Römer, 5,1-5
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen
Liebe Gemeinde,
Römer 5, 1-5
1 Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus.
2 Durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung auf die Herrlichkeit, die Gott geben wird.
3 Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt,
4 Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung,
5 Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.
Es ist Passionszeit. Sie hat ihren festen Platz in unserem Kirchenjahr. Wir geben dem Leiden seine Zeit. Wir nehmen es wahr. Wir entkommen ihm nicht. Wir schaffen es nicht aus der Welt.
Das Leiden Jesu steht auf den ersten Blick in krassem Gegensatz zu der Erwartung an einen Retter, einen Heiland, einen Erlöser.
Es passt eigentlich nicht so recht ins Bild: derjenige, der uns befreit aus der Not, gerät selbst in Not.
Ja, mit diesem kleinen Abschnitt aus dem Römerbrief sind wir mitten drin in den Vorstellungen, die wir von Gott haben.
Wenn Menschen in Not Gott anklagen und fragen: warum lässt du, Gott das zu? Da ist tief in den meisten Menschen der Wunsch: Gott könne alle Not aus der Welt schaffen. Denn schließlich bekennen wir ja: „ Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen…“
Paulus lädt uns heute ein, über unsere Vorstellung von Gottes Allmacht nachzudenken.
Die Not von Menschen und die Allmacht Gottes? Das passt doch nicht zusammen.
Damit haben viele Menschen ihre Mühe. Sie haben keinen Frieden.
Paulus hat Frieden gefunden mit Gott. Paulus findet diesen Frieden mit Gott durch Jesus Christus.
Und ich würde ergänzen: Paulus findet Frieden mit Gott durch das Kreuz.
Das ist an sich noch kein ungewöhnlicher Satz. Ihr habt das schon oft gehört: Das Kreuz Jesu versöhnt Gott und die Welt.
Mir hat dieser Satz sehr lange große Mühe bereitet. Und ich bin ehrlich: Immer wenn mir so ein Gedanke oder so ein Satz, der immer wiederholt wird, Mühe macht: dann ist das eine Einladung, neu zu denken.
Ich drehe die Sache dann um und anstatt, dass der Satz mir Mühe macht, mache ich mir Mühe mit dem Satz.
Paulus ist dafür bekannt, sich Mühe zu machen mit dem Verstehen Gottes. Immerhin war Paulus ein Pharisäer. Er war einer, der sein Leben und seine Arbeitskraft dem angemessenen Verstehen Gottes gewidmet hat.
Das Kreuz Jesu: Darum drehen sich viele Gedanken im Römerbrief. Paulus hat dadurch Frieden mit Gott gefunden.
Hier in diesem kurzen Absatz meine ich zu erkennen, was er gelernt hat und was sich vielleicht doch etwas anders anhört, als das, was oft über das Kreuz gesagt wird.
Ich versuche mal, euch mitzunehmen:
Sehr viele Christen leben mit der Vorstellung, dass das Leben Jesu einem genauen Plan gefolgt ist. Es gibt Textabschnitte im Neuen Testament, die das nahelegen. Und ich glaube, es gab auch zur Zeit des Neuen Testaments, unter den ersten Christen Menschen, die das so verstanden haben.
Gott, der allmächtige Gott hat alles im Griff: daher muss ja das Leiden vorhergesehen sein und einen Sinn haben. Einen Sinn, den nur der Allmächtige kennt.
Das Kreuz wird dann so gedeutet, dass Jesus von dem allmächtigen Gott geopfert werden musste, damit es Versöhnung zwischen Gott und Mensch gibt.
Ich bin ehrlich. Für mich macht das keinen Sinn. Wenn Gott in diesem Sinn allmächtig wäre, dann hätte er doch wahrlich eine unblutigere Lösung finden können.
Dieser Ansatz, dass das Leiden und der Tod Jesu von Anfang an geplant waren, ist so überzeugend, weil es schwer fällt auszuhalten, dass Gott dieses Leiden nicht verhindert hat.
Zurück zu Paulus und diesem kurzen Abschnitt: Paulus sagt, er hat Frieden mit Gott. Und das Nächste, was er sagt: „wir rühmen uns unserer Bedrängnisse“.
Paulus selbst also hat einen neuen Zugang gefunden, Frieden nicht nur mit Gott, sondern auch mit dem, was ihm Not macht.
Genaugenommen bedeutet der Frieden mit Gott, dass er eine neue Haltung gegenüber seinem Leiden einnimmt.
Paulus klagt Gott nicht mehr an und wirft ihm also nicht vor, dass Gott von seiner Allmacht nicht Gebrauch macht und diese Not verhindert.
Paulus hat Frieden mit Gott und lernt, zu akzeptieren, dass Not zwar nicht gottgewollt ist oder auch nicht von Gott verursacht wird – doch durch das Vertrauen in Gott kann mitten im Leiden etwas Gutes wachsen.
Damit ist das Leiden keine notwendige Voraussetzung für das Gute, sondern das Gute, das auch dem Bösen wächst überwindet es auch.
Mit anderen Worten: Gott hat das Kreuz Jesu nicht von langer Hand geplant, sondern als das Kreuz aufgerichtet ist, wirkt Gott weiter: Jesus vertraut weiter: Nicht einem allmächtigen Gott, der ihn vom Kreuz runter holt, sondern einem Gott, der ein allmächtiger Schöpfer ist und aus dem Nichts Leben entstehen lassen kann.
das ist ein feiner und doch großer Unterschied.
Die Allmacht Gottes ist nicht seine Fähigkeit alles Denkbare und Undenkbare auszulösen. Die Allmacht Gottes ist die Macht Gottes, die kein Ende hat – ewig.
Ewig entsteht neues Leben. Darin besteht Gottes Macht.
„wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, 4Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, 5Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.“
Dieses rühmen der Bedrängnisse ist ganz bestimmt keine Verherrlichung der Not. Es ist keine Sehnsucht, zu leiden. Es bagatellisiert das Leiden nicht.
Nein, wer so einen Satz sprechen kann, der hat eine tiefe innere Entwicklung erlebt, hat sein Gottesbild geändert – hat erlebt und akzeptiert, dass Leiden einen Platz im Leben einnimmt und Zeit braucht.
So wunderbar es ist, Zeiten zu erleben, in denen das Leben einfach wunderbar leicht, angenehm und schön ist – es ist eine Illusion, dass wir unser Leben so verbringen werden.
Indem wir dem Leiden Jesus seinen Platz geben, anerkennen wir das. Und es liegt eine große Kraft darin, die Entwicklung nachzuempfinden: Den Wunsch, dass der Kelch an ihm vorübergehe: Das Bitten und Flehen, Gott möge es ihm leichter machen, der Zweifel, ob Gott überhaupt Kraft hat: Hast du mich denn ganz vergessen!
Und dann viel später, die tiefe Einsicht: Vergessen hat mich Gott ganz und gar nicht: Gott sieht mich in der Not. Gott erinnert sich in der Not an seine ursprüngliche Kraft: Die ewige Schöpferkraft.
Ich finde es beeindruckend und weise: Gott lässt zu, dass wir von Gott denken, was wir wollen. Gott hört alle Bitten, alles Flehen. Gott hält auch den Wunsch aus, dass seine Menschen ihn anders haben wollen, als er ist. Gott ist geduldig. Gott erträgt alles. Denn Gott ist die Liebe, die ewig bleibt.
Für die unterschiedlichen Nöte im Leben von uns Menschen bedeutet das: die Einladung und Empfehlung: alles zu tun, was Leiden vermeidet und verhindert.
Doch wenn es uns erwischt – wenn wir in Not sind: dann liegt ein Weg vor uns: Ein Weg durch Dunkelheit, durch Tod, schwer, mühsam, beängstigend: Dann ist einem nicht nach Rühmen zumute – dann ist es Zeit, sich Gott anzuvertrauen und Gott zuzutrauen, dass es einen Weg hinaus gibt.
Nein, ich rühme mich meiner Bedrängnis nicht – doch ich ahne, welche Erlösung Paulus erfahren hat in Bedrängnis und Not.
Es bleibt ein Geheimnis – keine Verklärung der Not – nicht einmal des Kreuzes: keine Verherrlichung, aber die Verheißung: eines Tages, wird unser Mund wieder rühmen und loben können. Lasst uns auf dem Weg bleiben mit unseren Kreuzen. Denn wer sein Kreuz trägt, der kann Leben finden. Amen
