Predigten - 2026

Markus 14,1-9



Palmsonntag


Markus 14,1-9


1 Es waren noch zwei Tage bis zum Passafest und den Tagen der Ungesäuerten Brote. Und die Hohenpriester und Schriftgelehrten suchten, wie sie ihn mit List ergreifen und töten könnten.

2 Denn sie sprachen: Ja nicht bei dem Fest, damit es nicht einen Aufruhr im Volk gebe.

3 Und als Jesus in Betanien war im Haus Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Glas mit unverfälschtem Nardenöl, und sie zerbrach das Glas und goss es auf sein Haupt.

4 Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls?

5 Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an.

6 Jesus aber sprach: Last sie in Frieden! Was betrübt ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. 7 Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit.

8 Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt für mein Begräbnis.

9 Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat.


Liebe Gemeinde,

Es ist zwei Tage vor einem großen Fest. Da liegen Männer mit Jesus zu Tisch. Zwei Tage vor einem großen Fest werden die Frauen in der Küche stehen. Sie bringen alles im Haus in Ordnung. Sie putzen. Sie kochen. Sie backen.

Markus nimmt uns mit in das Haus von Simon. Das Einzige, was wir erfahren. Simon war einmal an Aussatz erkrankt. Vielleicht hatte Jesus ihn geheilt. Offensichtlich ist er gesund. Sonst würde er nicht in festlicher Männerrunde zwei Tage vor dem großen Fest zu Hause liegen.

Wir erfahren nicht, wer seine Frau ist. Wir wissen nicht, wie sie die Familie durchgebracht hat, als Simon krank war. Uns wird nicht erzählt, wer diese Mahlzeit zubereitet hat. Zusätzlich zu den vielen Vorbereitungen. Auch das noch. Eine Männerrunde zwei Tage vorher. Muss das sein. Doch sicher wurde die Frau des Hauses nicht um ihre Meinung gefragt.
Doch nichts wird von der Frau erzählt. So war das damals. So ist das teilweise noch heute. Geschichte wird von Männern geschrieben. Von besonderen Männern: Wichtigen Männern. Autoritären Männern. Reichen Männern. Patriarchen und Oligarchen.

Die Männer liegen zu Tisch, in Betanien. Jesus ist bei ihnen. Er ist kein Oligarch. Er ist kein Patriarch. Er ist ein Wanderprediger.

Von Betanien sind es nur wenige Kilometer bis Jerusalem. Die Stadt ist überfüllt. Wie jedes Jahr kurz vor dem Passahfest. Jedes Jahr ist die Stadt dann für einige Tage und Wochen im Ausnahmezustand. Tausende von Pilgern reisen an. Sie kommen auch aus Nachbarländern von weit entfernt. Jeder, der kann, pilgert mit der Familie nach Jerusalem. Überall sind Menschen. Jedes Zimmer vermietet, jeder Stall belegt. Jede Nische besetzt. Die Priester sind beschäftigt, alle sind im Dienst. Tiere werden geschlachtet und für den Opferkult verkauft. Tausende von Menschen müssen essen und trinken und auch irgendwo schlafen.

Das römische Militär ist mit noch mehr Männern vertreten als sonst schon üblich.

Es ist laut in der Stadt. Musik und Gesang. Geschrei und Gespräche. Über allem liegt eine große Anspannung. So erzählt es Markus. Es ist förmlich zu spüren, wie sich im Markusevangelium die Lage um Jesus zuspitzt. Jetzt, kurz vor dem Passahfest. Die römischen Besatzer befürchten einen Aufstand. Sie wissen, dass die Juden lange schon einen neuen König wollen und ihre Unabhängigkeit ersehnen.
Die religiösen Autoritäten der Juden fürchten ebenfalls einen Aufruhr. Das würde ihre Autorität untergraben. Mit ihrem Ansehen bei den Römern wäre es dann vorbei. Die erwarten schließlich von ihnen, den Schriftgelehrten, den Priestern und Pharisäern, dass sie für Ordnung unter den Juden sorgen.
Und jetzt ist Jesus auch noch aufgetaucht. Eingezogen ist er auf einem Esel. Überall wird getuschelt.
Da wird ein Komplott geschmiedet, wie sie Jesus aus dem Weg schaffen, am besten ihn töten.
Da wird überlegt, wie es so geschehen kann, dass es möglichst unauffällig ist und es nicht zu einer Revolte führt.
Sie wollen es listig und klug machen. Sie wollen das Volk nicht gegen sich aufbringen.
Es wird getuschelt. Es gibt geheime Treffen der Wichtigen, mit dem Ziel, Jesus aus dem Weg zu schaffen.
Es wird offen diskutiert, auf der Straße und in den Häusern, wer Jesus ist, was er will und was er erreichen wird.

Diejenigen, die von ihm geheilt wurden, sind überzeugt: seine Kraft ist so stark, er kann die ganze Welt retten.
Die Schriftgelehrten, die ihm in der Synagoge zugehört haben, als er die Schrift auslag, begreifen, wie klug Jesus ist. Sie anerkennen, dass er etwas zu sagen hat. Sie befürchten, er könne zu viel zu sagen haben, sodass ihre Autorität, die Autorität der Priester und Gelehrten noch mehr angezweifelt würde.
Es wird geredet unter den Jüngern. Sie streiten sich darüber, wer Jesus besser kennt, wem er am nächsten steht. Die Jünger streiten sich, wer ihn am besten versteht. Judas sieht in ihm den neuen König. Andreas sieht in ihm einen Heiler. Für Johannes und Jakobus ist er ein wichtiger Gelehrter.
Es spitzt sich etwas zu. Nur noch zwei Tage bis zum Passafest.

Zwei Tage bis zu dem Fest, an dem die Juden ihre Befreiung aus Ägypten feiern und sich bewusst machen: wir sollten immer für einen Aufbruch und Neuanfang bereit sein.

Markus erzählt von einer Männerwelt, in der es um Macht und Gewalt geht. Eine Welt, in der Männer Entscheidungen treffen, Krieg führen und töten, um ihre Autorität zu bewahren. Es ist eine patriarchale Welt. Eine Welt von oben und unten. Eine Welt von Herrschern und Beherrschten. Eine Welt von Mächtigen und Ohnmächtigen.
Jesus ist Teil dieser Männerwelt und es sieht so aus, als würde es unter den Männern ausgehandelt, wer er ist und welche Bedeutung Jesus hat. Die Männer sind unter sich.
Auch an diesem Abend im Haus von Simon.

Bis eine Frau auftaucht. Unerwartet. Nicht eingeladen. Nicht herzlich willkommen oder freundlich aufgenommen. Doch sie nimmt Raum ein.
Sie geht ihren Weg. Sie lässt sich nicht abweisen.

Sie kommt. Sie spricht kein Wort und doch tut sie etwas, das aus ihre eine unvergessene Frau macht. Sie wird erinnert. Trotz der Geschichtsschreibung der Männer, denen es unwichtig erscheint, welche Frau im Hause des Simon ist, denen es unwichtig erscheint, wie die Namen der Jüngerinnen lauten, denen es unwichtig erscheint, was Frauen denken und womit sie beschäftigt sind zwei Tage vor dem Passah: da taucht diese eine Frau auf und findet ihren Weg zu Jesus und ins Evangelium. Sie muss erinnert werden. An ihr kommt kein Erzähler und kein Mann vorbei.
Sie bleibt namenslos. Aber sie bleibt.

Sie macht etwas Ungeheures: sie nimmt eine Flasche mit kostbarem Öl und salbt Jesus. Ja, das Salben eines Leichnams ist Frauensache. Das Salben eines Königs wäre Männersache.

Die Männer machen ihrem Ärger Luft. Was willst Du? Du gehörst nicht in unsere Welt. Sie erniedrigen die Frau. Diese dumme Frau, die nicht zwei und zwei zusammenzählen kann. Sonst hätte sie nicht das teure Öl verschwendet. 
Die Männer argumentieren mit dem, was sie als Vernunft betrachten. Vernunft berechnet und vermisst die Welt. Es ist eine Männervernunft.
Es ist eine hinterlistige Vernunft. Es ist eine Vernunft, die Frauen dumm ausschauen lassen möchte: Was hätte man alles mit dem Öl machen können? Nein, sie sprechen nicht von guten Geschäften, die sie doch sonst im Sinn haben. Sie sind subtiler und abgründiger. Man hätte doch den Armen helfen können!
Kann dagegen jemand etwas sagen. Sie missbrauchen die Armen für ihr Argument. Gern möchte man nachfragen: Was habt ihr denn bisher für die Armen getan? Warum gibt es denn noch so viele Arme, wenn ihr die Welt so gut berechnen könnt und doch wisst, was den Armen helfen würde.

Jesus entlarvt ihre herzlose Kritik, die im Mantel von Mitgefühl für die Armen daherkommt.

Lasst die Frau in Ruhe. Warum betrübt ihr sie. Sie hat ein gutes Werk getan. Mit anderen Worten: es ist gut und würdig, was sie getan hat.
Sie hat wirkliches Mitgefühl. Sie versteht mit ihrer weiblichen Vernunft mehr, als der berechnende Männerverstand.
Ja, hier prallen Welten aufeinander.

Der Abschnitt vor unserem Predigttext endet mit der Aufforderung: „Wachet!“ und wir wissen, die Jünger haben das nicht geschafft. Sie sind eingeschlafen und haben Jesus allein gelassen.
Der Abschnitt nach unserem Predigttext beginnt mit den Worten: Und Judas, einer von den Zwölfen ging hin zu den Hohepriestern, um Jesus zu verraten. Wenig später ist es Petrus, der seine Zugehörigkeit zu Jesus leugnet.
Dann wird Jesus gekreuzigt.
Es ist eine Geschichte von männlichem Scheitern und Versagen. Deutlich führt uns Markus vor Augen, wohin es führt, wenn Frauen nicht beachtet werden und wenn das, was zählt nur der männliche Blick und die männliche Berechnung und Vereinnahmung ist. In so einer Welt ist Jesus zum Scheitern verurteilt – von der römischen Männerwelt und von der jüdischen Männerwelt.

Den Frauen bleibt nichts anderes als den toten Jesus für das Begräbnis zu salben. Den Frauen bleibt die Versorgung der Toten, das Verbinden von Wunden.
In der Männerwelt nehmen sie einen nicht geachteten Platz ein.

Warum soll von dieser Frau erzählt werden: weil Markus so erzählt, dass sie nicht nur tut, was Frauen geboten ist, sondern weil er so von ihr erzählt, dass sie mehr verstanden hat.
Salbt sie da nicht doch den König?
Sie hat Jesus zugehört und ist ihm womöglich schon lange gefolgt. Sie erkennt, Jesus schlägt einen anderen Weg ein. Wer ihm folgt, findet neues Leben.
Für die Männerwelt ist Jesus gestorben. Für die Welt, in der weder Jude noch Grieche zählt, weder Mann noch Frau, ist Hoffnung geboren.

Traurig, dass wir 2000 Jahre später noch immer so gefangen sind in patriarchalen Strukturen, das männliche Narrativ von Gewinner und Verlierer überwiegt, in der Männer weiter die Welt unter sich aufteilen.

Es könnte längst anders sein, wenn sie mehr als auf ihre eigene männliche Vernunft auf die Vernunft trauen würden, die den Verstand übersteigt.

Was das bedeutet, führt diese Frau ihnen vor Augen. Es würde bedeuten: großzügig zu lieben, verschwenderisch zu sein mit Gefühlen und wahrzunehmen, dass Gott in dieser Liebe wirkt.

Erzählt mehr von den Frauen, die Gutes tun und lasst sie in Ruhe wirken! Erzählt mehr von den Frauen, die Jesus gefolgt sind, die ihn gesalbt haben, die als erstes das begriffen, was in einer Männerwelt nicht vorgesehen war: Er ist wahrhaftig auferstanden.

Der Friede Gottes, der unsere Vernunft übersteigt, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.