Jeremia 31,31-34

Exaudi
Liebe Gemeinde,
Für Gott ist es Zeit für einen Neuanfang. Gott will, dass es anders weitergeht. So wie es jetzt ist, soll es nicht bleiben. Es ist für Gott unerträglich.
Das Buch Jeremia kreist um die Zerstörung Jerusalems. Die Babylonier hatten die Stadt 587/586 v. Chr. eingenommen und verwüstet. Der Prophet beschäftigt sich mit der Frage, die viele Menschen damals bewegte: Wie konnte das geschehen? Wer trägt Schuld? Wo liegen die Ursachen? Das sind sehr menschliche Fragen.
Die gefangenen Juden im Exil fragten sich:
Was hat Gott damit zu tun? Straft er uns etwa? Hat Gott uns, sein Volk, vergessen und verlassen?
Hat Gott nun genug von uns, weil wir immer wieder seine Gebote missachten?
Hat unsere Eigensucht, unser Misstrauen, unsere Beteiligung an vielem Unrecht Gott so erzürnt, dass er sich zurückgezogen hat?
Wem sollten solche Zweifel nicht kommen – damals und heute? Verständlich wäre es schon, wenn Gott aufgibt und sich abwendet. Nachvollziehbar, dass Gott zu der Einsicht kommen könnte:
Ich kann diesen Menschen nicht helfen. Sie wissen alles. Sie kennen die Gebote. Sie wissen theoretisch, wie man Konflikte friedlich löst. Sie wissen eigentlich, dass Nächstenliebe Unmenschlichkeit verhindert.
Jeremia predigt aus der Sicht Gottes. Jeremia, der seit jungen Jahren eine enge Beziehung zu Gott pflegt, begreift: Eine Bußpredigt allein reicht nicht. Sicher, es ist gut, Menschen ins Gewissen zu reden und ihnen neu bewusst zu machen, was sie längst wissen. Aber reicht das aus?
Jeremia hört Gott zu. Jeremia lässt Gott zu Wort kommen.
Ein Wunder ist das: wenn Menschen Gott hören und verstehen können. Da wirkt der Geist. Das ist die Hoffnung hinter jeder Predigt und die Hoffnung, wenn wir die Bibel aufschlagen: Gott möge zu Wort kommen. Gott möge sich zeigen und verständlich machen.
Jeremia hört Gott zu und nimmt wahr, wie Gott selbst mit sich ringt.
Das gibt es auch an anderer Stelle in der Bibel:
Gott ringt mit seiner Wut und seinem Zorn. Gott ringt mit sich, ob er die Menschen aufgeben soll, das Werk seiner Hände.
Wie Jakob am Jabbok mit Gott kämpft, so ringt hier Gott selbst.
Und der Kampf endet im Segen.
Jeremia bekommt die schöne Aufgabe zu verkünden, was er von Gott hört. Es ist eine große erleichternde Vergewisserung:
Gott bleibt sich treu. Gott ist und bleibt Liebe. Gott schafft einen friedlichen Neuanfang mit seinem Volk. So wie er es schon Noah versprochen hatte: Nie wieder will ich mein Volk zerstören. Gott meldet sich durch Jeremia zu Wort und lässt alle wissen:
Gott verbindet sich neu mit euch. Nicht mehr nur von außen. Nicht mehr nur durch Gebote und Weisungen. Sondern von innen her.
„Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben.“
Vielleicht kann man das mit Musik vergleichen.
Am Anfang lernt ein Mensch ein Instrument mit Noten. Er schaut ständig auf das Blatt. Er achtet auf jede Regel und hat Angst, Fehler zu machen. Aber ein guter Musiker spielt irgendwann nicht mehr nur nach Vorschrift. Die Musik lebt in ihm. Sie ist ihm ins Herz geschrieben. Er muss nicht dauernd daran erinnert werden.
Oder man kann es vergleichen mit einem Kind das Fahrradfahren lernt
Am Anfang hält ein Vater sein Kind beim Fahrradfahren fest.
Er läuft nebenher. Er hält den Sattel.
Er sagt: „Lenken! Bremsen! Vorsicht!“ Das ist wie der erste Bund: von außen führen,
an die Hand nehmen, Gebote geben. Aber irgendwann geschieht etwas anderes.
Der Vater lässt los. Nicht weil ihm das Kind egal wäre.
Sondern, weil das Gleichgewicht jetzt im Kind selbst geworden ist. Das Kind fährt nun nicht mehr, weil jemand festhält, sondern weil es selbst tragen kann, was vorher von außen kam.
Vielleicht ist der neue Bund ähnlich: Gott hält uns nicht mehr nur von außen fest.
Er schreibt seine Weisung ins Herz. Der Mensch lernt von innen her zu leben.
Und doch bleibt der Vater in der Nähe. Nicht Kontrolle —
sondern Vertrauen.
So beschreibt Jeremia den neuen Bund Gottes.
Gott bleibt nicht äußerlich. Gottes Wille soll im Menschen lebendig werden.
Damit stellt Gott eine tiefe Verbindung zu seinen Menschen her. Nichts soll sie mehr von Gott trennen — weder der unruhige Verstand noch das verletzte oder verstockte Herz.
Paulus nimmt das später im Römerbrief auf: Nichts kann uns trennen von der Liebe Gottes. Was hier geschieht, ist eine Art Neuschöpfung.
Am Anfang der Schöpfung lebte der Mensch in unmittelbarer Gemeinschaft mit Gott. Doch der Mensch wollte selbst bestimmen, was gut und böse ist. Er wollte unabhängig sein von Gott. Seitdem erlebt der Mensch die Trennung — von Gott, von anderen Menschen und oft auch von sich selbst. Und genau dort setzt Gottes neuer Bund an:
Nicht der Mensch arbeitet sich zurück zu Gott.
Sondern Gott kommt dem Menschen entgegen und schreibt seine Liebe ins Herz.
Was ich besonders wichtig finde:
„Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: Erkenne den Herrn; denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß.“
Schon bei Jeremia gibt es diese unmittelbare Beziehung zu Gott. Kein Priester muss dazwischenstehen. Gottesnähe hängt nicht vom Alter, vom Wissen oder von der Bildung ab. So einfach ist es eigentlich, Gott zu erkennen.
Und gleichzeitig machen wir es uns oft so schwer.
Diese Worte sind ein tiefer Trost. Sie bewahren uns davor, an der Welt und am Bösen zu zerbrechen. Nichts und niemand kann uns Gott aus dem Herzen nehmen. Und mit Gott im Herzen können wir weiter hoffen. Der neue Bund Gottes ist aber auch eine Ermutigung.
Es lohnt sich, zu ringen — mit sich selbst, mit der Welt und auch mit Gott.
Es ist menschlich, dass wir nicht immer im Einklang sind.
Doch am Ende eines ehrlichen Ringens steht nicht die Verzweiflung, sondern der Segen.
Gott nimmt uns nicht einfach an die Hand und zieht uns einen festen Weg entlang.
Gott spricht ins Herz.
Gott verändert Menschen von innen her.
Plötzlich begreift ein Mensch: Glaube heißt: ich muss Gott nicht erst irgendwo suchen.
Er wohnt schon in mir.
Der neue Bund heißt: Gott bleibt uns näher, als wir uns selbst sein können.