Predigten - 2026

4. Mose 6, 22-27 und Psalm 133,1



Trinitatis - Ökumenischer Gottesdienst


Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

Liebe Gemeinde,


I. „Siehe, wie fein und lieblich ist es, wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen!“ steht in Psalm 133.
Kein Widerspruch, außer, dass wir das Wort Brüder mit Geschwister übertragen.
„Siehe, wie fein und lieblich ist es, wenn Geschwister einträchtig beieinander wohnen!“

Ein Blick in die heutige Festgemeinde bestätigt dies. Wunderbar, wir getrennte Gemeinden feiern zusammen Gottesdienst. Schön, dass das geht! Es braucht Entgegenkommen auf allen Seiten. Wir geben uns nicht zufrieden mit unserer Trennung – sondern wir wissen:
wir gehören zusammen – nicht nur, weil wir eine gemeinsame Liebe für die deutsche Sprache und Herkunft haben, sondern weil wir eins in Christus sind.


II. Beim Bibellesen geht es um Genauigkeit. Wenn hier steht, dass Brüder einträchtig zusammenwohnen mögen, dann offenbart sich der Beter als Friedensstifter.
Denn wenn Brüder in der damaligen Welt streiten, dann bedeutet das „Krieg führen“.
Auf dem Hintergrund ist Psalm 133 zu verstehen. Es ist ein weises Wort über das friedliche Zusammenleben. Es ein Gegenwort zu dem, was viele Menschen und Nationen heute und damals erleben. Es ist ein Gegenwort Streit und Rivalität


III. Schon auf den ersten Seiten der Bibel wird beschrieben, zu welchen Grausamkeiten Brüder in der Lage sind. Kain tötet Abel.

Einige Kapitel später die Geschichte eines erschwindelten Segens.

Jakob betrügt, mithilfe seiner Mutter Rebekka, seinen Vater Isaak und seinen Bruder Esau. Was wir in dieser Brudergeschichte über den Segen und das friedliche Zusammenwohnen lernen, von dem Psalm 133 spricht, möchte ich in dieser Predigt entfalten.

Denn nicht nur Psalm 133 ist ja der heutige Predigttext, sondern auch der aaronitische Segen, den wir in jedem Gottesdienst am Ende empfangen:
„Gott segne dich und behüte dich,…“ Der aaronitische Segen endet mit den Worten: „Der Herr gebe dir Frieden.“ Psalm 133 beschreibt, wie dieser Frieden aussieht: Geschwister wohnen einträchtig beieinander.


IV. Jakob und Esau lassen keinen menschlichen Abgrund aus. Ihre Geschichte ist geprägt von Rivalität und Verbundenheit. Liebe hat ihre Zeit hat und leider auch der Hass.
Schon vor der Geburt waren die Beiden Rivalen. Wer kommt zuerst auf die Welt?
Wer wird Erster sein? Denn an der Spitze stehen, ganz vorne das ist eine menschliche Idee von Segen.
Um diesen menschlichen Segen geht es zunächst. Der Segen, der spaltet.
Der göttliche Segen dagegen, so werden wir sehen, schafft Versöhnung unter Geschwistern.

Fangen wir beim menschlichen Segen an. Hier ist es der väterliche Segen.
Warum wollte Jakob ihn unbedingt?
Warum war es ihm so wichtig, der Erstgeborene zu sein.
Ganz klar: der Erstgeborene wurde bevorzugt. Ihm galten der Segen und der größte Teil des väterlichen Besitzes.
In unserer Sprache zeigt sich dieses menschliche Verständnis vom Segen.
Wenn wir sagen: „das ist ein gesegneter Mensch“, dann haben wir keinen besonders frommen, sondern besonders wohlhabenden und gesunden Menschen vor Augen.

Oft wird der göttliche Segen so wie ein väterlicher Segen verstanden: Wen Gott segnet, der wird wohlhabend und gesund. Krankheit, existentielle Not werden als das Gegenteil wahrgenommen. Das große Thema der Hiobgeschichte.

Der göttliche Segen ist anders. Das wird in der Geschichte von Jakob und Esau deutlich. Die Gesegneten Gottes werden nicht an ihrem Wohlstand erkennbar. Sie werden daran erkannt, dass sie einträchtig zusammenwohnen und Gerechtigkeit unter ihnen großgeschrieben wird.

Weder das Alte noch das Neue Testament wollen als Anleitung zum Streit zwischen Brüdern und Völkern gelesen werden, sondern als Leitfaden wie Frieden und Eintracht entstehen.


V. Schauen wir uns Jakob und Esau daraufhin an:
Der väterliche, menschliche Erstgeburtssegen trennt und entzweit die Brüder. Zwietracht nennen wir das.
Der göttliche Segen, den Jakob nach langem Ringen mit Gott in dunkler Nacht empfängt, schenkt ihm die Kraft zur Versöhnung.

Menschlich ist der Wunsch, der Erste und der Beste zu sein.
Menschlich ist der Wunsch wohlhabend zu sein und zu bleiben, auch wenn es auf Kosten der Geschwister geht.

Das gilt damals und heute. Es gilt im persönlichen Leben und auch in der großen Weltgemeinschaft.
Es gibt die „Erstgeborenen“ mit ihren vollen Taschen und die anderen, für die immer wenig übrig bleibt.

„Siehe, wie fein und lieblich ist es, wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen“. Kein Widerspruch gegen diese Einsicht. Doch im täglichen Leben sind wir oft weit entfernt davon.

Der erschlichene menschliche Segen und Erstgeburtsrecht machen Jakob wohlhabend. Gleichzeitig wurde er dadurch ein flüchtiger und flüchtender,
ein ängstlicher Mensch. Er fürchtet seinen Bruder.
Schuld macht Angst.


VI. Gott bleibt an Jakobs Seite. Das ist kein Gutheißen des Betrugs. Es ist der stete Ruf zur Einsicht und Umkehr.

Es dauert lange, bis Jakob das erkennt.

Dann aber tut sich etwas. Jakob schickt einen Boten zu Esau und lässt ihm sagen: „Ich bin auf dem Weg zu dir mit Geschenken. Ich bringe eine Segensgabe und bitte um Gnade!“
Die Boten kommen zurück und lassen Jakob wissen, dass Esau ihm entgegenkommt – begleitet von 400 Mann.

Was bedeutet dieses Entgegenkommen? Ist es ein Kriegszug gegen Jakob. Oder ist es ein friedliches Entgegenkommen, ein Kompromiss, ein Neuanfang.

Dann kommt die lange schlaflose Nacht, in der Jakob ringt mit sich und mit Gott.
Jakob mitten in seiner Angst. Kommen Rache und Krieg auf ihn zu? Wird sein Bruder ihm friedlich entgegenkommen.
Jakob plagt seine Schuld. Die Zwietracht ängstigt ihn.
Diesmal erschleicht Jakob keinen Segen.
Diesmal konfrontiert er sein Gegenüber „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!“
Jakob erfährt, was es bedeutet, wenn mitten in der Nacht Gott sein Angesicht über ihm leuchten lässt.
Jakob erlebt, wie Gott gnädig ist.
Jakob spürt, wie heilsam es ist, wenn Gottes Angesicht auf ihm ruht und in ihm und dann durch ihn Frieden wirkt.

Später gibt Jakob diesem Ort einen Namen. Pnuel: Ich habe Gott gesehen.

Aus diesem Ringen um den Segen Gottes, geht Jakob mit einer Verletzung hervor. Er hinkt.
Am nächsten Tag begegnen sich Jakob und Esau.
Jakob überreicht seine Segensgabe. Er kommt damit Esau entgegen. Esau nimmt das Geschenk an.
Von da an gehen sie auf dem gleichen Weg. Nicht im Gleichschritt, sondern in ihrem eigenen Tempo. Verschieden und versöhnt.


VII.  Liebe Gemeinde, und wir?
Viele Jahre war ich Ökumene-Pfarrerin unserer Landeskirche. Die großen ökumenischen Bewegungen sind nach den beiden Weltkriegen entstanden. Es war die bewusste Entscheidung, nie wieder als Christen in einem Krieg aufeinander zu schießen. Nie wieder den Bruder aus dem Nachbarland als Feind zu betrachten.
Es war der Geist von Psalm 133 und die Überzeugung, dass wir als Gesegnete Gottes in der Welt Gottes Frieden bezeugen.
Ich habe wunderbare Erfahrungen in diesem Amt gemacht: ich bin so vielen Geschwistern im Osten und Westen, im Süden und Norden begegnet. Christen aus den verschiedensten Kirchen und Konfessionen: Sei es in der Konferenz europäischer Kirche oder dem Ökumenischen Rat der Kirchen. Eine bunte Vielfalt
Da waren viel Entgegenkommen und Sehnsucht nach Versöhnung.

Aber leider war da auch die Erfahrung, wie entsetzlich getrennt die Kirchen sind. Verfeindet.
Auch hier in Pretoria erleben wir Beides: Getrost anerkennen wir unsere Verschiedenheit und Buntheit. Doch da ist und bleibt auch etwas Bedrückendes. Dass wir als Gesegnete doch Getrennte sind – vor allem am Tisch des Herrn.

Jeden Sonntag empfangen wir alle in unseren Gottesdiensten den Segen: „Gott segne dich und behüte dich…“
Trauen wir dem Segen Gottes etwas zu?
Ringen wir mit Gott wie Jakob es getan hat?
Der Segen Gottes machte Jakob zu einem hinkenden Mann. Mir gefällt dieses Bild sehr: Denn wer hinkt, kann nicht mehr marschieren.
Der Gesegnete verliert seine Selbstgerechtigkeit und erkennt Gottes Gerechtigkeit.
Der menschliche Segen folgt dem Prinzip: einer gewinnt. Einer ist der Erste und einer der Letzte. Gottes Segen aber vermehrt sich, wenn er geteilt wird. Die Gesegneten werden ein Segen für die anderen.

Das möchte ich in Pretoria noch mehr erleben: Dass wir begreifen wir sind ein Segen füreinander. Da mag es wie bei Jakob und Esau Verletzungen und Schuld geben. Doch wir sind und bleiben Geschwister. Lasst uns also die Weisheit des Psalmes zu Herzen nehmen: „Siehe, wie lieblich ist es, wenn Geschwister einträchtig beieinander wohnen“.
Lasst uns mit Gott ringen und ihn bitten, dass er uns segnet. Lasst uns einander entgegenkommen: zugewandt, freundlich und offen für Versöhnung und Eintracht.

Ich schließe mit einem Zitat von Dietrich Bonhoeffer: Eine Einsicht im Dunkel des Krieges und ein Auftrag:
Wer selbst gesegnet wurde,
der kann nicht mehr anders, als diesen Segen weitergeben,
ja, er muss dort, wo er ist, ein Segen sein. Nur aus dem Unmöglichen kann die
Welt erneuert werden. Dies Unmögliche ist der Segen Gottes.

Lasst uns heute am Ende des Gottesdienstes den Segen Gottes empfangen und ihm zutrauen, dass das Unmögliche möglich wird ... die Einheit der Christen, eine wachsende Gemeinschaft im Glauben und eines Tages vielleicht auch das gemeinsame Teilen von Brot und Wein.

Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen