Predigten - 2026

1.Petrus 2,21-25



Misericordias Domini


1.Petrus 2,21-25


21„Denn dazu seid ihr berufen, da auch Christus gelitten hat für euch und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr soll nachfolgen seinen Fußstapfen;

22 er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand;

23 der nicht widerschmähte, als er geschmäht wurde, nicht drohte, als er litt, er stellte es aber dem anheim, der gerecht richtet;

24 der unsre Sünde selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben.

25 Durch seine Wunden seid ihr heil geworden. Denn ihr wart wie die irrenden Schafe; aber seid nun bekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen. 


Liebe Gemeinde, 

unser Leben gibt uns schwere Aufgaben auf. 

Wir Menschen machen leidvolle Erfahrungen. Besonders schwer sind die schmerzhaften Erfahrungen, die wir nicht verstehen und als Unrecht oder ungerecht erleben.

„Das verstehen wir nicht“, sagen wir dann kopfschüttelnd und empört.

Wie kann das sein, dass jemand, der sowieso schon nicht viel besitzt auch noch überfallen wird und ihm alles genommen wird?
Wie kann das sein, dass in einer Familie, wo schon genug Leid ist, auch noch jemand unerwartet stirbt?

Wie kann das sein, dass jemand, der seine Heimat verlassen musste, dann auch noch seine Frau verliert?

Wie kann das sein…?

Wir alle haben ausreichend Erfahrungen mit großem Leid, das wir nicht verstehen. 

Und im Grunde sind wir da am Anfang unseres Glaubens: Wie kann das sein, dass Jesus Christus, der nichts anderes im Sinn hatte, als Menschen zu helfen und Frieden zu stiften, gekreuzigt wird? „Wenn wir schon unser eigenes Leid nicht verstehen – wie sollen wir dann das Leiden des Gerechten verstehen?“

Fragen über Fragen?

Der Schreiber des Petrusbriefes schreibt an anspruchsvolle Menschen. Er schreibt in einem gehobenen Griechisch, in anspruchsvoller Sprache.

Er schreibt an Menschen, die verstehen wollen: Menschen, die einen Weg mit ihren leidvollen Erfahrungen suchen.

Diesen Menschen empfiehlt er: Nehmt Jesus Christus als Vorbild.

Wir sollen in seinen Fußstapfen gehen.

Jesus geht voran – wir folgen. Jesus bahnt den Weg durch das Leid und wir folgen und finden auf diese Weise unseren Weg.

Davon ist der Schreiber des Briefes überzeugt.


Welch ein Vorbild sieht der Verfasser in Jesus. Er sieht einen unschuldigen Mann in Jesus. Er sieht in ihm einen ehrlichen und glaubwürdigen Menschen. Ein sündloser Mensch, der manche gemeine Demütigung und Erniedrigung aushielt, ohne sich zu verteidigen. 

Er sieht in Jesus einen Mann, der seine Wut nicht in Gewalt auslebte. Er sieht in Jesus einen Menschen, den seine Hilflosigkeit nicht aggressiv und ohnmächtig machte.

Ja, der Briefschreiber zeichnet ein klares Bild, das Vorbild eines unschuldigen Mannes, der doch leidet. Er ist nicht selbst schuld an dem, was ihm widerfährt. Es ist zu unrecht verurteilt. 

Er sieht in Jesus einen Menschen, der noch im Leid vertraut. Jesus vertraut Gott weiter. „Er stellt es dem anheim, der gerecht richtet!“ (Verrs 23)

Jesus übernimmt nicht Gottes Rolle – sondern weil Jesus weiter an den gerechten Gott glaubt, bleibt sein Vertrauen bewahrt.

Der Briefeschreiber gibt dem unrechten Leid einen Sinn. Er entdeckt eine Bedeutung für sein eigenes Leben und für das Leben seiner Zeitgenossen, seiner Glaubensgeschwister.

Nicht das Leid an sich ist sinnvoll – sondern Gottes Handeln inmitten des Leids eröffnet Heil.

Und das gipfelt dann in dem Satz, der auch missverstanden werden kann: „Durch seine Wunden seid ihr heil geworden!“

Es erfordert sehr viel Gebet und Glauben, es erfordert sehr viel Vertrauen in Gott, um die Wahrheit in diesem Satz zu finden.

Dieser Satz unterscheidet sich sehr von einem Lehrsatz, einem Dogma: Hier steht nicht: Jesus musste sterben, damit ihr gesund werdet.
Da ist also keine Notwendigkeit. Doch da ist in dem Geschehen eine Lebendigkeit und eine Möglichkeit.
Für mich ist dieser Unterschied sehr wichtig.
Es ist kein lang und heimlich ausgeheckter Plan Gottes, dass Jesus so viel Leid zugefügt wurde, um den zornigen Vater im Himmel zu besänftigen. 

Nein, das macht keinen Sinn.


Anders ist die geistige und geistliche Leistung und das tiefe Vertrauen im Leid etwas zu entdecken, was eine neue Möglichkeit für Heilung eröffnet.
Da hört Auge um Auge, Zahn um Zahn auf – da wird nicht Gewalt mit Gewalt vergolten, sondern da bekommt jemand eine tiefe Einsicht. Da wird jemandem eine neue Erkenntnis geschenkt, die sein bisheriges Weltbild infrage stellt.
„Durch seine Wunden seid ihr heil geworden!“

Und dann fügt er hinzu: „Ihr wart wie irrende Schafe; aber nun seid ihr bekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen!“

Ich beziehe das auf die Jünger, die Jesus nachfolgten und alle möglichen Ideen hatten, was aus ihrem Jesus wird. Sie wollten ihn zum neuen König machen. Sie sahen in ihm einen Anführer einer Widerstandsbewegung. Sie wollten mit Jesus gegen die strengen Regeln ihrer Religion und der Autorität der Priester angehen.

Ja, und die Jünger waren sich nicht einig. 
Ich wehre mich zwar einerseits sehr dagegen, mit einem Schaf verglichen zu werden. Aber im Grunde, wenn ich ehrlich bin – wir Menschen verhalten uns wirklich manchmal so: als wüssten wir nicht, wohin wir gehören, als könnten wir nicht für uns selbst sorgen, als würden wir einfach mitlaufen in einer Herde, als hätten wir keinen Plan.

Wiele Menschen haben den Eindruck, ihnen fehlt sehr viel und es mangelt an allem Möglichen. Wir Menschen zerstören die grünen Auen und vergiften die frischen Wasser. Wir tun Vieles, was unserer Seele gar nicht gut tut und fürchten uns sehr vor Unglück und Tod. Wir setzen uns nicht mit Feinden an einen Tisch und sind fokussiert auf Negatives und sind oft unbarmherzig in unseren Urteilen.

Das Bild vom guten Hirten, vom Bischof unserer Seelen ist ein Bild, das Vertrauen stiftet. Damit gibt es eine Alternative für Planlosigkeit und menschliche Zerstörungskraft.

Das feiern wir Ostern – die Überwindung menschlicher Zerstörung, die auch vor dem Töten nicht zurückschreckt. Das feiern wir Ostern, dass es eine Alternative gibt – mit leidvollen Erfahrungen kann anders umgegangen werden als Auge um Auge. Wir Menschen, wenn wir uns von Gott leiten lassen und Jesus Christus folgen, dann werden unsere schöpferischen Kräfte aktiviert. Wenn wir Gott vertrauen, entdecken wir, dass wir mehr haben als wir in der Regel brauchen.

Wenn wir Jesus folgen, dann erquickt das unsere Seele und wir schaffen Lebensraum, grüne Auen.

Es geht nicht nur um eine andere Haltung, sondern vor allem um eine neue Wirklichkeit – ein neues Leben. Eine Wirklichkeit, die Gott schafft. Ein Leben, das Gott ermöglicht

Von dieser Erfahrung ist der Petrusbrief beseelt. Diese Erfahrung drückt er mit den Worten aus: „Durch seine Wunden seid ihr heil geworden!“

Vielleicht verstehen wir das Leid nicht. Vielleicht werden wir auch morgen wieder fragen: „Wie kann das sein?“ Aber wir sind nicht allein mit diesen Fragen.

Jesus ist diesen Weg schon gegangen. Jesus ist durch das Leid hindurchgegangen, ohne Hass, ohne Vergeltung – und hat daran festgehalten, dass Gott gerecht ist.

Und genau darin liegt unsere Hoffnung:
Nicht, dass unser Leid verschwindet –
sondern dass es uns nicht zerstören muss.

„Durch seine Wunden seid ihr heil geworden.“

Das heißt: Es gibt diesen jesuanischen Weg, der nicht tiefer ins Dunkel führt, sondern ins Leben.

Wir sind nicht mehr irrende Schafe.
Wir haben einen Hirten. Jesus Christus
Einen Christus, dessen Geist uns geschenkt ist.

So gehen wir –  wir folgen Schritt für Schritt, manchmal tastend, manchmal zweifelnd –
und doch mit einer Richtung.

Denn Christus ist vor uns hergegangen - und seine Spur führt ins Leben.

Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen