Lukas 9,57-62
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen
Lukas 9, 57-62
57 Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst.
58 Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.
59 Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe.
60 Er aber sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!
61 Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Hause sind.
62 Jesus aber sprach zu ihm: Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.
Liebe Gemeinde,
„Als sie auf dem Wege waren“: ein ganz gewöhnlicher Tag. Vielleicht ein Dienstag. Der eine ist auf dem Weg zur Schule. Die andere hat sich auf den Weg zum Einkaufen gemacht. Zwei sind auf dem Wege zu ihrer Arbeit. Andere sind auf dem Wege, jemanden zu besuchen. „Als sie auf dem Wege waren“. Das ist nichts Besonderes. Damals nicht und heute nicht.
Menschen sind unterwegs und mit ihrem Leben beschäftigt.
Die Transportmittel haben sich geändert. Gewiss.
Doch damals wie heute lebten Menschen ihr Leben mehr oder weniger bewusst. Sie fragten nicht an jedem Morgen nach dem tieferen Sinn des Lebens, sondern folgen ihrer Routine, ihren Gewohnheiten und sind damit ausreichend beschäftigt.
Ein gewöhnliches Leben, mit seinen Höhen und Tiefen. Mit den täglichen Freuden und Dankbarkeiten und den Sorgen, den Klagen.
An einem gewöhnlichen Tag kann sich alles ändern!
Das will Lukas erzählen.
Denn die gewöhnlichen Tage waren für die Juden im römischen Reich zwar zur Gewohnheit geworden. Das Volk hatte sich an allerhand Schikanen und Einschränkungen und ungerechte Gesetze gewöhnt. Das Volk fand es nicht gut, doch sie waren auf dem Weg – „vermutlich können wir nicht viel ändern!“
Schicksal. Zeitgeist. Politische Umstände. „Darauf haben wir kaum Einfluss!“
Und damals oder heute, wir haben mit unseren Lebenswegen schon genug zu tun. Das ist nichts Besonderes.
Das Volk verliert aus dem Blick, das Leben mehr ist als der eingefahrene Alltag. Das Volk vergisst, dass sie doch auf einem ganz besonderen Wege sind: Dem Weg in die Freiheit – dem Weg, der herausführt aus politischen, sozialen, emotionalen und alltäglichen Gefangenschaften. Das Volk Israel richtet sich wieder ein, diesmal nicht in Ägypten, sondern im römischen Reich.
Jesus erinnert das Volk mit allem, was er sagt, und tut an ihre besondere Berufung, den Weg in die Freiheit.
Und bei einigen bewegt das einen neuen Blick auf ihren Lebensweg und die gewöhnlichen Wege, die sie an diesem Dienstag oder Mittwoch gehen.
„Ich will dir folgen!“ sagt ein Mann.
Jesus hatte etliche Nachfolger. Es waren Männer und Frauen, die ihm nicht nur innerlich, sondern auch äußerlich folgten. Sie waren mit Jesus unterwegs. Manche schlossen sich Jesus an und andere wurden von Jesus berufen. Beides war möglich.
Lukas und auch die übrigen Evangelisten berichten erstaunlich unaufgeregt über so eine Lebensänderung.
Einzelne lassen sich von Jesus an die besondere Verbindung von Gott und Israel erinnern. An und im Volk Israel soll sichtbar und erfahrbar werden, was es bedeutet, dass Gott unter ihnen wohnt. Sie sollen frei sein. Da sollen alle genug zu essen haben. Menschen leben friedlich zusammen. Kinder wachsen in Freiheit auf. Gerechtigkeit ist eingezogen.
Doch das Volk Gottes leidet, obwohl Gott in ihm wohnt.
So entsteht die Idee, dass das Volk erlöst werden muss. Die Sehnsucht nach dem Retter wächst. Die Sehnsucht nach einem neuen Reich. Das Reich Gottes – es ist das Reich, das so ganz anders ist als die Erfahrung des römischen Reiches.
Es übersteigt meine Zeit heute, das Reich Gottes in all seinen herrlichen Erwartungen auszumalen.
Jesus redet davon während er mit seinen Nachfolgern auf dem Wege ist.
Es kling so verheißungsvoll, so nah, so vorstellbar, dass einige alles aufgeben, damit dieses Reich schnell wachsen kann.
Es sind begeisterte Menschen, geleitet von dem tiefen Wunsch, dass Gottes Nähe und Gottes Erbarmen, Menschlichkeit bewirken und Frieden stiften.
Die Nachfolgegeschichten sind Geschichten, durch die ein Geist von Freiheit und Aufbruch weht.
Es sind neue Lebensentwürfe, jenseits des gewöhnlichen Alltags.
Hier aber bei Lukas in diesem Abschnitt wird deutlich: Jesus nachfolgen, hat einen Preis. Jesus nachfolgen bedeutet nicht einfach so auf dem Wege zu bleiben und in den Tag hineinzuleben.
Jesus nachfolgen bedeutet, sich auf eine Veränderung einzulassen und diese Veränderung zu gestalten.
Nichts ist dann mehr gewöhnlich und gewohnt, sondern alles steht auf dem Prüfstand und unterzieht sich der Frage: Dient das, was ich heute tue, und lasse dem Reich Gottes? Wird Gott durch mein Leben, durch jeden Schritt auf meinem Weg sichtbar oder bleibt er der verborgene Gott.
Nachfolge bedeutet, mein Leben neu zu sehen: der ganz gewöhnliche Alltag, vielleicht ein Dienstag, wo ich unterwegs bin – ändert sich. Die vielen Nachfolger haben dann Gemeinden gegründet.
Nur bei den Evangelisten kommt das Wort „Nachfolge“ vor. Denn nur dort sind Menschen wirklich mit Jesus mitgezogen.
Bei Paulus gibt es aber ebenfalls eine Berufung: Die Taufe.
Die Taufe und die Zugehörigkeit zur Gemeinde.
Was die Nachfolger für das Volk Israel bedeutet haben: Die Erinnerung an das Reich Gottes wach zu halten und sichtbar zu machen, wie die Welt sich ändert, wenn man sich an Jesus orientiert, das bedeuten die Getauften für die Welt.
Wir bezeugen die Gegenwart Jesu – wir als einzelne und wir als Gemeinde.
Daran orientieren wir uns – wir richten uns aus an dem Wort, das Jesus Christus bezeugt. Wir studieren die Heilige Schrift, unsere Bibel und werden dort hören: Folge mir nach oder werden selbst beschließen: Ich folge dir.
Wer sich daran orientiert, für den wird der Alltag anders: Das Tote begraben und das Abschied nehmen. Das Häuser bauen und die Arbeit. Die Beziehungen. Das Elternsein und die Freizeitgestaltung.
Wer sich am Reich Gottes orientiert – denkt von der Zukunft her – vom Ende und vom Anfang, denn es ist alles neu geworden.
Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen
