Predigten - 2025

Hebräer 13, 8-9b



Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. 


Hebräer 13, 8-9b


8 Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.

9 Lasst euch nicht durch mancherlei und fremde Lehren umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade, nicht durch Speisegebote, von denen keinen Nutzen haben, die danach leben. 


Liebe Gemeinde, 

Der Hebräerbrief ist kein Brief, der am Jahreswechsel eines Jahres geschrieben wurde. Es ist ein Brief, der das ganze Jahr gelesen werden kann.

Es gibt nicht ein historisches Ereignis, das den Anlass für diesen Brief gegeben hat. Dieser Brief kann irgendwann zwischen 60 und 96 n. Christus verfasst worden sein.

Ein Brief, der mitten ins Leben gehört: in den jahrzehntelangten Alltag der ersten christlichen Gemeinden.

Da gab es die äußeren politischen und gesellschaftlichen Bedingungen, in denen die Gemeinden Fuß fassten und wuchsen: die römische Besetzung, die schon lange andauerte, aber an die man sich nicht gewöhnen wollte. Die Sehnsucht nach einer anderen Regierung war groß.

Da gab es die Gemeinden mit ihrem Alltag. Längst war Vieles Gewohnheit geworden: die Christen versammelten sich regelmäßig, erzählten von den Erfahrungen ihres Glauben, feierten Abendmahl zusammen.
Und sie fragten immer wieder: Wie sollen wir Kirche sein? Wie sollen wir als Christen leben? Es gab noch keine Kirchenordnung und keinen Bischof. Es gab noch kein Kirchenrecht und keine Organisationsform. 

Alle Gemeinden versuchten irgendwie das weiter zu führen, was  Jesus sie gelehrt hatte. Und dabei verging die Zeit. Viele Menschen, die Jesus persönlich erlebt hatten, waren längst gestorben.

Die baldige Wiederkunft Jesu, die die ersten Christen sehnsüchtig erwarteten blieb aus.

Ja, und natürlich gab es auch damals das persönliche Leben. Womöglich weniger Bewusstsein für die persönliche Selbstverwirklichung, sondern mehr die Sorge um das tägliche Brot, Kleidung und die Erfahrungen in der Familie.

Den Hebräerbrief nenne ich daher „Alltagsbrief“. 

Für uns geht heute ein Jahr zu Ende. Ein Jahr mit viel Alltag. Keine 365 Tage Alltag, denn wir kennen ja auch Sonntage und besondere Festtage. 

Doch sehr viel Alltag. Unser persönliches Leben eingebettet in den Alltag unseres Landes und unserer Welt. Unser persönliches Leben in unserer Kirchengemeinde und NELCSA.

Am Ende von so viel Alltag halten viele Menschen inne: der Altjahrsabend. Der letzte Abend des Jahres lädt dazu ein, zu überlegen: Wie geht es mir mit meinem Leben in dieser Gemeinde, diesem Land, dieser Welt?

Für mich ist es eine sinnvolle, schöne Übung, mich mit den vielen unterschiedlichen Facetten eines Jahres zu beschäftigen und mir bewusst zu machen, was da alles Platz hat in meinem Leben, meinem Alltag.

Im heutigen kurzen Abschnitt aus dem Hebräerbrief wird ein Alltagsproblem angesprochen: Die Speisegebote. Es war ein Streitthema.

Und wie wir gut zweitausend Jahre später wissen: Wir Menschen und auch wir Christen streiten ja über fast alles. Denn Menschen und auch Christen nehmen unterschiedliche Standpunkte ein, haben Meinungen über fast alles und denken dann leider oft auch noch: „So wie ich das denke, so soll und so muss es sein!“

Ja, wie sollen wir als Christen leben – ein alter Streit im Blick auf das, was wir essen, anziehen, wie reich wir werden, wie wir arbeiten, unsere Beziehungen gestalten und und und. 

Die Speisegebote sind für uns sicher nicht so ein richtig wichtiges Thema: Wobei in Europa, die ganze Debatte um politisch korrektes Essverhalten: Das ist schon ein Kampf: von manchen sogar Kulturkampf: Fleisch oder nicht. Bio oder nicht.  Und viele andere Fragen.

Im Laufe eines Jahres treffen wir tausende von kleinen und einige große Entscheidungen. Die Frage für uns als Menschen und Christen bleibt: Woran orientieren wir uns? Was sind unsere „Leitgedanken“? Was sind unsere Ziele? Was möchten wir erreichen und bewirken!

Und in diese vielen Fragen und die großen Entscheidungsmöglichkeiten, die wir haben, gibt der Hebräerbrief eine schlichte und weitreichende Antwort:

Orientiert euch an Jesus Christus!


Der Schreiber vergewissert die verunsicherten Christen: Jesus Christus, gestern, heute und derselbe auch in Ewigkeit.


In aller Vergänglichkeit und allem Wandel, den wir in unserem Alltag begegnen: Jesus Christus bleibt.

In allen komplexen und oft auch komplizierten Situationen, in denen wir Entscheidungen sorgfältig abwägen: Jesus Christus bleibt.

In der großen Frage nach Werten und dem, was uns Menschen, uns Christen trotz aller Individualisierung verbindet: Jesus Christus bleibt.

Und darum ist der Hebräerbrief wohl ein Alltagsbrief, der uns nicht nur am Altjahresabend ermutigt. 

Der Schreiber dieses Briefes möchte: Zuversicht in aller Unsicherheit zu geben; Trost in mancher Hoffnungslosigkeit spenden. Orientierung in der Orientierungslosigkeit anbieten.

Das tut er, indem der Schreiber die Aufmerksamkeit seiner Leser auf Jesus Christus richtet.

Jesus Christus, gestern, heute und derselbe auch in Ewigkeit.

Ein Stück Ewigkeit in der Unsicherheit – Beständigkeit in der Vergänglichkeit.


Der Hebräerbrief sagt: Wenn ihr ein festes Herz bekommen möchtet, dann orientiert euch an Jesus.
Ein festes Herz ist ein wunderschöner Ausdruck für Menschen, die in sich ruhen. Ein festes Herz: also nicht versteinert oder bitter. Kein zerbrochenes oder zerteiltes Herz. Kein Herzmuskel, der schlaff und angegriffen ist. Ein Herz, das regelmäßig schlägt im Auf- und ab des Lebens. Ein Herz – damals als Mittelpunkt des Menschen verstanden. Im Herzen ist das Leben. Und ein festes Herz ist ein Herz, das gesund ist. Ein Herz, das mitfühlen kann. 


Ein festes Herz – das bekommen wir aus Gnade.

Ansonsten, wenn wir so auf uns geworfen wären und nur auf uns, ja da könnte das Herz ins Rasen kommen, zu schnell schlagen, versuchen mitzuhalten mit den wahnsinnig schnellen Entwicklungen, mit der Herzlosigkeit und Gewalt in der Welt. Ja, das Herz könnte schwach werden, überfordert.


Doch aus Gnade, weil Gott in uns wirkt und in unserem Herzen wohnt, können wir um ein festes Herz bitten. 


Jesus Christus gestern, heute und derselbe auch in Ewigkeit. Dieser Gedanke gibt Halt und gibt auch Sinn.

Er ist ein Ausblick auf das neue Jahr, der Freude weckt.


In der Abendmahlsliturgie bitten wir um so ein Herz: Schaffe in uns Gott, ein reines Herz!


Lasst uns nicht über unnütze Dinge streiten und uns das Herz gegenseitig schwer machen. Lasst uns gemeinsam auf Christus sehen und dort Frieden finden für den Rückblick und den Ausblick. Amen