Markus 16, 1-18
Ostersonntag
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.
Markus 16, 1-18 (Von der Bedeutung des „Nichts“ und der Leere für unseren Glauben
„Habt keine Angst! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist nicht mehr hier. Er ist auferstanden. Seht her, an dieser Stelle hat er gelegen.“
Der Anblick des leeren Grabes weckt große Angst. Was nun? Wenn jetzt „nichts“ von ihm, von ihrem Jesus übriggeblieben ist, dann ist „alles“ vorbei. Der Blick in das leere Grab konfrontiert die Frauen mit der großen Leere, einer schmerzhaften Lücke, die sie seit dem Tod ihres Weggefährten, ihres Lehrers Jesus spüren.
Sich so leer zu fühlen und wahrzunehmen, dass da „nichts“ übrigbleibt von dem, der gegangen ist, ist eine von vielen Todeserfahrungen. Etliche von uns kennen diese unterschiedlichen Gefühle, wenn wir an Gräbern stehen. Die Lücke ist groß. Dann kann uns auch eine große, gähnende und beängstigende Leere begegnen.
Ich möchte einen Moment bei dieser Erfahrung bleiben, weil ich vermute, dass diese Szene uns an Persönliches erinnert.
Woher kennt ihr das: „da ist nichts mehr geblieben, außer Leere?“
„Mit mir ist nichts mehr los“, beklagt sich mancher ältere Mensch.
Oder abgewandelt sagt jemand: „Mit mir kann man nichts mehr anfangen.“
Dies sind Ausdrucksformen eines Lebens, in dem man sich überflüssig fühlt. Man hat nichts mehr zu tun. Man kann nichts mehr geben, so jedenfalls fühlt es sich an.
Solche traurigen Erfahrungen sind nicht erst am Ende des Lebens präsent, sondern sie begleiten uns oft schon von Anfang an. Kein oder ein viel zu geringes Selbstwertgefühl.
„Ich bin nichts“.
„Ich kann nichts“.
„Ich habe nichts“. Ähnliches höre ich nicht nur bei älteren und alten Menschen, sondern auch bei Jugendlichen in der Schule. Das ist bitter und kein Wunder, dass darum in unserer westlichen Gesellschaft Leistung und Selbstoptimierung ganz oben stehen: „Mach was aus dir!“, hören Menschen. „Du hast es selbst in der Hand!“.
Das schlechte Selbstwertgefühl, die Angst vor dem „Nichts“, die Furcht vor der großen Leere führt dazu, dass von außen betrachtet manches Leben unglaublich voll aussieht. Alles soll hineinpassen und alles zur gleichen Zeit. Wir klagen dann über einen viel zu vollen Terminkalender, über zu viel Arbeit und zu große Verpflichtungen.
„Nichts“ vorhaben – unvorstellbar. „Nichts“ planen – kaum auszuhalten. Das geheime Wechselspiel zwischen „allem“ und „nichts“.
Das Grab ist leer. Das letzte, was den Trauernden geblieben ist, ist nicht mehr da. Was soll aus den Jüngern nun werden? Was soll aus uns werden, wenn der Tod unser Leben so leer gemacht hat?
Was bleibt noch, nachdem mein Kind gestorben ist?
Wie soll ich ohne meine Frau zurechtkommen?
Was bin ich ohne meine Arbeit?
Wie macht mein Leben noch Sinn, wo ich nicht einmal mehr ein Haus oder eine eigene Wohnung habe?
Doch heute feiern wir feiern Ostern, nicht Karfreitag. Ostern: das ist eine neue Lebendigkeit trotz und nach Begegnungen mit dem Tod. Die Frauen hören etwas Neues in und an diesem leeren Grab – sie begegnen Jesus auf neue Weise, sodass mitten in der Erfahrung von „Nichts“ – „alles“ anders wird.
Ich will versuchen, diesen Gedanken anschaulicher zu machen, sodass wir nicht ihn nur hören, sondern neue Bilder entstehen ? Hört euch mal an, was ein alter weiser Mensch eines Tages erkannte:
Der Mann heißt Lao-tse. Er beschreibt die Bedeutung des „Nichts“. Er sagt sogar, die Erfahrung von „Nichts“ ist für manches notwendig. Das „Nichts“ hat einen Nutzen:
Dreißig Speichen umringen die Nabe – wo nichts ist, liegt der Nutzen des Rads.
Aus Ton formt der Töpfer den Topf, wo er hohl ist, liegt der Nutzen des Topfs.
Tür und Fenster höhlen die Wände, wo es leer bleibt, liegt der Nutzen des Hauses.
So bringt Seiendes Gewinn, doch nicht-Seiendes Nutzen.
Wunderbare und anschauliche Beispiele, die uns aufmerksam darauf machen, dass das „Nichts“ eine prägende und bestimmende Form hat. Wir brauchen die Erfahrung von „Nichts!“
Für mich sind das schöne Bilder und Metaphern für unseren Glauben: Wir glauben an einen Gott, der aus dem „Nichts“ etwas entstehen lässt.
Gott hauchte dem „Nichts“ Leben ein. So erzählt es die Schöpfungsgeschichte im Buch Genesis.
Ostern ist eine Geschichte von der Neuschöpfung der Welt. Gott haucht Jesus neues Leben ein. Und dann, konsequent, begabt er uns mit Jesu Geist. Der Heilige Geist lässt uns teilhaben an der Auferstehung.
Jesus ist eben nicht einfach weg. Das leere Grab hat einen Sinn: es ist das Fenster, durch das wir Jesus neu sehen. Es ist unser Leben in einem irdischen Gefäß. Jesus ist nicht weg, er ist auferstanden. Das leere Grab bleibt nicht ein Sinnbild des Todes, sondern des neuen Lebens. Uns allen wird neues Leben eingehaucht, neuer Lebensraum eröffnet. Ein Freiraum.
Das ist die Architektur unseres Glaubens. Der Leerraum ist gefüllt mit Gottes Geist. Da wo wir meinen, „nichts“ wert zu sein oder zu „nichts“ nütze oder zu „nichts“ zu gebrauchen, da begegnet uns Gott und lässt uns erkennen: Wir sind wunderbar gemacht, durch Gott und seinen Geist, der in uns lebt.
Wer Ostern in seiner ganzen Tiefe erleben möchte – wer mitgenommen werden will in die Erfahrung der Auferstehung, der braucht Mut zur Lücke.
Ich erzähle eine kleine Zen-Geschichte:
„Einmal wurde ein Meister nach dem Weg der Weisheit gefragt. Doch statt auf den Rat des Meisters zu hören, war der Besucher die ganze Zeit damit beschäftigt, von seinem Leben, von seinen Sorgen, seinen Schwierigkeiten, zu erzählen. Schließlich kam die Teestunde, und der Meister begann einzuschenken. Er goss die Schale des Besuchers bis zum Rande voll und hätte nicht mit Einschenken aufgehört, wenn ihm sein Besucher nicht in den Arm gefallen wäre.
„Was tut Ihr da, Meister“, rief er, „seht Ihr denn nicht, dass die Schale voll ist?“
„Ja, sie ist voll“, sagte der Meister, „und auch du bist bis zum Rand angefüllt mit Sorgen und Schwierigkeiten. Wie soll ich dir Weisheit einschenken, wenn du mir keine leere Schale reichst?“
Wenn ihr manchmal Angst spürt vor dem Tod und vor der Leere und vor dem „Nichts“, dann seid ihr Menschen, die auf eine Auferstehungserfahrung warten. Manche Menschen versuchen, je größer die Angst vor dem „Nichts“ ist, „alles“ aus dem Leben rauszuholen und „alles“ in es hineinzupacken.
Doch leider werden sie erfahren, dass dabei die Lebendigkeit auf der Strecke bleiben könnte: Burnout, Überforderung, Krankheit, Tod – schneller kommen, als erwartet, weil da kein Freiraum ist – kein „Nichts“, in dem Gott wirken kann.
Ich ermutige euch zum „Nichts-Tun“ an diesem Osterfest – und hoffe, dass ihr dann eine Gotteserfahrung macht, eine Ostererfahrung. Ihr merkt plötzlich wieder, wer da am Werk ist, wenn ihr „Nichts“ tut.
Das ist die Idee des Sabbatgebots. Das Ruhen und Nichtstun und erfahren, dass Gott die Leere füllt.
Unser Schöpfer wirkt dann mit seiner ganzen Liebe und Kraft, beseelt von dem Geist, der Leben schafft. Im „Nichts“ entsteht neues Leben.
Geheimnis des Glaubens – Zuversicht im Tod – Erfüllung in der Leere.
Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen
