Predigten - 2026

Hebräer 13,12-14



Judika, 5. Sonntag in der Passionszeit 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen 

Hebräer 13,12-14


12 Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor.

13 So lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen.

14 Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.


Liebe Gemeinde,

Kennen Sie das Märchen: Die Bremer Stadtmusikanten?

„Es hatte ein Mann einen Esel, der schon lange Jahre die Säcke unverdrossen zur Mühle getragen hatte, dessen Kräfte aber nun zu Ende gingen, so daß er zur Arbeit immer untauglicher ward. 

Da dachte der Herr daran, ihn aus dem Futter zu schaffen, aber der Esel merkte, daß kein guter Wind wehte, lief fort und machte sich auf den Weg nach Bremen; dort, meinte er, könnte er ja Stadtmusikant werden. Als er ein Weilchen fortgegangen war, fand er einen Jagdhund auf dem Wege liegen, der jappte wie einer, der sich müde gelaufen hat. "Nun, was jappst du so, Packan?" fragte der Esel. "Ach," sagte der Hund, "weil ich alt bin und jeden Tag schwächer werde, auch auf der Jagd nicht mehr fort kann, hat mich mein Herr wollen totschlagen, da hab ich Reißaus genommen; aber womit soll ich nun mein Brot verdienen?" - "Weißt du was?" sprach der Esel, "ich gehe nach Bremen und werde dort Stadtmusikant, geh mit und laß dich auch bei der Musik annehmen. Ich spiele die Laute und du schlägst die Pauken." Der Hund war's zufrieden, und sie gingen weiter. Es dauerte nicht lange, so saß da eine Katze an dem Weg und macht ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter. "Nun, was ist dir in die Quere gekommen, alter Bartputzer?" sprach der Esel. "Wer kann da lustig sein, wenn's einem an den Kragen geht," antwortete die Katze, "weil ich nun zu Jahren komme, meine Zähne stumpf werden, und ich lieber hinter dem Ofen sitze und spinne, als nach Mäusen herumjagen, hat mich meine Frau ersäufen wollen; ich habe mich zwar noch fortgemacht, aber nun ist guter Rat teuer: wo soll ich hin?" - "Geh mit uns nach Bremen, du verstehst dich doch auf die Nachtmusik, da kannst du ein Stadtmusikant werden." Die Katze hielt das für gut und ging mit. Darauf kamen die drei Landesflüchtigen an einem Hof vorbei, da saß auf dem Tor der Haushahn und schrie aus Leibeskräften. "Du schreist einem durch Mark und Bein," sprach der Esel, "was hast du vor?" - "Da hab' ich gut Wetter prophezeit," sprach der Hahn, "weil unserer lieben Frauen Tag ist, wo sie dem Christkindlein die Hemdchen gewaschen hat und sie trocknen will; aber weil morgen zum Sonntag Gäste kommen, so hat die Hausfrau doch kein Erbarmen und hat der Köchin gesagt, sie wollte mich morgen in der Suppe essen, und da soll ich mir heut abend den Kopf abschneiden lassen. Nun schrei ich aus vollem Hals, solang ich kann." - "Ei was, du Rotkopf," sagte der Esel, "zieh lieber mit uns fort, wir gehen nach Bremen, etwas Besseres als den Tod findest du überall;“

„Wir haben hier keine bleibende Stadt!“ Mit diesen Worten konfrontiert der Schreiber des Hebräerbriefes seine Adressaten und gibt ihnen einen neuen Fokuspunkt. „… die zukünftige suchen wir“. 

Etwas Besseres als den Tod suchen wir und finden wir!

Das ist eine tiefe Wahrheit, die uns hier ins Bewusstsein gerufen wird.

Wir Menschen sind und bleiben vergängliche Wesen. Wir bleiben hier, in dieser Welt, in unserem Leben nicht für ewig. Wir werden alt – wir sterben.

Diese Einsicht kann unterschiedlich gewonnen werden und sie kann unterschiedliche Gefühle auslösen. 

Die Einsicht, dass nichts bleibt, kann mit großem Leid verbunden sein. Schmerzhafte Erfahrungen von Verlust lassen Menschen mit traumatischen Wunden und schweren Gefühlen zurück. 

Das ist die eine Sicht auf die Erfahrung: „Wir haben hier keine bleibende Stadt“. 

Wir sind nicht mehr gewollt. Wir werden nicht mehr gebraucht.

Dieser Satz bringt Verlusterfahrungen auf den Punkt: der zu früh empfundene plötzliche Tod eines Menschen; eine schwere, zum Tode führende Diagnose; das Ende einer Beziehung; der Verlust von Heimat; der Verlust von Sicherheit.

Auf sehr unterschiedliche Weise werden wir im Laufe unseres Lebens mit der Tatsache konfrontiert: „Wir haben hier keine bleibende Stadt“. 

Wir sind vergänglich. Wir lassen Vieles hinter uns. Wir gehen auf ein Lebensende zu. 

Der Widerstand, den diese Einsicht auslöst, ist vielfältig. 

Auch dem Esel, dem Hund, der Katze und dem Hahn gefällt das nicht.

Der Widerstand gegen die Vergänglichkeit findet manchmal Ausdruck in den Versuchen, medizinisch mehr als alles Menschenmögliche zu tun. Um drei Monate zu gewinnen, noch eine schwere Chemo mit leidvollen Nebenwirkungen.
Medizinische Forschung an der Unsterblichkeit von Menschen oder zumindest am Projekt: jeder kann bald hundert Jahre alt werden.

Ja, da ist viel Widerstand gegen unsere Vergänglichkeit und je gesünder wir sind, je besser wir materiell aufgestellt sind, je mehr wir unser Leben selbstbestimmt, frei und unbeschwert leben, desto tiefer verwurzeln wir uns und leben in der Illusion: Das geht immer so weiter.

Je weniger ein Mensch verwurzelt ist im Glauben und je weniger Gott eine Rolle spielt, desto größer wird die Angst vor der Vergänglichkeit, desto schmerzhafter und traumatischer sind Verlusterfahrungen. Denn am Ende bleibt nichts als der Tod.
Der Hebräerbrief eröffnet nun einen Weg mit dieser Vergänglichkeit versöhnt zu leben.

Etwas Besseres als den Tod zu finden!

Der Schreiber fügt seiner treffenden Beobachtung: „Wir haben hier keine bleibende Stadt“ hinzu: „Die zukünftige suchen wir!“

Wir betrachten unser Leben also nicht mehr nur vom Verlust und der Vergänglichkeit aus, sondern uns wird ein neuer Blick eröffnet: „da kommt noch was!“, ist der Verfasser überzeugt.

Das ist eine andere Erfahrung von Vergänglichkeit. Das führt nicht in den Widerstand und in eine verzweifelte Wehrhaftigkeit gegen jede Form von Veränderung, sondern es ist die Erfahrung, befreit zu werden.

Befreit und erlöst. 

Die Tiere im Märchen machen sich auf einen unbekannten Weg.

Der Hebräerbrief richtet seinen Blick nicht auf Bremen, sondern auf Jesus Christus. Das ist der rote Faden im Hebräerbrief: Schaut auf Jesus Christus und begreift, dass sein Leiden, dass sein Tod nicht nur Verlust und Scheitern war, sondern dass darin Gottes befreiende Kraft wirkt.

Ebenso pointiert wie seine Analyse „Wir haben hier keine bleibende Stadt!“ beschreibt der Verfasser: „Jesus hat gelitten draußen vor dem Tor!“ 

Damit bezieht er sich auf den Ort der Kreuzigung, Golgatha, außerhalb der Stadtmauer. Doch es geht tiefer. „Draußen vor dem Tor!“ Das ist außerhalb aller Sicherheit. Das ist jenseits von schützenden Mauern. Das ist außerhalb der gefestigten Gemeinschaft. Das ist jenseits dessen, was die Mehrheit der Menschen als wahr erkannt hat.

In dem Kreuz Jesu sieht der Schreiber eine neue Offenbarung Gottes.

An vielen Stellen vergleicht der Hebräerbrief Jesus Christus mit einem Hohepriester.
Der Hohepriester dient der Gemeinschaft – er vermittelt zwischen Gott und Mensch. Die Aufgabe des Hohenpriesters war es die Opfer am Versöhnungstag im Tempel darzubringen. Ein heiliges Ritual. Ein bewegender Moment, wo Menschen frei werden von ihrer Vergangenheit und ihnen eine neue Zukunft eröffnet wird.
Merkt ihr wie nah die Wörter „Vergangenheit“ und „Vergänglichkeit“ beieinander liegen.

Am großen Versöhnungstag, einmal im Jahr erinnern sich die Juden an ihre Befreiung vom Tanz um das Goldene Kalb.

Diese Aufgabe übernimmt nun Jesus Christus: Befreiung von der Anbetung unserer Goldenen Kälber: der Unsterblichkeit, der Verewigung, der Verzweiflung angesichts unserer Vergänglichkeit.

Jenseits aller Sicherheit – draußen, da wo wir dem Leben und dem Tod völlig ausgeliefert sind, hilflos und ohnmächtig: da wirkt Gott und befreit uns aus dem Leiden am Tod. 

„Darum lasst uns nun auch hinausgehen – lasst uns seine Schmach tragen!“ 

Einfach ist das nicht und ich verstehe gut, dass dieser Gedanke Widerstand weckt. Hier aber liegt und bleibt ein Geheimnis unseres Glaubens: es ist ein so tiefes Vertrauen an einer Stelle, wo Angst und der Verlustschmerz übergroß werden könnten.

Es ist keine einfache Erfahrung, mit einer Haltung durchs Leben zu gehen, die bereit ist, hinter sich zu lassen, was nicht mehr zu ändern ist.

Das ist eine bewusste Entscheidung und es ist nichts, was auf Befehl oder auf Knopfdruck geht.

Es ist eine Einladung, die wir weitergeben und mehr und mehr Menschen mitnehmen: Etwas Besseres als den Tod zu finden.

„Die zukünftige suchen wir!“ Die Zukunft ist nicht sofort da. Das, was da noch kommt, ist noch verborgen. Es bleibt eine Suchbewegung. Das ist kein triumphaler Siegeszug in eine neue Welt. Es ist keine gewaltsame Befreiung, ein militärischer Sieg oder ein Kampf, der gewonnen wird.

Auf der Suche nach der Zukunft – das ist anders als auf der Suche nach der Unsterblichkeit. Auf der Suche nach der Zukunft – das ist anders als der Versuch, für immer so weiterzumachen, wie bisher.

Lasst uns hinausgehen, aufbrechen. „Etwas Bessers als den Tod finden wir überall!


Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen