Predigten - 2026

Matthäus 3, 13-17



Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

Matthäus 3, 13-17


13 Damals kam Jesus von Galiläa an den Jordan zu Johannes, um sich von ihm taufen zu lassen.

14 Aber Johannes hinderte ihn, indem er sagte: „Ich habe es nötig, von dir getauft zu werden, und du kommst zu mir?!“

15 Aber antwortend sagte Jesus zu ihm: „Lass es zu für jetzt, denn so ist es uns bestimmt, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.“ Daraufhin ließ er ihn = (es) ihm zu.

16 Unmittelbar nachdem Jesus getauft worden war, stieg er aus dem Wasser und siehe da, die Himmel öffneten sich [für ihn] und er sah den Geist Gottes, herabkommend auf sich wie eine Taube.

17 Und siehe da, eine Stimme aus dem Himmel sprach: „Dieser ist mein Sohn, der Geliebte, an dem ich Gefallen habe.“


Liebe Gemeinde, 

Am Anfang des Jahres das große Thema Taufe. Es gehört in unserer lutherischen Tradition an den Anfang eines Lebens oder an den Anfang eines Lebens mit Jesus.

Die Taufe Jesu im Jordan stellt ebenfalls einen Anfang dar. Der Anfang seines Wirkens als Christus. Bis zu diesem Moment ist Jesus der Jesus aus Nazareth. Er ist ein Mann, der mitten im Leben steht. Er ist ein frommer Jude und es ist bekannt, dass von ihm eine besondere Kraft ausgeht.

Aber durch die Taufe wird aus Jesus von Nazareth Jesus Christus.

Nun ist Jesus nicht mehr nur ein erwachsener frommer Jude aus einer kleinen Stadt, sondern er empfängt eine neue Aufgabe und Identität: „Du bist mein geliebter Sohn!“

Lasst uns das mal etwas genauer anschauen.

Johannes und Jesus treffen aufeinander. Sie kennen sich gut. Schließlich sind sie Großcousins. Sie sind die Söhne von Elisabeth und Maria. Wir wissen, wie vertraut diese beiden Frauen miteinander waren.

Johannes ist ein Prediger geworden. Er ist bekannt für seine klaren Worte. Er kann auch harsch sein. Er predigt die Askese. Er ist ein radikaler Mensch. 

Er ruft zur Umkehr. Er predigt den Menschen und redet ihnen ins Gewissen. Er fordert sie auf über ihr Leben nachzudenken und eine Entscheidung zu treffen. Ändert euch. Fangt neu an.

Seine Taufe ist ein Bekenntnis der Umkehrt. Viele Kirchen praktizieren diese Art von Taufe bis heute: sie predigen die Umkehr zu Gott und legen Menschen nahe, ihr Leben zu ändern und das mit der Taufe zu besiegeln.

Nun taucht Jesus auf. Er will von Johannes getauft werden. Johannes versteht die Welt nicht mehr. Warum sollte ich Jesus taufen? Er hat es doch nicht nötig. Jesus ist doch schon auf einem guten Weg. Johannes ordnet sich unter. Er, der sonst genau weiß, wie Menschen leben sollen, erlebt in der Begegnung mit Jesus: hier ist es umgekehrt. Hier könnte ich etwas lernen. Von Jesus geht eine Kraft aus. Da ist kein Grund zur Umkehr, kein Anlass für Buße und deshalb auch keine Notwendigkeit für seine Taufe.

Doch Jesus bleibt hartnäckig. „Lass es geschehen!“ oder anders übersetzt: „Lass es zu“. Jesus erklärt Johannes. Wir sind in diesem Moment nicht die Handelnden. Es geht hier nicht um das, was wir tun, sondern hier geschieht etwas mit uns. Lass es zu. Lass es zu, dass Gott jetzt wirkt: an uns und durch uns und in uns.

Das ist ein ganz anderer Aspekt der Taufe. Hier steht nicht am Anfang der feste Wille und Wunsch, sein Leben zu ändern. Hier steht am Anfang die tiefe Einsicht: In der Taufe geschieht etwas mit uns. Wir erkennen, wer wir wirklich sind. „Du bist mein geliebter Sohn!“  „Du bist meine geliebte Tochter!“

Lass es geschehen! Viele Menschen haben Mühe mit diesem „Geschehen lassen!“ Das kann ich gut verstehen. Denn ganz schnell kann es ja so aussehen, als überlassen wir alles Gott. Als wären wir für nichts verantwortlich. Wir können unsere Hände in den Schoss legen und Gott vertrauen. Er wird es schon richten.


Erst neulich hatte ich ein langes Gespräch mit einer Familie, die in großer finanzieller Not ist. Sie haben sich von Versprechen locken lassen, die viel zu gut sind, um wahr zu werden. Sie haben sehr dumme finanzielle Entscheidungen getroffen, weil ihnen das Blaue vom Himmel versprochen wurde. Es ist eine furchtbare Situation und ihre Reaktion: „Die Here sal uns help!“  „Mag die Here  dit regmaak!“ 

Ich frage mich: was soll Gott da tun? Das hört sich zwar auf den ersten Blick sehr fromm und demütig an. Aber genau so ein Verhalten ist nicht gemeint mit „geschehen lassen!“

Hier wäre wohl eher Johannes an der Reihe, um den Menschen ins Gewissen zu reden und sie wach zu rütteln und bewusst zu machen: Tut Buße und kehrt um. Verändert euer Leben oder versteht, dass ihr für manches selbst verantwortlich seid.

Und gleichwohl ist das „Geschehen lassen“ so wichtig. „Lass es jetzt geschehen!“, ermutigt Jesus Johannes.

Was soll Johannes geschehen lassen: er soll Gott Platz einräumen. Es gibt ein menschliches Wirken und es gibt eine Gotteskraft. 

Hier in dieser Geschichte kommt beides zusammen: Beides hat seine Berechtigung. Das wachrüttelnde Predigen von Johannes, das Menschen bewusst macht, dass sie für viel Unglück in ihrem Leben und demnach auch für manches Glück selbst verantwortlich sind. Und dem Gegenüber Jesus, durch den und in dem Gottes sichtbar wird und deutlich wird, wie Gott in dieser Welt, zusammen mit uns Menschen wirkt.

Jesus lässt hier geschehen, dass er berufen wird. Jesus erfährt, dass er nicht allein auf sich geworfen ist, sondern Gott mit ihm verbunden ist und bleibt. Jesus erfährt, dass er ein geliebtes Gottes Kind ist. 

Was er geschehen lässt, dass er eine besondere Aufgabe hat. Seine Berufung besteht nicht in erster Linie darin zu bitten: „Here help my“. „Hilf mir, Gott!“ Sondern Jesus wird berufen Gott zu helfen: indem er zulässt, dass Gott durch ihn wirkt.

Das wird auch dadurch veranschaulicht: gleich nach der Taufe erzählt Matthäus die Versuchung Jesu.

Die Versuchung besteht darin zu meinen, durch die Kraft Gottes übermenschliche Kräfte zu haben. Die Versuchung besteht darin, sich selbst zu überschätzen. Die Versuchung besteht darin, sich auf Deals einzulassen, die das Blaue vom Himmel versprechen. Möglichkeiten, die zu gut sind, um wahr zu sein.


Merkt ihr, wie Matthäus hier zwei wichtige Pole zusammenbringt und ein Spannungsfeld aufbaut. In diesem Feld bewegen wir uns: Einerseits unsere menschliche Verantwortung: unsere guten, lebensförderlichen Entscheidungen und unseren schlechten Entscheidungen, mit denen wir uns, unsere Mitmenschen und den ganzen Planeten in Bedrängnis führen. Da braucht es Einsicht, Mut und Umkehr, Buße.

Und anderseits unsere menschliche, gnadenlose Selbstüberforderung, als hätten wir die Welt in der Hand und unser Leben völlig im Griff. An der Stelle hat die Predigt von der Gnade Gottes ihren Platz.

Lasst uns zum Schluss noch einmal auf die Taufe schauen: Johannes tauft im Jordan: Er taucht die Menschen unter – vielleicht auch etwas grob: Leute, kapiert: das Wasser steht uns bis zum Hals und ihr mit eurem Lebensstil habt einen Anteil daran. Ich tauche euch unter: Damit all diese Schuld abgewaschen wird und ihr auftaucht als neue Menschen.

Gott handelt nicht anstelle von uns – aber auch nicht ohne uns.

Und dann kommt Jesus: kein grobes Untertauchen, sondern ein vertrauensvolles Überlassen im Wasser: Schwimmen lernen. Auch das ist Taufe: Schwimmen lernen im Fluss des Lebens und dem Wasser trauen, das es trägt.

Buße ohne Gnade wird hart. Gnade ohne Buße wird billig.

Wie gut, dass wir in unterschiedlichen Kirchen unterschiedliche Aspekte betonen. Wie gut, wenn wir Johannes und Jesus nicht gegeneinander ausspielen – der eine wichtiger als der andere. Jesus unterbricht dieses Spiel.

Wie gut, wenn wir in unserem Leben weise werden und begreifen, wann ist es an der Zeit zu beten und zu flehen: „Gott hilf mir!“ und wann ist es an der Zeit, umzukehren, aufzuhören mit manchem Verhalten und mancher Lebenseinstellung, die nur Unglück bringt.

Am Anfang des Jahres laden uns Johannes und Jesus ein, zu fragen: „Was ist unsere Berufung in der Welt!“ 

Und sie laden uns ebenso ein wahrzunehmen: „Gott wirkt in uns und durch uns!“ Lasst es geschehen.

Eine Zusammenfassung in SMS-Länge:

Taufe heißt nicht, dass wir nie untergehen.
Taufe heißt, dass wir dem Wasser trauen dürfen, das uns trägt.
Und dass wir lernen, uns zu bewegen – mit eigener Kraft und doch gehalten.

Christus ruft nicht in eine sichere Existenz, sondern in ein verantwortliches Leben.


Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.