2.Korinther 4,16-18
Jubilate
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen
2.Korinther 4,16-18
16 darum werden wir nicht müde; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert.
17 Denn unsre Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit,
18 uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, da ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig.
Liebe Gemeinde,
„Dieser Sonntag heißt Jubilate – jubelt!
Aber manchmal passt dieses Wort überhaupt nicht zu unserem Leben. Paulus kennt das. Er schreibt diese Zeilen nicht aus einer glücklichen Phase heraus. Sondern mitten in Erschöpfung, Streit und Enttäuschung.“
Paulus hatte allen Grund sich trübe zu fühlen. Er war niedergeschlagen und traurig. Er war enttäuscht und erschöpft. Der Abschnitt, den wir heute bedenken, sind wenige Sätze aus seinem sogenannten „Tränenbrief“. Auf diese Weise sucht Paulus das Gespräch mit seinen Glaubensgeschwistern, die ihn so traurig gemacht haben. Sie haben ihn verletzt und gekränkt. Sie stellen seine Glaubwürdigkeit in Frage und konfrontieren ihn schmerzhaft mit seinen Schwächen. Paulus zieht sich nicht beleidigt und verletzt zurück, sondern er sucht den Kontakt und die Klärung.
Alles hatte so wunderbar angefangen. Auf seiner zweiten Missionsreise wurde die Gemeinde in Korinth gegründet. Das war so etwa im Jahr 50 n. Chr.
Korinth war eine reiche Stadt. Das Handwerk blühte. Der Handel wuchs. Die bunte Hafenstadt hatte sich schnell entwickelt. Sie war ein Zentrum für Politik und Wirtschaft geworden. Paulus bedauerte, wie sehr manche Korinther ihren Reichtum zur Schau stellten und ihre Moral verloren. Wer konnte, lebte nach dem Motto: „Alles, was ich möchte, kaufe ich mir!“
Macht und Konsum – uups, denke ich: auch das gab es schon damals?
Man nimmt an, dass zu Beginn der Gemeinde in Korinth etwa 50 Menschen dazu gehörten. Also eine vergleichsweise kleine Gruppe.
Die Gemeinde in Korinth war klein, aber voller Spannungen: reich und arm, frei und versklavt, Frauen und Männer.
Selbst beim Abendmahl zeigten sich die Unterschiede.
Paulus mahnt zur Einheit – doch seine Kritik löst Gegenangriffe aus.“
Etwa vier Jahre nach der Gründung beklagte Paulus die Abendmahlspraxis, in der die sozialen Unterschiede plötzlich eine große Rolle spielten. Die wohlhabenden Gemeindeglieder lassen es sich gut gehen beim Abendmahl, das damals mit einem richtigen Essen verbunden war. Denn aufgrund ihrer finanziellen Situation sind sie frei. Sie sind die ersten, die am Abend zur Gemeinde kommen. Sie warten nicht auf die Arbeiter, Frauen und Sklaven. Sie haben Hunger und essen alles auf. Sie nehmen keine Rücksicht.
Paulus schrieb darüber und ermahnte die Gemeinde zur Einheit. Ihr kennt die Passagen aus dem 1. Korintherbrief gut. Sein Bild von dem einen Leib, an dem alle Glieder gleichermaßen wichtig sind entsteht in diesem Zusammenhang.
Der zweite Korintherbrief entstand etwa ein Jahr später. Paulus war unterwegs auf seiner dritten Missionsreise.
Denn sein Brief war nicht unbeantwortet geblieben.
So ist das häufig: wohlgemeinte Kritik wird nicht wohl aufgenommen. Sondern Paulus wird schwer angegriffen: „Wer bist du, dass du meinst, uns etwas sagen zu können?“ Es bleibt nicht bei dieser Frage, sondern bei persönlichen Beleidigungen: Paulus stottert zuviel und ist kein guter Redner. Und wer so stottert, der hat bestimmt nicht den Heiligen Geist.
Inzwischen waren auch andere Propheten und Apostel in der Stadt aufgetaucht. Sie predigen in der jungen Gemeinde und hoppla: sie lassen kein Gutes an Paulus.
Alle Probleme, die die Korinther haben: Paulus ist schuld. Wenn Paulus ein besserer Prediger wäre, wenn Paulus besseren Kontakt zur Jugend hätte, wenn Paulus … - dann: dann wäre alles in Ordnung in Korinth.
Da haben wir´s: Paulus ist schuld – er wird beschimpft und erniedrigt.
Wir, die wichtigen Männer in Korinth sind stark und du, Paulus bist ein Schwächling.
Das ist eine einfache Lösung. Angriff auf ganzer Linie: einer ist schuld, wenn es nicht gut geht in einer Gemeinde. Einer ist zu schwach. Er müsste nur stärker und besser sein.
Da ist das Thema „Abendmahl“ vom Tisch. Die Korinther brauchen sich nicht mit sich selbst, ihrem Lebensstil, ihrem Glauben und ihrer Theologie befassen. Das alles erübrigt sich ja, weil Paulus einfach nicht mehr der richtige Apostel ist.
Das ist der Zusammenhang, in dem Paulus diese Zeilen schreibt.
Paulus verteidigt sich zunächst und betont, dass seine Berufung eine göttliche Berufung ist. Es ist deutlich, wie sehr ihm die Vorwürfe gegen ihn zusetzen – doch er gibt nicht auf und lässt sich nicht unterkriegen. Paulus ist mit sich und seinem Gott im Reinen. Das hilft ihm.
Er versucht noch einmal, zu den Korinthern durchzudringen. Und dabei beschreibt Paulus drei Dinge, die ihn tragen.
Erstens: Paulus spricht von einem äußeren und einem inneren Menschen.
Äußerlich ist er müde geworden. Die Konflikte kosten ihn Kraft. Die Angriffe verletzen ihn. Paulus spürt seine Grenzen sehr deutlich.
Und doch erlebt er zugleich etwas anderes: eine innere Erneuerung.
Gott lässt ihn nicht leer zurück.
Der innere Mensch, seine Seele, wird Tag für Tag erneuert.
Das bedeutet nicht, dass ihm alles gleichgültig wird. Aber die Enttäuschungen bestimmen ihn nicht mehr vollständig. Da summieren sich die Enttäuschungen nicht, sondern da findet er Kraft für Vergebung und Versöhnung. Die Verletzungen verhärten ihn nicht. Stattdessen findet Paulus Kraft auf die Korinther neu zuzugehen. Gott schenkt ihm die Möglichkeit, mit Verletzungen und Kränkungen anders umzugehen.
Zweitens: Paulus stellt das gegenwärtige Leiden in einen größeren Zusammenhang.
Er schaut nicht nur auf das, was ihn im Augenblick belastet. Er schaut darüber hinaus.
„Was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig.“
Paulus weiß: Konflikte haben Macht. Worte können verletzen. Menschen können einander das Leben schwer machen. Aber all das ist nicht das Letzte. In Paulus wirkt der Prediger aus dem Alten Testament: Alles hat seine Zeit.
Darum greift Paulus auch nicht zu den Mitteln äußerer Stärke. Er versucht nicht, die anderen niederzumachen oder sich selbst groß herauszustellen. Stattdessen vertraut er auf eine andere Kraft: auf Gottes Kraft.
Und die zeigt sich gerade nicht in menschlicher Überlegenheit.
Der starke Gott wird sichtbar in dem schwachen Jesus.
Drittens erinnert Paulus die Gemeinde daran: Das Entscheidende ist nicht immer sichtbar.
Gottes Geist lässt sich nicht messen — nicht an Erfolg, Einfluss oder äußerer Stärke.
Gott wirkt oft verborgen und doch wirklich.
Wo Gottes Geist gegenwärtig ist, verändert sich der Blick aufeinander. Da braucht es keine Sündenböcke mehr. Da muss nicht einer schuld sein. Da kann Versöhnung wachsen.
Und manchmal erkennen Menschen plötzlich etwas, das sie vorher nicht sehen konnten:
dass Gott längst mitten unter ihnen wirkt.
„18uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, da ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig.“
Was mir an der Antwort von Paulus ausgesprochen gut gefällt ist: Paulus vertraut, dass Gott wirkt, selbst da, wo er es nicht sofort sieht und versteht.
Paulus ist gewiss, dass kein Mensch, so reich und wohlhabend, so wichtig und stark er äußerlich auch ist, Gottes Gegenwart – das Wirken des Heiligen Geistes messen kann.
Paulus vertraut diesem unsichtbaren und doch wirkungsvollen Geist – Paulus verwechselt den unsichtbaren Geist Gottes nicht mit dem, was die Welt gerade für stark und richtig hält. Das alles vergeht. Was unsichtbar ist, das ist ewig.
In seinem ersten Korintherbrief drückt er das etwas anders aus: Die Liebe bleibt! Die größte unsichtbare Gabe – ist ein Schimmer der Ewigkeit, die Gott in unser Herz gelegt hat.
So können noch so mächtige, einflussreiche, starke, wohlhabende Menschen meinen, dass sie die Welt kontrollieren und im Griff haben – Paulus würde sagen: alles hat seine Zeit – lasst uns weiter vertrauen auf die unsichtbare Liebe und erleben: Sie bleibt.
Ein letzter Gedanke: was heißt das für unsere Gemeinde, für unser Leben: unsere Gemeinde wird weiter blühen und wachsen, wo wir zusammen halten in der Liebe Gottes und uns Versöhnung und Gemeinschaft von Gott schenken lassen.
Gemeinde erneuert sich nicht zuerst durch bessere Konzepte oder stärkere Persönlichkeiten. Gemeinde lebt dort, wo Menschen sich von Gottes Geist erneuern lassen.
Unsere Gemeinde wird von Gott erneuert: in jedem Abendmahl, wo wir gemeinsam vor Gott treten und beten.
Und vielleicht verstehen wir dann auch besser, warum dieser Sonntag „Jubilate“ heißt.
Jubilate — jubelt!
Nicht weil unser Leben immer leicht wäre, sondern weil Christus mitten unter uns ist.
Im Abendmahl wird das sichtbar: Brot und Wein nehmen wir zu uns. Das ist sichtbar. Doch sichtbar ist nur wenig. Gott wirkt auch während des Abendmahls unsichtbar. Gott verbindet, was zerbrochen ist. Gott baut eine Brücke zwischen Verletzten und ihren Verletzern.
Gott stärkt, was müde geworden ist.
Gott erneuert den inneren Menschen.
Darum feiern wir nicht unsere Stärke.
Wir feiern die unsichtbare Gegenwart Gottes —
und seine Liebe, die bleibt.
Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen
