Predigten - 2026

1.Mose 3, 1-24



Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

Liebe Gemeinde, 

Heute sehr ihr auf der Leinwand ein faszinierendes Bild. Der Künstler heißt Pacino di Bonaguida. Das Bild ist zwischen 1310 und 1315 entstanden. 

Dieses Bild erinnert an unseren heutigen Predigttext: Die bedeutende Szene an einem Baum im Garten Eden. Er wird der Baum der Erkenntnis genannt. Gleichzeitig bleibt das Bild nicht im Alten Testament, sondern verbindet es mit der Geschichte Jesus. 

Jesus Kreuz wird auch Baum des Lebens genannt und ist eben auch ein Baum der Erkenntnis – der Erkenntnis von Gut und Böse.

Es sind zwei großen Erzählungen, die beide etwas mit Gut und Böse, mit Menschlichkeit und Unmenschlichkeit, mit Erlösung zu tun haben.

Keineswegs ist das, was da im Garten Eden geschieht ein „Sündenfall“. Nein, es ist die Erlösung aus dem Paradies, die den Menschen autonom macht. Der Mensch gibt seine Rundumversorgung, inklusive der Einschränkung, gehorchen zu müssen, auf und wählt den Weg in die Freiheit. Dieser Weg ist mühsam und schwer.

Erlösung ist eine Entwicklung.

So zeigt es auch das Bild. Jesus am Kreuz. Das Kreuz ein starkes Bild für Unmenschlichkeit und das Böse. Doch daraus wachsen hoffnungsvolle Zweige, Menschen, die ihre Menschlichkeit bewahren. Sie sind erlöst von dem Bösen – mühsam und mit viel Arbeit gestalten sie die Welt. 

Mit beiden Geschichten werden wir ein Leben lang nicht fertig werden – ihre Bilder und Ereignisse laden uns ein, unser Leben neu zu bedenken.

Mir wird an der Paradiesgeschichte erstaunlich deutlich, dass Freiheit und Mühe zusammen gehören.

Ach, wie leicht ist das Leben, wenn man schamlos leben kann. Wie leicht ist alles, wenn man unbeschwert ist wie ein Kind und nacktsein Leichtigkeit und Sicherheit bedeutet. 

Anderseits hat das kleine Kind noch kein Bewusstsein für Gut und Böse:  zum Glück. Das Kind lebt hoffentlich in großer Sicherheit, ohne Verantwortung. Es wird hoffentlich liebevoll rundum versorgt und beschützt. Nichts, was ihm fehlt – jedenfalls nicht in den ersten Jahren.
Doch eines Tages, da wird es dem Kind nicht genügen. Zum Menschsein gehört die Verantwortung.

Eines Tages reicht es dem Menschen nicht sicher und behütet zu sein. Eines Tages reicht es nicht, versorgt zu sein, keine Gefahr zu kennen, keine Abenteuer, keine Verantwortung.

Leider wird die großartige Erzählung in 1. Mose 3 fälschlich als Sündenfall bezeichnet. Weder von Fall, noch von Sünde ist da die Rede.

Es ist davon die Rede, dass Menschen hinausziehen in die Welt – Jetzt ist die Schöpfung vollkommen: der Mensch ist bekleidet: Gott schickt ihn ins Leben und traut ihm Mühe und Arbeit zu. Gott entlässt den Menschen in die Freiheit. Von da an ist der Mensch dazu verflucht und gesegnet, selbst zu wählen zwischen Gut und Böse.

„Rührt die Frucht nicht an, damit ihr nicht sterbet!“ Die Rundumversorgung schließt die Unsterblichkeit ein.  Doch die Schlange ist klug und bringt die Menschen dazu, ihre Unsterblichkeit aufzugeben. Die kluge Schlange lehrt die Sterblichkeit. Das nimmt Psalm 90 auf: Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf das wir klug werden. 

Und gleichzeitig erinnert die Feststellung Gottes, dass der Mensch ihm nun gleicher geworden ist an Psalm 8. Dort heißt es: der Mensch ist nur wenig geringer als Gott. 

Der Mensch kann zwischen Gut und Böse wählen und unterscheiden. Er kann erkennen, ob etwas dem Leben dient oder ob etwas das Leben zerstört.

Blicken wir noch einmal auf das Bild: Die Erlösung am Kreuz: Sie geschieht nicht durch das Kreuz an sich, sondern dadurch, dass in dem Kreuz Erkenntnis liegt. Wer diese Erkenntnis erlebt, wird ein Zweig an diesem Baum. Ein Zeuge von Leben.

Das Kreuz ist der zweite Baum der Erkenntnis, an dem Gut und Böse sich zu erkennen geben.

Der Baum wird zur Herausforderung für Menschen. Er lädt ein, innezuhalten und sich zu fragen: Wie will ich leben in dieser Welt?

Will ich die Welt schamlos ausnutzen und so tun, als würde ich ewig leben?

Oder werde ich mühsam, unter großen Schmerzen, doch unbeirrt und beschämt im Angesicht von Unmenschlichkeit als verantwortungsvoller Mensch leben.

Darum geht es meiner Meinung viel mehr in dieser Erzählung als darum, dass Gott seine Menschen bestraft und verflucht.

Gott fragt: Mensch, wo bist du? Das ist die Schlüsselfrage? Wo bist du, Mensch? Wo ist und bleibt deine Menschlichkeit. Wie steht es um deine Wahl zwischen Gut und Böse?

Es ist die Frage, die den autonomen, freien Menschen davor bewahrt, seine Menschlichkeit zu verlieren. So anstrebenswert es ist und war: frei zu sein, das Leben in der realen Welt als Mann und Frau, in der Bewältigung des Alltags zwischen Familie und Alltag ist nicht paradiesisch. 

Ich will noch einmal auf etwas aufmerksam machen in diesem alten Text, das oft überlesen wird. Adam und Eva werden auf den meisten Bildern, auf denen sie aus dem Paradies fliehen nackt gezeigt, mit einem Feigenblatt. In Vers 21 aber heißt es: . 21Und Gott der Herr machte Adam und seiner Frau Röcke von Fellen und zog sie ihnen an.

Gott stattet die Menschen aus mit Freiheit und mit der passenden Bekleidung. 

Der Theologe Jürgen Ebach sieht es so:

„Der erwachsene Mensch ist bekleidet, die angemessene Bedeckung seiner Scham gehört zur Menschenwürde. Schamlosigkeit ist (mit einer Bemerkung Sigmund Freuds) ein Zeichen von Schwachsinn.

Die eigene Würde zu behalten und sie anderen niemals zu rauben, ist Aufgabe des aufgeklärten und für sein Tun verantwortlichen Menschen in der realen Welt „Jenseits“ oder vielleicht besser: „diesseits von Eden“.

Zwischen dem einst gewesenen und dem einst kommenden Paradies (zum Zusammenhang beider Linien Frank und Marlene Crüsemann) aber liegt die reale Welt, in welcher der Mensch, Frau und Mann, sich der Verantwortung nicht entziehen darf und darum immer wieder und immer neu auf die Frage antworten muss: „Mensch, wo bist du?“

Ein letzter Blick auf das Bild mit dem Kreuz und den Zweigen: Jesus hat sich nicht versteckt vor Gott. Er hat auf die Frage, Mensch wo bist du? deutlich geantwortet: „Hier bin ich“. 

An Jesus wird deutlich, was es heißt, entblößt zu werden, der Freiheit beraubt zu werden, dem unmenschlichen Tod ausgeliefert zu sein von Menschen, die bei der Wahl zwischen Gut und Böse, sich für Böse entscheiden.

Das Kreuz ist Symbol geworden für die Frage: Mensch, wo bist du?

Diese Frage begleitet uns in der Passionszeit: Wo sind wir? Sind wir Teil der Zweige des Kreuzes, Menschen ausgerüstet mit Freiheit und dem festen Willen, diese Erde menschlich zu bebauen und zu bewahren: Obwohl es mühsam und schmerzhaft ist? 

Lasst uns diese Passionszeit nutzen, unsere Menschlichkeit neu zu erkennen.

Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen