Jesaja 66,10-14
Lätare, vierter Sonntag in der Passionszeit
Jesaja 66,10-14
10 Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie liebhabt!
Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid.
11 Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust.
12 Denn so spricht der Herr: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen.
13 Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.
14 Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des Herrn an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden.
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen
Liebe Gemeinde,
Am Ende des Jesajabuches finden wir eine ähnlich ermutigende Rede, wie am Ende des Neuen Testaments. Am Ende soll alles gut werden! Das ist der rote Faden in diesen Zeilen.
Am Ende soll Freude überwiegen, Fröhlichkeit den Ton angeben und Menschen sind getröstet – geborgen wie Kinder bei einer liebevollen Mutter.
Wunderbar, dass dieser Sonntag, Lätare mitten in der Passionszeit liegt. Mitten im Leiden, wo Menschen so schwer tragen und finster denken, da leuchtet Gott auf: als Kraftquelle, als Trost.
Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet. Dieser Satz leuchtet auf! Und ich denke, es ist es wert, mal einen Moment innezuhalten und zu fragen, wie tröstet eine Mutter.
Eine Mutter tröstet, indem sie sich verschenkt. Sie ist da. Sie ist ganz nah: der Säugling und die Mutter sind körperlich verbunden – nicht nur vor der Geburt, sondern auch danach.
Die Mutter stillt ihr Kind. Das Kind empfängt von ihr alles, was es zum Leben braucht.
So nah, wie einem nur eine Mutter kommen kann – so nah ist Gott. Das hat Jesaja verstanden.
Eine Mutter tröstet so, dass die Grundbedürfnisse nach Geborgenheit, nach Nahrung, nach Nähe und Geborgenheit erfüllt werden. Menschen, die das Glück und das Vorrecht haben mit solchen Eltern, Mütter und Väter aufzuwachsen sind gesegnet für den Rest ihres Lebens.
Jesaja wusste sicher noch nicht viel von Entwicklungspsychologie und der Bindungstheorie, die für Kinder so überaus wichtig sind und doch trifft Jesaja mit seinem Bild den Nagel auf den Kopf:
Gott ist mit uns, seinen Geschöpfen so verbunden, wie eine Mutter mit ihrem Kind.
Doch wir können an dieser Stelle nicht so schnell unsere Gegenerfahrungen überspringen. Wie ist es denn um den Trost bestellt, von dem Jesaja spricht.
Sind das leere Behauptungen?
Schon damals fiel es den Zeitgenossen schwer, sich ein fröhliches, friedliche Jerusalem vorzustellen. Das Leben war vom Gegenteil geprägt. Verwüstung und Vertreibung. Unrecht. Eine Kluft zwischen Reich und Arm.
Und aktuell fällt es einem doch wirklich schwer, sich vorzustellen, wie es Frieden in Jerusalem werden kann. Der Blick in den Nahen Osten, der Blick auf Jerusalem stimmt mich trostloser, denn je. Mehr und mehr Menschen äußern sich enttäuscht und desillusioniert über eine trostlose Welt.
Die trostlose Welt wird von vielen Menschen als die „reale Welt“ gesehen. Die Welt, in der kein Frieden möglich ist; die Welt, in der Menschlichkeit verloren gegangen ist; die Welt, die voller Gefahren, voller Kriege und Gewalt ist. Das trifft die Erfahrungen einer überwältigend großen Gruppe der Weltbevölkerung.
Wer wirklich trösten will, kommt an diesem Teil der realen Welt nicht vorbei. Vieles in dieser Welt kann einen Menschen verzweifeln und trostlos werden lassen. Unser Verstand kann mit Vielem nicht fertig werden. Es gibt keine vollständigen Erklärungen für die Grausamkeiten, die Menschen Menschen und ihrer Umwelt antun.
All das führt zu bitteren Fragen und zweifelnden Gedanken.
Und darum ist es wichtig, zu bedenken, dass viel gut gemeinter Trost oft das Leiden nicht ernst genug nimmt. Viel gut gemeinter Trost ist Vertröstung, ist Ausdruck einer großen Hilflosigkeit und auch ein, zumindest unbewusstes, Leid von sich fern halten.
So ganz anders das Bild, von der Mutter, die tröstet – ihr Trost nährt das Kind. Sie holt es ganz nah zu sich. Sie gibt sich selbst.
Das Kind wird wahrgenommen in seinem tiefen Bedürfnis. Seine Verzweiflung wird gestillt. Das ist möglich. Und Jesaja ist überzeugt: es ist möglich, dass Gott so tröstet. In der Welt, in der ein Säugling nie und nimmer allein zu recht kommen würde – ist ihm eine Mutter geschenkt – und weil es diese Mutter gibt, wird die Welt zum wunderbaren Lebensraum.
Die Verbundenheit zwischen Mutter und Kind ist die Beschreibung von vollkommener Nähe in einer unvollkommenen Welt.
Die Verbindung zwischen Gott und seinen Menschen eröffnet einen Lebensraum – eine Erfahrung von Geborgenheit und Vollkommenheit in einer trostlosen Welt.
Und damit wird deutlich: die Welt ist nicht entweder gut oder schlecht: die Welt bleibt immer beides: eine wunderschöne Welt und eine grausame Welt.
Nichts davon ist die Welt an sich – sondern die Welt ist, was wir Menschen aus ihr machen.
Trost ist glaubwürdige Verbundenheit und verlässliche Beziehung.
Trost überwindet nicht das Leiden an sich, doch es stillt das Leiden am Leiden – Trost schafft eine Akzeptanz und ist eine Kraftquelle mit dem fertig zu werden, was uns den Verstand rauben könnte.
Vor allem ist Trost die Gewißheit und das Vertrauen, dass die Welt an der wir verzweifeln zur Welt werden kann, in der Menschen sich gegenseitig stützen und stärken.
Wie einen eine Mutter tröstet.
Als ich klein war, war ich – so wie fast alle kleinen Kinder – manchmal untröstlich. Etwas hat mich geärgert oder verletzt. Irgendetwas hat meine kleine Kinderwelt aus den Fugen geraten lassen.
Und es wurde mir dann erzählt, wenn so etwas geschah, dann habe ich froh verkündet: „Meine Mutter macht mich wieder gut!“
Gott tröstet, wie einen seine Mutter tröstet: Gott macht die Welt wieder gut – die Menschen in ihr – uns: jede und jeden von uns. Gott macht uns wieder gut: ermöglicht uns Menschlichkeit zu bewahren und neu zu entdecken.
Wenn das wahr ist: dann wird es uns leichter sein uns ein fröhliches Zusammenleben in Jerusalem vorzustellen.
Wenn es wahr ist, dass Gott uns wieder gut macht, dann kann ich mir gut vorstellen, dass Gerechtigkeit sich ausbreitet wie ein Fluss und Frieden wächst.
Unsere Gemeinde ist dafür ein Übungsfeld – jede Gemeinde, jede Kirche: das ist unsere Berufung, Seite an Seite mit Menschen zu leben und Leiden gemeinsam zu überwinden.
Lasst uns das feiern, was wir heute in der Taufe erlebt haben: Gott macht uns wieder gut. Gott tröstet, wie einen eine Mutter tröstet.
Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus
