2. Korinther 5, 19-21
Karfreitag
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen
2. Korinther 5, 19-21
19 Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.
20 So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!
21 Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.
Liebe Gemeinde,
in diesem Gottesdienst begleiten uns zwei Christusbilder. Das eine aus einer Kirche in Goslar. Ein moderner Christus, ohne Kreuz: mit geöffneten Armen. Das andere Bild ist aus einer Kirche in Tübingen. Ein verhüllter Jesus.
Beide Bilder transportieren wichtige Gedanken im Blick auf unser Verständnis der Kreuzigung Jesu.
Das eine Bild, das ohne Kreuz auskommt – ein Wunschbild:
ach, kämen wir ohne Kreuze aus.
Ach, würden es kein Scheitern geben.
Ach, würden wir doch etwas leichter mit dem Tod, vor allem mit den sinnlosen und grausamen Verbrechen an der Menschlichkeit fertig.
Das andere Bild macht uns bewusst, dass wir durch einen Schleier auf das Kreuz sehen. Gott ist verborgen. Seine Liebe verhüllt. Wir verstehen nicht alles. Wir sehen nur Bruchstücke.
Die Hülle ist auch ein zarter Versuch, das Leiden Jesu und sein Scheitern zu verhüllen. Wenn etwas nicht auszuhalten ist. Wenn die Scham beim Anblick zu groß wird und die Bloßstellung eine Demütigung ist, dann ist das Verhüllen ein Ausdruck von Mitgefühl.
Ja, das Leiden und Scheitern, die Schmerzen, die Jesus erlitt werfen viele Fragen auf.
Und seit jeher identifizieren sich Menschen mit dem Leiden Jesu. Ja, wenn wir Jesus sehen, hingerichtet und allein, gescheitert mit seiner Leidenschaft für Gewaltlosigkeit und Frieden da sehen wir auch heutige Verletzungen.
Kriege sind solche offenen Wunden der Menschheit: Verletzen und verletzt werden – die unmenschliche Grausamkeit, die Menschen erleben und verursachen. Die Verbrechen an der Menschlichkeit im Kleinen und im Großen.
Das alles gerät Karfreitag in den Blick.
Während wir beide Bilder auf uns wirken lassen, lese ich einen Text von einer zeitgenössischen Autorin: Susanne Niemeyer. Die Autorin beschäftigt sich mit solchen Verletzungen.
Gescheitert von Susanne Niemeyer
In einer großen Stadt steht eine Kirche. Ihre Türme zeigen in den Himmel und ihre Tür überragt jeden Menschen. Die Fenster leuchten und die Kunstschätze locken Besucher an. Wenn man die Kirche umrundet, kommt man zu einer zweiten Tür. Sie ist klein. Jemand hat ein Schild angebracht, „Jesus“ steht darauf, „Experte für’s Scheitern“. Seltsamer Titel. Du trittst ein.
„Guten Tag,“ sagst du, nachdem du dich an das Dämmerlicht gewöhnt hast und einen Mann erkennst. Er trägt eine große Wunde an der Seite und lacht.
Du deutest auf das rote Fleisch: „Tut das nicht weh?“
„Doch, doch“, nickt der Mann, „aber es heilt.“
„Was haben Sie getan?“
„Ich bin gescheitert.“
„Oh. Das tut mir leid.“ Dir fällt das Schild wieder ein. „Deshalb der Titel?“
Der Mann nickt.
„Ehrlich gesagt, sollten Sie vielleicht lieber ein Büro für’s Gelingen aufmachen. Das spricht die Leute sicher mehr an.“
„Bist du schon mal gescheitert?“
Du denkst nach. Du hast eine Liebe verloren, du standest an einem Grab. Du hast eine Kündigung unterschrieben, bist aus einer gemeinsamen Wohnung ausgezogen, hast ein Essen anbrennen lassen und Wäsche verfärbt. Du hast dein Kind enttäuscht. Du hast dich selbst enttäuscht. Du hast ein paar Hoffnungen begraben, einen Geburtstag vergessen und Blumen vertrocknen lassen. Beim Hochsprung hast du die Latte gerissen, nicht gewonnen, was du gewinnen wolltest und mit 50 bist du nicht die gewesen, die du dir einst vorgestellt hattest zu sein. Du hast falsche oder gar keine Worte gefunden. Du hast dir Dinge vorgenommen, die du nicht erreicht hast, manche obwohl du dich angestrengt hast, andere waren der Trägheit unterlegen. Aber du stehst hier und lebst. Du bist an vielen kleinen Dingen, aber nicht am Leben gescheitert.
„Ja. Nein. Was ist Scheitern?“
„Gescheiter werden.“
„Jetzt beschönigen Sie aber.“
„Hast du als Kind laufen gelernt? Fahrradfahren?
„Sicher.“
„Und? Wie hast du das gemacht?“
„Ich bin hingefallen und wieder aufgestanden. Ich habe den Dreck abgeschüttelt und weitergemacht. Manchmal habe ich geweint. Weil es weh tat oder weil ich wütend war, dass es nicht klappte, wie ich wollte.“
„Und dann?“
„Dann hat mich jemand getröstet.“
„Weil du deine Wunde gezeigt hast. Ich zeige auch meine Wunde.“
„Damit dich jemand tröstet?“
„Damit mich jemand tröstet. Damit jemand Mut fasst. Damit er weiß, er ist nicht allein, er ist nicht der Einzige, der verletzt wurde, dem etwas nicht gelingt. Scheitern ist keine Schande.“
„Eine Wunde macht Angst.“
Der Mann wiegt den Kopf. „Sie zeigt, dass die Welt keine Helden braucht. Sie zeigt, dass man sich einsetzen kann für alles im Leben. Dass ein Versuch tausend Mal mehr Wert ist als Unversehrtheit. Jede Wunde zeigt, du hast mitgemacht. Jedes Scheitern heißt: Du hast es versucht.“
„Aber Scheitern, das kann doch auch schlicht auf Dummheit beruhen. Auf Ignoranz.“
„Dann lerne. Versuch es noch einmal. Solange du lebst, hast du täglich eine neue Chance. Hinter jedem Scheitern steht ein „Und“. Ein „Und weiter“. Die Geschichte ist nicht zu Ende. Sie kann eine unerwartete Wendung nehmen.“
Er hält einen Moment inne. „Deshalb bin ich hier.“
Liebe Gemeinde,
„Deshalb bin ich hier“.
Ein ermutigender und wahrer Satz. Ich stelle mir vor, dass dieser Satz auch ein Wort Jesu am Kreuz gewesen sein könnte.
„Deshalb bin ich hier!“ Damit es weiter geht.
Meinem Scheitern folgt ein „Und“.
Dieses „Und“ braucht seine Zeit.
Zwischen begraben „und“ auferstanden vergehen lange Tage.
In dieser Zeit wirkt Gott, verändert unsere Haltung gegenüber dem Scheitern. Gott richtet uns auf und schenkt uns die Erfahrung „und“.
Damit sind die Wunden nicht gleich verheilt. Schon gar nicht die Narben.
Doch Gott wirkt so, dass wir wieder mit offenen Armen und Herzen unser Leben empfangen und unsere Menschlichkeit bewahren.
Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen
