Predigten - 2026

Johannes 5,1-8



Ostersonntag - Frühgottesdienst


Johannes 5, 1-8


Einige Zeit später war ein Fest der Juden und Jesus ging hinauf nach Jerusalem. In Jerusalem gibt es beim Schaftor einen Teich, zu dem fünf Säulenhallen gehören; dieser Teich heißt auf Hebräisch Betesda. In diesen Hallen lagen viele Kranke, darunter Blinde, Lahme und Verkrüppelte. [] Dort lag auch ein Mann, der schon achtunddreißig Jahre krank war. Als Jesus ihn dort liegen sah und erkannte, dass er schon lange krank war, fragte er ihn: Willst du gesund werden?

Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich, sobald das Wasser sich bewegt, in den Teich trägt. Während ich mich hinschleppe, steigt schon ein anderer vor mir hinein. Da sagte Jesus zu ihm: Steh auf, nimm deine Bahre, nimm dein Bett und geh! Sofort wurde der Mann gesund, nahm seine Bahre, sein Bett und ging.


Liebe Gemeinde,

unter den vielen Ostergeschichten im Neuen Testament berührt mich eine in diesem Jahr besonders: es ist die Geschichte eines Mannes, der fast sein ganzes Leben – 38 Jahre lang – krank ist. Dieser Mann liegt am Teich von Bethesda. Es ist ein Ort, der für seine heilenden Kräfte bekannt ist. Manchmal bewegt sich das Wasser. Dann wird jemand geheilt. Wer zuerst im Wasser ist, der wird gesund. Dieser Mann wartet darauf, dass ein Wunder geschieht.
Bethesda bedeutet „Haus der Güte“ – ein passender Name für einen Ort, an dem Menschen heil werden wollen.

Am Anfang der Geschichte hören wir, wie Jesus diesen Mann anspricht: „Willst du gesund werden?“
Diese Frage mag auf den ersten Blick selbstverständlich oder sogar überflüssig erscheinen. Natürlich will jeder Kranke gesund werden, nehme ich und nehmen wir jedenfalls meistens an.
Doch je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir, dass die Frage berechtigt ist. Denn nicht nur bei diesem Kranken gibt es ein großes „Aber“.
So ein „Aber“ finden wir häufiger als wir denken. Manchmal wirkt es auch unbewusst und es hilft schon, wenn das „Aber“ ausgesprochen wird. Das „Aber“ erzählt von den Gedanken und Erfahrungen, von den Prägungen und Gewohnheiten, die Menschen hindern, heil zu werden.
Da heißt es dann:
„Ich will gesund werden, aber ich will nichts in meinem Leben verändern.“
„Ich will gesund werden, aber ich kann nicht, weil ich niemanden habe, der mir hilft.“
„Ich will gesund werden, aber ich bin schon oft enttäuscht worden.“

Jesu Frage ist keine Provokation, sondern trifft das Herz eines Menschen, der lange, sehr lange daran gewöhnt ist, krank zu sein.
Nach 38 Jahren muss der kranke Mann sich fragen: Will ich wirklich gesund werden?
Gesund werden – das bedeutet Veränderung. Heilen bedeutet, neu zu werden. Heilen heißt, dass ich den Blick auf mich und meine Krankheit oder Verletzung ändere. Will ich das?

Es ist eine Frage, die wir alle innerlich auf uns wirken lassen sollten: Wollen wir wirklich, dass sich Dinge um uns herum ändern?
Meinen wir es ernst, wenn wir den Klimawandel beklagen? Wollen wir etwas, genauer, wollen wir uns ändern?
Meinen wir es ernst, wenn wir die soziale Ungerechtigkeit weltweit und in unserem Land beklagen? Wollen wir da etwas ändern? Wollen wir unseren Blick ändern?
Meinen wir es ernst, wenn wir uns über Konflikte in Familien beklagen: Seit Jahren keinen Kontakt zum Bruder, seit Jahren trinkt ein Onkel, seit langem schon merken wir, dass eine Tante überfordert ist…
Soll sich da etwas ändern?

Die entscheidende Frage bleibt: Willst du, wollt ihr gesund werden? Die ehrliche Antwort ist oft: „Ja, aber...“

Auch der Kranke am Teich Bethesda hat ein großes „Aber“. Ja, ich will gesund werden, aber ich habe keinen Menschen, der mich bis dahin trägt.
Die erstaunliche Antwort, die Jesus gibt: „Steh auf, nimm deine Bahre, nimm dein Bett und geh!“
Man könnte einerseits sagen: Jesus wird so zu dem Menschen, der den Kranken auf den Weg bringt. Mit anderen Worten: Jesus räumt das „Aber“ aus dem Weg.
Jesus macht es auf eine Weise, sodass die eigenen Kräfte des Mannes mobilisiert werden. Das ist die zweite Lesart: Warte nicht auf jemand. Sondern nimm dein Bett und geh.
Also: Hör auf Dein „Aber“ so groß werden zu lassen, so übermächtig. Dein „Aber“ steht deiner Heilung im Weg.

Das eigentliche Wunder ist, dass aus einem „Ja, aber“ ein volles, ernst gemeintes „Ja“ wird.
Die Auferstehung Jesu erweckt diesen Mann zu neuem Leben – und sie ist auch eine Herausforderung an uns alle: Wollt ihr weiter so leben, als wärt ihr vom Tod bestimmt? Oder nehmt ihr all das ernst, was ihr Ostern hört und sagt: „Der Tod hat nicht das letzte Wort.“ „Gott besiegt den Tod!“ „Die Liebe ist stärker als der Tod!“

Nehmen wir das ernst? Vertrauen wir darauf, wenn es darum geht: Willst du gesund werden? Oder wollen wir im Grunde so weiter machen wie bisher?

Wenn wir uns fragen, wo wir eigentlich gesund werden möchten, sind wir dann bereit, das „Aber“ loszulassen?
Eine Heilung ohne Wenn und Aber.
Eine Heilung, weil wir im Haus der Güte willkommen sind, wie wir sind.

Hier ist für mich der Schlüssel: Das Haus der Güte. Die Begegnung mit dem gütigen Jesus. Wo Güte wirkt, schmelzen die „Abers“.
„Aber“ deutet auf eine Bedingung hin. „Aber“ glaubt, da fehlt noch was.
Wo Güte ist und Güte wirkt, da fehlt nichts. Das ist die Erfahrung: „Mir wird nichts mangeln!“

Ostern ist eine Begegnung mit der Kraft der Güte. Sie eröffnet die Möglichkeit, zu heilen. Sie ist die Erfahrung, dass trotz mancher Hindernisse einem heilen und versöhnten Leben nichts im Weg steht.
„Willst du gesund werden?“
Nehmt diese Frage mit aus diesem Gottesdienst in euer Leben. Frohe Auferstehung!
Lasst uns aufstehen, unsere Bahre nehmen und das Leben in seiner Fülle erleben!