Predigten - 2026

2. Chronik 5, 1-5.12-14



Kantate


Die Gnade unseres Herrn Jesu Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

2. Chronik 5, 1-5.12-14


1 also wurde alle Arbeit vollbracht, die Salomo am Hause des Herrn tat. Und Salomo brachte hinein alles, was sein Vater David geheiligt hatte, und legte das Silber und Gold und alle Geräte in den Schatz im Hause Gottes. 

2 Da versammelte Salomo alle Ältesten Israels, alle Häupter der Stämme und die Fürsten der Sippen Israels in Jerusalem, damit sie die Lade des Bundes des Herrn hinaufbrächten aus der Stadt Davids, das ist Zion.

3 Und es versammelten sich beim König alle Männer Israels zum Fest, das im siebenten Monat gefeiert wird.

4 Und es kamen alle Ältesten Israels, und die Leviten hoben die Lade auf

5 und brachten sie hinauf samt der Stiftshütte und allem heiligen Gerät, das in der Stiftshütte war; es brachten sie hinauf die Priester und Leviten.

12 und alle Leviten, die Sänger waren, nämlich Asaf, Heman, und Jedutun und ihre Söhne und Brüder, angetan mit feiner Leinwand, standen östlich vom Altar mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und bei ihnen hundertundzwanzig Priester, die mit Trompeten bliesen.

13 Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem Herrn.

Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den Herrn lobte: „Er ist gütig, und eine Barmherzigkeit währet ewig“, da wurde das Haus des Herrn erfüllt mit einer Wolke,

14 sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des Herrn erfüllte das Haus Gottes.


Liebe Gemeinde,

der neue Tempel ist fertig. Sieben Jahre hatte es gedauert von der Grundsteinlegung bis zur Einweihung. Es gibt dazu einen ausführlichen Bericht im 1. Königsbuch. Nun wird die Geschichte vom Chronisten noch einmal erzählt.

Das kennen wir: Eine Geschichte ist schon erzählt – und doch erzählt jemand sie noch einmal neu. Nicht unbedingt, weil die erste Version falsch war. Sondern weil plötzlich etwas anderes wichtig wird.

So ist es auch hier: Den Chronisten interessiert nicht nur, dass der Tempel gebaut wurde. Ihn interessiert vor allem, was ein Gebäude eigentlich zu einem Haus Gottes macht.

Was erfüllt einen Tempel mit Leben? Wie wird Gottes Gegenwart spürbar?
Was macht aus Steinen einen Ort der Gottesbegegnung?

Eine Woche nach unserer Gemeindeversammlung habe ich mich sehr über diesen Predigttext gefreut. Wir haben zwar nicht beschlossen, einen Tempel zu bauen oder die Kirche zu renovieren. Doch unsere Gemeinderäume gehören auch zu unserer „Tempelanlage“.

Und dieser Predigttext kommentiert in mancher Hinsicht, was wir in der vergangenen Woche bedacht haben.

König Salomo hatte ein Ziel: Ein großes, ansehnliches Gebäude, das die Bedeutung Israels sichtbar macht. Ein Gebäude, das Gott gewidmet ist.
Ein Ort, wo Menschen Gott begegnen. Ein Ort, wo Menschen ihren Glauben leben und für ihr Leben gestärkt werden.

Ja, dieses Ziel teilen wir. Das ist der Zweck unseres Geländes und unserer Gebäude. Zwar sind unsere Bauten keineswegs vergleichbar mit der historischen Bedeutung des Tempels. Darum geht es nicht.

Doch der Chronist macht deutlich: Nicht das fertige Gebäude ist der Höhepunkt.
Entscheidend ist, dass dieses Haus nun seiner Bestimmung übergeben wird:
Und dabei erzählt der Chronist von vier Dingen, die auch uns als Gemeinde Orientierung geben können.

  1. Salomo brachte hinein alles, was sein Vater David geheiligt hatte

Salomo knüpft an. So wie wir – wir knüpfen ebenfalls an, an dem, was andere aufgebaut haben.
Salomo erfindet den Glauben nicht neu. Wir ebenfalls nicht.
Salomo stellt sich in eine Tradition: Sein Vater David hatte schon Baupläne.

Tradition bedeutet: Etwas fängt nicht erst mit uns an.
Wir bauen auf dem auf, was andere vor uns geglaubt, gehofft und erkannt haben.

Was David geheiligt hatte, behält seinen Platz.

Das ist mir wichtig:
Ich denke dabei nicht nur an deutsche Vorfahren oder Missionare, die hierherkamen.
Ich denke auch daran, dass unser christlicher Glaube ohne den jüdischen Glauben nicht denkbar ist.

Und zugleich – das ist ebenso wichtig, erzählt der Chronist von Veränderung.
Es bleibt nicht alles beim Alten. Nicht alles Alte muss bewahrt werden, nur weil es alt ist. Bewahrung und Erneuerung gehen Hand in Hand.

  1. Salomo versammelte alle Ältesten, alle Häupter aller Stämme und die Fürsten der Sippen

Salomo versammelt alle. Stellvertreter aus Religion und Gesellschaft. Priester und Leviten, aber auch die Menschen, die in der Gesellschaft Verantwortung tragen. Salomo öffnet den Tempel für alle: nicht nur für die Frommen. 

Das soll im Tempel geschehen: Ein Ort, an dem Unterschiede nicht verschwinden müssen – aber ihren trennenden Charakter verlieren.

Im Tempel zählt nicht, aus welchem Stamm jemand kommt.
Nicht, aus welcher Familie oder Missionstradition.
Nicht, ob jemand Fürst oder Bettelmann ist.

Alle zusammen sind Gottes Volk.

Und genau das wird dann besonders sichtbar im gemeinsamen Singen und Musizieren.

  1. „Es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge“

Nicht nur passt der heutige Predigttext wunderbar zu unserem Bauvorhaben.
Er passt auch wunderbar zum Sonntag Kantate – mit Kirchenchor und Posaunenchor, mit unserem Gastdirigenten und mit allem, was Musik in einer Gemeinde auslösen kann.

Es sind 120 Trompeter bei der Einweihung des Tempels.
Dazu Sänger. Dazu Zimbeln, Harfen und Saitenspiele. Und doch sagt der Chronist:
„Es war, als wäre es einer.“

Das ist ein wunderschönes Bild. Nicht Gleichklang – sondern Einklang.

Viele Stimmen bleiben hörbar. Viele Instrumente bleiben verschieden. Und gerade darin entsteht etwas Gemeinsames.

Allein bekommt man keinen Einklang hin. Nur zusammen.

Wer einmal vor einem Konzert im Saal sitzt, kennt dieses Geräusch:
Musiker packen ihre Instrumente aus. Einer spielt eine Tonleiter. Irgendwo klingt eine Trompete zu laut. Die Geigen probieren etwas. Der Klang wirkt chaotisch.

Und dann kommt der Moment:
Der Dirigent hebt den Taktstock. Alle hören aufeinander. Und plötzlich wird aus vielen einzelnen Stimmen Musik.

Nicht weil alle dasselbe spielen, sondern weil sie aufeinander hören und zusammenspielen.

Vielleicht ist das auch eine Aufgabe für uns als Gemeinde. Denn Einklang entsteht dort, wo Menschen aufeinander hören. Da fragt jemand: Übertöne ich alle anderen? Kommen andere noch zu Wort? Oder bin ich selbst so leise und zurückhaltend, dass meine Stimme ganz verschwindet? Einklang braucht beides: den Mut, sich einzubringen, und die Fähigkeit, sich zurückzunehmen. Und wahrscheinlich kennen wir das alle:
die Lauten und die Leisen im Gemeindegesang. Die einen ärgern sich über die, die zu kräftig singen. Die anderen über die, die kaum den Mund aufmachen. 

Aber vielleicht geht es gar nicht darum, dass alle gleich werden.

Vielleicht ist das eigentliche Wunder von Gemeinde: dass verschiedene Stimmen, laute und leise, gemeinsam Gottes Güte besingen können.

Und das Entscheidende ist: was sie singen:
„Gott ist gütig, und seine Barmherzigkeit währet ewig.“

Sie loben Gott. Sie danken Gott.

Für einen Moment treten Sorgen, Krisen und Konflikte in den Hintergrund.

Das ist mutig. Statt an allem zu verzweifeln, statt sich nur von Sorgen bestimmen zu lassen, loben sie Gott.

Und wo viele Menschen gemeinsam diesen Mut finden, da geschieht etwas:

  1. „Da wurde das Haus des Herrn erfüllt mit einer Wolke“

Plötzlich erfüllt Gottes Gegenwart den Tempel. Das kann niemand machen.
Das kann niemand organisieren oder herstellen. Ja, Menschen können bauen.
Menschen können planen. Menschen können musizieren und singen.

Aber Gottes Geist lässt sich nicht herbeizaubern. Und doch erzählt der Text:
Wo Menschen gemeinsam Gott suchen, wo sie danken und loben, wo sie gemeinsam unterwegs sind – da öffnet sich Raum für Gottes Gegenwart.

Da tritt selbst der priesterliche Dienst in den Hintergrund, weil Gottes Herrlichkeit alles erfüllt. Das ist die eigentliche Erneuerung.

Kein Tempel, kein Deck, kein Treffpunkt, keine neue Küche garantieren Gottes Gegenwart.

Sie bleibt Geschenk. Die Güte des Herrn an jedem Tag bleibt eine Überraschung.

Und vielleicht ist das die wichtigste Erinnerung für uns heute: Nicht unsere Gebäude machen uns zur Gemeinde. Nicht unsere Projekte. Nicht einmal unsere Musik.

Sondern dass viele unterschiedliche Stimmen gemeinsam Gottes Güte besingen.

Wo das geschieht, da kann ein Raum mehr werden als ein Gebäude.
Da kann Gottes Geist wohnen. Möge Gott uns diesen Einklang schenken –
und uns treu bleiben.

Und dann lasst uns fröhlich planen und bauen, singen und beten, jede und jeder mit seinen Möglichkeiten, laut und leise, humorvoll, eckig und kantig – doch geleitet von Güte und Barmherzigkeit.


Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.