erneuert sich.
So ist leben und so ist glauben: Sich den Herausforderungen stellen – und vor allem auf der Suche nach Gott bleiben.

Die Momente, wo wir dann Gott sehen, eine neue Einsicht haben, merken, dass Himmel und Erde verbunden bleiben: ja da erleben wir Befreiung.

Mögen wir so aus diesem Jahr in das nächste Wechseln: es könnte alles ganz anders sein, als wir bisher dachten: vor allem könnte Gott uns neu begegnen, sodass wir vieles von dem, was wir bisher nicht verstehen und begreifen in einem neuen Licht sehen. Befreit aus der Ohnmacht.


Siehe euch ist heute der Heiland geboren. 


Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.