Johannes 17,20-26

Himmelfahrt
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.
Johannes 17,20-26
20 Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden,
21 dass sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, auf dass die Welt glaube, dass du mich gesandt hast.
22 Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, auf dass sie eins seien, wie wir eins sind,
23 ich in ihnen und du in mir, auf dass sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst.
24 Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast; denn du hast mich geliebt, ehe die Welt gegründet war.
25 Gerechter Vater, die Welt kennt dich nicht; ich aber kenne dich, und diese haben erkannt, dass du mich gesandt hast.
2 6Und ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen.
Liebe Gemeinde,
Nach all dem Schmerz, den Jesus erleidet und all der Trauer, die die Jünger empfinden, sind wir hier hineingenommen in eine Herrlichkeit, für die einem die Worte fehlen. Wenn ich das Wort „Herrlichkeit“ höre, dann denke ich an ein bezauberndes Licht. Solche Momente, wo der Himmel sich auftut und ein Strahlen durch die Wolken bricht. Am vergangenen Sonntag war so ein herrlicher Abendhimmel. Ich fuhr nach einem großartigen Konzert des Palissander Chores nach Wapadrand. Und der Himmel tat sich auf.
In solchen Augenblicken ahne ich etwas von der Herrlichkeit, von der Jesu spricht.
So ein Moment, wenn der Himmel aufbricht, ist für mich der Abschnitt aus dem Johannesevangelium. Diese Sätze sind ein Teil der langen Abschiedsreden. Jesus tröstet seine Jünger. Das Schwere, was sie verbindet, ist nicht zu verheimlichen – doch hier und da leuchtet in dem Gespräch etwas auf: ein Blick in den Himmel.
Ein Bild vollkommener Freude und Einheit. Da ist niemand mehr außen vor oder ausgegrenzt, sondern alle sind eins. Als würden die Grenzen verschwimmen. Die Grenze zwischen Gott und Mensch. Die Grenze zwischen der einen Jüngergruppe und der anderen. Die Grenze zwischen Menschen. Die ganze schwere Zerrissenheit und Getrenntheit. Alle eins. Gott und Mensch und Mensch und Mensch. Da geht der Himmel über allen auf! So soll es sein.
Solche Momente sind kostbare Momente.
Wann habt ihr sie erlebt?
Ich habe solche Momente in der Begleitung von Sterbenden erlebt. Und das ist die Situation von der Johannes hier redet.
Lasst mich erzählen von einem Mann, Ende sechzig. Ein Kollege. Bis zu seinem Ruhestand war er Pastor und hat selbst viele Menschen begleitet. Ach, was hat er sich gefreut auf das Lesen und Zusammensein mit seiner Frau. Eine schöne Wohnung haben sie sich neu eingerichtet. Reisen wollten sie.
Und dann die Diagnose Krebs – unheilbar. Das war vor gut einem Jahr. Wieviel Zeit er noch habe, wollte er von den Ärzten wissen. Sie antworteten verhalten. Vielleicht ein halbes Jahr.
Ob es sinnvoll ist, zu therapieren, wollte er auch wissen.
„Das müssen Sie selbst entscheiden – ja, Sie können es mit einer schweren Chemo versuchen, dann unter Umständen noch eine OP“.
Ja, er hat alles gemacht. Da waren kleine Lichtblicke in diesem Jahr. Hoffnung in aller Hoffnungslosigkeit. So konzentriert auf den Erfolg der Chemo, dass die Begrenztheit des Lebens in den Hintergrund drang.
Doch jetzt ist es klar – während der schweren OP die Einsicht der Ärzte. Es hilft alles nichts. Es wird nicht mehr lange dauern.
Und dann ein Gespräch unter Freunden. Die Freunde, die mitgehofft haben. „Wisst ihr, liebe Freunde. Ich bin ok. Ich werde nicht gesund. Doch ich gehe in Frieden!“ Tränen. Schmerz und gleichzeitig das Aufbrechen des Himmels und das Aufleuchten eines tiefen Vertrauens.
Davon erzählt Johannes. So jedenfalls verstehe ich ihn. Solche Momente ereignen sich. Sie sind kostbare Geschenke. Diese Worte klingen für mich wie eine Einladung: Dem Tod gegenüber eine Offenheit zu entwickeln und dem Sterben Raum geben.
Das ist es, was Jesus in seinen Abschiedsreden macht. Er redet über das, was schwerfällt. „Ihr habt nun Traurigkeit!“ sagt er an einer Stelle. „Ihr habt Angst!“, sagt er an andere Stelle.
Jesus spricht aus, was die Jünger nicht sagen wollen. Sie sind fassungslos und bang.
So viele Menschen sind dem Tod gegenüber fassungslos und bang und vermeiden das Gespräch. Jesus konfrontiert uns mit unserer Vergänglichkeit – aber nicht durch die Diagnose einer unheilbaren Krankheit, sondern durch die Verheißung einer Herrlichkeit, die größer ist als der Tod.
Ärzte werden mit unglaublichen Erwartungen überfrachtet – wird es ein Wunder geben. Selbst wenn es jetzt ein Wunder gibt, eines Tages gehen wir aus der Welt.
Und Johannes hat uns Worte von Jesus überliefert, die den Tod auch als einen Moment denken können, wo der Himmel sich auftut. Da wird die ganze Herrlichkeit Gottes – die Herrlichkeit unseres Lebens sichtbar. Unvorstellbar.
Da tut sich der Himmel auf und wir erkennen, was wir bisher nicht verstanden haben. Da sind wir eins. Ungeteilt.
Das Einssein ist nicht Selbstauflösung, sondern Geborgenheit in Liebe. Es ist ein Urvertrauen.
Und wer so lebt, so in Ehrfurcht vor dem Sterben, doch mit einer Furchtlosigkeit gegenüber dem Tod, der ist anders in der Welt. Wer so lebt, der strahlt etwas aus von dem Frieden Gottes, den er erfahren hat. So ein Mensch strahlt aus, dass er akzeptieren kann, was andere noch bekämpfen. So ein Mensch ist eins mit sich und seinen Mitmenschen und mit Gott.
„Ja, Herr Jesu, bei dir bleib ich so in Freude wie in Leid; bei dir bleib ich, dir verschreib ich mich für Zeit und Ewigkeit. Deines Winks bin ich gewärtig, auch des Rufs aus dieser Welt; denn der ist zum Sterben fertig, der sich lebend zu dir hält!“ dichtete Philipp Spitta (EG 406)
Jesus ist zum Sterben fertig – er sucht nicht den Tod. Er freut sich nicht darüber. Er erlebt den ganzen Schmerz. Doch er ist bereit, weil er eins ist mit dem Vater.
Nichts trennt ihn. Keine Angst und keine Zweifel. Keine Ansprüche und Forderungen.
Eins sein, damit die Welt glaube! Eins – Da ist eine Grenze überschritten. Eins: Ein Herz und eine Seele. Eine innige Verbundenheit zwischen Gott und Jesus und Jesus und den seinen.
Es ist ein mystischer Moment. Wenn der Himmel sich auftut, dann werden wir staunen. Dann reichen Worte nicht aus. Dann werden wir ergriffen von einer Feierlichkeit und Tiefe, von einer Ehrfurcht und Liebe.
Und das alles angesichts des Todes – inmitten von Krieg und Krise. Da bricht der Himmel auf – da öffnet sich etwas.
Über den Wolken eine Erkenntnis – in dem Glanz Gottes ein Strahlen und Staunen.
Das ist Himmelfahrt:
erfahren, dass unser Leben und selbst unser Sterben aufgehoben sind in Gottes Liebe.
Wo Menschen in dieser Liebe bleiben, da leuchtet schon jetzt etwas von Gottes Herrlichkeit auf.
Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen