Predigten - 2026

Jesaja 40,26–31



Quasimodogeniti


Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

Jesaja 40, 26-31


26 Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.

27 Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber«? 

28 Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. 

29 Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. 

30 Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen; 

31 aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.


Liebe Gemeinde,

kennen Sie das: Es ist abends, der Tag war lang – und man lässt sich einfach nur noch auf den Stuhl fallen. Nichts geht mehr. Man ist müde.

Müde – das ist zunächst etwas Gutes. Am Ende eines Tages, nach getaner Arbeit. Da weiß ich, was ich getan habe. Die Müdigkeit passt zum Leben.

Es gibt auch die liebevolle Müdigkeit. Eltern kennen sie: wenn ein Kind nachts wieder wach wird. Das kostet Kraft. Und doch gehört es dazu. Diese Müdigkeit nehmen wir gern in Kauf.  Auch die Müdigkeit nach einem wunderbaren Abend mit Freunden. 

Und dann gibt es noch eine andere Müdigkeit. Eine, die nicht vom Tag kommt. Eine, die bleibt.

Diese Müdigkeit nimmt die Freude. Sie nimmt die Kraft. Man hat keine Lust mehr. Nicht auf Gespräche, nicht auf Begegnungen, manchmal nicht einmal auf das Leben selbst.

Der Blick in die Nachrichten kann müde machen. Das, was im eigenen Leben nicht gelingt, kann müde machen. Und irgendwann denkt man vielleicht: Es ist alles zu viel.

Von solcher „Müdigkeit“ war Israel geplagt.

Und genau hier setzt der Prophet an:

„Hebt eure Augen auf und seht!“

Nicht: Bleibt, wo ihr seid. Nicht: Schaut noch tiefer in das, was euch belastet.

Sondern: Hebt euren Blick. Verändert die Blickrichtung. Schaut nicht nur auf euch. Schaut auf euren Schöpfer. Ihr seid nicht auf euch selbst geworfen. Sondern Gott wirkt in eurem Leben. Nicht: optimiert euch und powert euch noch mehr aus, sondern atmet auf in der Gegenwart Gottes. 

Denn es macht einen Unterschied, wohin ich schaue. Wer nur auf den Boden sieht, sieht Staub und Risse. Wer den Blick hebt, sieht den Himmel. Wer nur auf sich schaut, ist oft am Ende mit seiner Weisheit. Doch Gottes Weisheit ist unergründlich. 

Jesaja spricht zu Menschen, die allen Grund hatten, müde zu sein. Sie hatten ihre Heimat verloren. Ihren Tempel. Ihre Sicherheit.

Und sie sagen: „Mein Weg ist unserm Gott verborgen.“ Das ist die wahre Krise. Dem Volk geht ihr Ursprung und ihr Sinn verloren. Hier geht es um eine theologische Krise. Eine Krise, die die wenigsten Menschen wahrnehmen. Die Müdigkeit in der Welt, das Gefühl von einer tiefen Ohnmacht und die Analyse: „Es wird immer schlimmer!“ haben auch damit zu tun, dass Menschen sich unbegrenzt verantwortlich fühlen und Gott keinen Platz mehr hat. In einer Welt, in der Gott kein zu Hause hat, ist die Lebenskraft abhandengekommen. 

Hier bei Jesaja merken es die Menschen noch. Sie beschreiben ihre Glaubensnot.

Gott sieht mich nicht. Gott kümmert sich nicht um sein Volk.

Heutzutage wird das oft gar nicht mehr als Not wahrgenommen. Wir reden dann von Klimakrise und Wirtschaftskrise und Wachstumskrise und und und – doch wer nimmt das als Glaubenskrise wahr. 

Jesaja antwortet auf die Krise seines Volkes mit einer Erinnerung an den Ursprung, an den Sinn des Leben, an Gott. 

Jesaja sagt: Schaut hin.

„Wer hat all dies geschaffen?“

Er lenkt den Blick auf die Schöpfung. Auf das Staunen. Das Staunen über Gott.

Heute, in einem Taufgottesdienst, genügt dafür vielleicht ein anderer Blick: auf ein Kind.

Wer einmal ein Kind im Arm gehalten hat, weiß: Da ist mehr als Biologie. Da ist Staunen. Da ist Leben. Da ist ein Geheimnis. 

Und in diesem Staunen liegt eine Ahnung von Gott, von einem Schöpfer, einem Ursprung, der mehr ist als die biologische DNA.

Jesaja erinnert daran: Dieser Gott wird nicht müde. Er wird nicht matt.

Wir Menschen werden müde. Gott nicht.

Wir Menschen kommen an unsere Grenzen. Gott nicht.

„Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden.“

Das ist keine magische Kraft, die uns übermenschlich macht, sondern dass ist die göttliche Geistesgegenwart, die uns Atem schenkt. Ausreichend Atem. Einen langen Atem.

Es ist eine leise, aber tragende Kraft: die Kraft, weiterzugehen. Die Kraft, neu zu sehen. die Kraft, nicht stehen zu bleiben im Dunkel.

Wir hören diese Worte in der Zeit nach Ostern. Und auch dort sehen wir: Gott wird nicht müde.

Der erschöpfte, gekreuzigte Jesus bleibt nicht im Tod. Gott schenkt neues Leben.

Das ist die große Hoffnung unseres Glaubens: Dass Gottes Kraft größer ist als unsere Erschöpfung.

Das ist auch eine erleichternde, entlastende und befreiende Einsicht. Wir Menschen dürfen Menschen bleiben. Wir müssen nicht alles schaffen. Wir müssen nicht alles in der Hand haben.

Schöpfung ist mehr als das, was wir sehen. Sie ist die Wirklichkeit, in der wir leben – mit einem Platz für uns und einem Platz für Gott.

Das kann man vielleicht am besten an der Beziehung zu unseren Kindern verstehen.

Wir tragen Verantwortung. Große Verantwortung. Wir kümmern uns, wir sorgen, wir wachen auch in der Nacht.

Aber wir sind nicht ihre Schöpfer.

Wir vertrauen darauf, dass da einer ist, der unsere Kinder begleitet. Dass ihr Leben in größeren Händen liegt.

Und vielleicht gilt das auch für unser eigenes Leben.

Dass wir nicht alles tragen müssen. Dass wir müde sein dürfen, vor allem am Ende jedes Tages, wo wir getan haben, was wir können und dann in Frieden abgeben, was nicht in unserer Kraft steht.

Wir dürfen müde sein, nach liebevoller Fürsorge und Nächstenliebe. Wir werden müde, aber nicht hoffnungslos. 

„Die auf Gott harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler…“

Das ist ein starkes Bild.

„…dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“

Vielleicht heißt das für uns heute:

Nicht nur nach unten schauen. Nicht nur auf das, was schwer ist.

Sondern – immer wieder – den Blick heben.

„Hebt eure Augen auf und seht!“ Da ist unser Schöpfer und wirkt! Es ist eine Einladung Gott Platz zu geben in unserem Leben.

Amen