Predigten - 2026

Matthäus 6,5-12



Rogate


Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen 

Matthäus 6, 5-12


5 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. 

6 Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.

7 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. 

8 Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. 

9 Darum sollt ihr so beten:

Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. 

10 Dein Reich komme. Dein Wille geschehe

wie im Himmel so auf Erden. 

11 Unser tägliches Brot gib uns heute. 

12 Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. 

13 Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. [Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.]


Liebe Gemeinde,

Dieser Abschnitt steht mitten in der Bergpredigt. Ihr kennt diese große Rede Jesu, die im Sinn hat, die Welt zu verändern. Sie spricht von einem Leben, das sich lohnt, weil es ein Leben ist, in dem das Böse, was uns so zu schaffen macht überwunden wird.

Jesus nimmt viele Lebensbereiche in den Blick. Das sind Bereiche, in denen wir die Welt gerne verbessern möchten.  Jesus spricht davon, was Menschen selig macht. In den Seligpreisungen sind diese unerwarteten Möglichkeiten aufgelistet. 

Jesus spricht in der Bergpredigt davon, dass Frieden stiften seliger macht als Krieg führen. In der Bergpredigt werden viele Lebensbereiche angesprochen:  von Ehescheidung; vom Spenden und der Feindesliebe; vom unnötigen Sorgen machen um Kleidung, Essen und Trinken, bis zum Schwören und Vergelten.

In dieser Rede geht es um unseren Alltag. Wie wir leben, wie wir handeln, wie wir miteinander umgehen – all das gehört zum Glauben. 

Und mitten in all diesen Themen – wie ein Herzstück – spricht Jesus plötzlich von etwas ganz anderem: vom Gebet.
Mittendrin geht es nicht um das öffentliche Leben, sondern um die ganz persönliche Beziehung zu Gott. Da geht es nicht um das Sichtbare, sondern um das Unsichtbare.

Es ist, als wollte er sagen: Bei allem, was nach außen sichtbar wird in eurem Leben steht im Zentrum doch etwas anderes, das niemand sieht. Im Zentrum steht eine verborgene Beziehung. Und diese verborgene Beziehung strahlt dann in die Welt. Zur Klarstellung: es ist keine geheime Beziehung, von der niemand wissen sollte.

Doch wie es in jeder guten Beziehung einen Schutzraum gibt, eine Privatsphäre, so auch in der Beziehung zu Gott.
Ohne die Beziehung zu Gott, so wird unser Handeln leer. So verstehe ich diesen Abschnitt. So verstehe ich auch das Gebet und die Beziehung zu Gott. Diese Beziehung bringt Tiefe und Weite. Sie bringt Höhe und setzt auch eine erlösende Grenze.

Jesu Worte über das Beten machen mich nachdenklich. Es hört sich so an, als wolle Jesus sagen: Du kannst vieles richtig machen – ethisch und moralisch gut leben – und doch kannst du innerlich leer sein und weit entfernt von dem lebendigen Gott.
Das Gebet ist ein Schutzraum. Denn wer versucht, gut und richtig zu leben im Sinne von moralisch und ethisch anspruchsvoll, der kann leicht ausbrennen. Denn so gut wir auch sein wollen, so sehr wir uns auch anstrengen, aus unserer Kraft heraus, machen wir aus dieser Welt keinen besseren Ort. 

Wir bleiben konfrontiert mit gut und Böse. Wir stoßen an die Grenzen des Machbaren und erleben eine große Ohnmacht. 

Darum sagt Jesus: Wenn du betest, dann geh in dein Kämmerlein. Zieh dich zurück. Schließ die Tür. Es braucht nicht viel Platz für eine Gottesbegegnung. 

Der Rückzug im Gebet ist keine Weltflucht. Das Äußere und wie wir mit anderen Menschen leben im Kleinen und Großen bleibt wichtig. Das Gebet ist ein Rückzug zum Ursprung – es ist eine Kraftquelle.

Leider gerät es immer mehr in Vergessenheit, dass wir alle solche Orte brauchen. Das sind Orte, wo wir empfangen, was wir zum Leben brauchen. Was wir wirklich brauchen, um in dieser widersprüchlichen Welt mit all dem Guten und Bösen zurechtzukommen, bekommen wir von Gott. In der Tiefe des Gebets. Im Verborgenen begegnen wir Gott. Nicht als Zuschauer, sondern als Gegenüber.

Diese Beziehung beschreibt Jesus mit dem wunderbaren Bild, in dem es um Urvertrauen geht: Die Beziehung von Eltern und Kind. 

Hier in dieser vertrauten Begegnung hört die Heuchelei auf. Sie hat dort keinen Platz. Hier muss ich nichts darstellen. Hier muss ich nichts vorweisen. Ich kann sagen, was mir auf dem Herzen liegt. Ich kann schweigen, wenn mir Worte fehlen. Ich kann reden, wenn es mir hilft. Ich kann danken und loben. Ich kann klagen und zweifeln. Gebet ist keine fromme Leistung. Es ist eine Begegnung von Herz zu Herz.

Und deshalb sagt Jesus: Plappert nicht. Kein Small Talk nötig. 

Denn Gott kennt uns schon – wir sind ihm vertraut. 

Die Einladung zum persönlichen Gebet ist etwas ganz Besonderes in unserem Glauben. Da entsteht ein Freiraum. Es ist ein heiliges Innehalten. Es ist eine erlösende Erneuerung. 

Er verborgenen Gott ist gegenwärtig im Gebet. Gott wirkt.

Und nun mögen wir uns wundern, warum nun gerade an dieser Stelle das Vater Unser steht. Hier, wo es um das persönliche Gebet geht.
Für uns ist das Vater Unser ja so ziemlich das öffentlichste Gebet, das es gibt. Das war nicht immer so. 
Das Vater Unser war sozusagen ein Taufgeschenk.

Als fester Bestandteil des Gottesdienstes taucht das Vaterunser erst im 4. Jh. auf. Es war ursprünglich, wie bei Lukas und Matthäus, das Gebet des engsten Kreises um Jesus, und gerade nicht das Gebet der Menge, d.h. derer, die nur zuhören, aber nicht im eigentlichen Sinn zur Nachfolge gelangen. Erst nach dem Empfang der Taufe wurde das Gebet den Neugetauften übergeben, so dass sie es als erstes Gebet ihres neuen Lebens beten konnten. Es ist das Gebet derer, die sich in einer nichtchristlichen und zeitweise christenfeindlichen Mehrheitsgesellschaft für die Taufe entschieden haben, in der die Heiligung des Namens auch das Martyrium als konkrete Möglichkeit miteinschloss.

Es ist ein Gebet voller Sehnsucht, damit wir an dem Bösen in der Welt nicht zerbrechen, sondern unser Vertrauen und unser Hoffnung bewahren. 

Das wird sofort spürbar, wenn wir sagen: „Unser Vater im Himmel“

Das erinnert: Ich bin nicht allein. Ich habe einen Bezug im Himmel. Gott ist da.

„Unser tägliches Brot gib uns heute!“ Ich lebe nicht aus mir selbst und wir sind nicht auf uns geworfen. Wir empfangen, das, was wir zum Leben und auch zum Überleben brauchen. 

„Dein Wille geschehe!“ Ja, da ist so vieles, das sich meiner Kontrolle entzieht – vieles, das ich nicht verstehe und nicht einordnen kann. 

Das Vater Unser ist wie eine Schule des Vertrauens. Ich übe es ein und es wird mir gegeben. 

Vielleicht ist das die wichtigste Entdeckung: Im Gebet verändert sich nicht zuerst die Welt. Im Gebet werden wir verändert.

Wir lernen, da sind Grenzen, die wir annehmen müssen, wenn wir nicht zerbrechen oder ausbrennen wollen. Wir lernen zu vertrauen. Wir lernen, dass vieles keine Selbstverständlichkeit ist, nicht einmal das tägliche Brot, noch die Versöhnung. Weder die Überwindung des Bösen noch das ewige Leben. 
Ein betender Mensch wird kein weltfremder Mensch. Ein betender Mensch wird ein wacher, freier Mensch. Ein betender Mensch wird kein gleichgültiger Mensch, der alles in Gottes Hand legt – nein, davor bewahrt uns Matthäus, indem er diesen Abschnitt in die Bergpredigt einbettet.

Aber vielleicht ist es das, wozu wir heute eingeladen werden: dieses Kämmerlein des Gebets aufzusuchen. Kein besonderer Ort. Kein besonderes Programm. 

In einem wunderbaren Mittagslied von Jochen Klepper in unserem Gesangbuch, Nr. 457 heißt es:

Die Hände, die zum Beten ruhn, die macht er stark zur Tat. Und was der Beter Hände tun, geschieht nach seinem Rat.

„Vater, hier bin ich – mehr braucht es nicht. Denn im Verborgenen beginnt, was unser Leben verändert.“

Gerade wenn wir manchmal nicht mehr wissen, was wir beten sollen, legen wir uns und unsere Welt Gott ans Herz. Dort sind wir gut aufgehoben.