Predigten - 2026

Micha 7: 18 – 20



3. Sonntag nach Trinitatis

Gehalten von Elke von Schlichting und Dorothee Backeberg


Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei jetzt mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde, der Prophet Micha lebte etwa 700 Jahre vor Christus in einer Zeit, die unserer ähnelte: große politische Unsicherheit und soziale Ungerechtigkeit. Die Reichen wurden immer reicher, die Armen wurden unterdrückt, und Korruption prägte das öffentliche Leben. 

Der Prophet scheut sich nicht, diese Missstände klar zu benennen. Seine Botschaft enthält harte Worte des Gerichts über ein Volk, das sich von Gott entfernt hatte. Doch der letzte Gedanke im Buch Micha ist nicht das Gericht, sondern die Hoffnung. Am Ende richtet er den Blick auf Gottes Wesen und schließt sein Buch mit einem Lobpreis auf die Barmherzigkeit Gottes – auf seine offenen Arme, die Vergebung und einen neuen Anfang schenken.

Ich lese den Predigttext aus dem Buch des Propheten Micha, Kapitel 7, 18-20.


„Wo ist solch ein Gott wie du bist, der die Sünde vergibt und die Schuld erlässt denen, die als Rest seines Erbteils geblieben sind; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade! Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen. Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du es unseren Vätern vor Zeiten geschworen hast.“


Micha bringt dem Volk – obwohl es diese Zusage nicht verdient hat – eine große Hoffnung: Es gibt einen gnädigen Gott. Einen Gott, der anders handelt als der Mensch. Menschen erinnern sich an Fehler, halten an Verletzungen fest und rechnen Schuld gegeneinander auf. Gott aber hat Gefallen an der Gnade. Er erbarmt sich, vergibt und schenkt einen neuen Anfang.

(Do kommt von hinten mit einem schweren Rucksack herein) “Oh, mein Rucksack ist soooo schwer, ich kann ihn kaum noch tragen. Meine Schultern zerbrechen unter dieser Lasten, die mich täglich begleiten und wie Gewichte auf meinen Schultern liegen. Ich kann nicht mehr. Wo ist so ein Gott, der mir die Lasten abnimmt?”

Elke: Ja, wo ist solch ein Gott? (– deutet aufs Kreuz -) – dort ist dieser Gott! Dort dürfen wir die Lasten ablegen:

Do legt Rucksack auf kleinem Tisch ab. Alles mühsam.

Elke: Unsere Schuld (Do legt den Schuld-Stein ab)

Schuld gehört ganz praktisch zu unserem Leben. Jeder kennt Situationen, in denen man andere verletzt hat – durch Worte, durch Handlungen oder durch das, was man versäumt hat. Oft versuchen wir, weiterzumachen, zu erklären oder zu verdrängen. Doch wir merken: Was uns belastet, verschwindet nicht einfach, nur weil wir es ignorieren. Die gute Nachricht des Glaubens ist: Wir müssen das nicht alleine tragen. Bei Jesus dürfen wir ehrlich werden mit dem, was uns belastet, und ablegen, was uns gefangen hält. Er schenkt uns einen neuen Anfang.

Do: Unsere Enttäuschung (Elke legt den Enttäuschungs-Stein ab)

Auch Enttäuschungen gehören zu unserem Leben. Das Wort „Enttäuschung“ bedeutet eigentlich, dass eine Täuschung endet und wir die Wirklichkeit erkennen. Das kann schmerzhaft sein, wenn Erwartungen zerbrechen, Menschen uns enttäuschen oder Pläne anders verlaufen als erhofft. Manchmal sind wir sogar von Gott enttäuscht, weil er anders handelt, als wir es erbeten oder erwartet haben. Doch Enttäuschung bedeutet nicht, dass Gott nicht da ist – oft sehen wir nur einen kleinen Ausschnitt des Ganzen, während er das Ganze im Blick hat. Auch unsere Enttäuschungen dürfen wir bei Jesus ablegen. Er bleibt an unserer Seite, nicht nur in den guten Zeiten, sondern auch wenn es schwierig ist. Und manchmal entsteht gerade dort ein neuer Weg, den wir vorher noch nicht sehen konnten.

Elke: Unser Streit (Do legt den Streit-Stein ab)

Streit beginnt oft klein – durch Missverständnisse, unbedachte Worte oder unterschiedliche Erwartungen. Aus einer Kleinigkeit kann schnell eine große Belastung werden. Man geht sich aus dem Weg, schweigt oder trägt verletzende Worte lange mit sich herum. Das kostet Kraft und belastet Beziehungen. Auch Jesus ging Konflikten nicht aus dem Weg, wenn es um Wahrheit und Gerechtigkeit ging. Doch sein Ziel war nie, Recht zu behalten, sondern Menschen zu gewinnen. Darum ermutigt er uns, Frieden zu stiften und Wege der Versöhnung zu suchen. Denn Beziehungen sind wertvoller als das Bedürfnis, immer recht zu haben. Versöhnung beginnt dort, wo jemand den ersten Schritt wagt: zuhört, vergibt oder um Vergebung bittet. Oft braucht es nur einen Anruf, ein ehrliches Gespräch oder die Worte: „Es tut mir leid.“ 

Do: Unsere Sorgen (Elke legt den Sorgen-Stein ab)

Sorgen richten sich auf das, was kommen könnte. Sie leben vom „Was wäre, wenn?“ und nehmen uns oft den Blick für das Heute. Anfangs klein, wachsen sie schnell und rauben uns Kraft. Wie oft liegen wir nachts wach und drehen dieselben Gedanken immer wieder im Kreis? Jesus lädt uns ein, unsere Sorgen nicht allein zu tragen, sondern sie in Gottes Hände zu legen. Wenn Gott sagt: „Sorgt euch um nichts“, bedeutet das nicht, dass wir keine Verantwortung mehr tragen sollen. Es bedeutet, dass wir unsere Ängste und Lasten nicht allein tragen müssen. Wir dürfen planen, handeln und vorsorgen – und zugleich darauf vertrauen, dass Gott unser Leben in seinen Händen hält. Sorgen wollen die Zukunft festhalten, der Glaube vertraut darauf, dass Gott schon dort ist, wo wir noch nicht hingekommen sind.

Elke: Unser Versagen (Do legt den Versagen-Stein ab)

Auch Versagen gehört zu unserem Leben. Es zeigt unsere Grenzen und kann Scham auslösen. Oft fühlen wir uns dann nicht gut genug oder haben das Gefühl, anderen nicht gerecht zu werden. Vielleicht haben wir eine wichtige Aufgabe nicht geschafft, eine falsche Entscheidung getroffen oder sind hinter unseren eigenen Erwartungen zurückgeblieben. Manchmal begleiten uns solche Fehler noch lange und lassen uns an uns selbst zweifeln. Doch ein Fehler ist nicht das Ende unserer Geschichte. Wo wir scheitern, kann Neues beginnen – wenn wir aufstehen, um Vergebung bitten und weitergehen. Gott definiert uns nicht über unser Versagen, sondern über seine Gnade. Seine Liebe zu uns hängt nicht davon ab, wie erfolgreich oder fehlerfrei wir sind.

Elke: Liebe Gemeinde, vielleicht habt auch ihr heute diesen Lastenrucksack des Lebens dabei. Stellt euch vor, ihr würdet alles hineinlegen, was euch heute morgen beschwert: Schuld, Enttäuschungen, Streit, Sorgen und Versagen – Stein für Stein, Last für Last. 

Und dann kommt Gott persönlich durch die Kirchentür und sammelt jeden einzelnen Stein auf und bringt alles an die tiefste Stelle des Meeres, wirft alles dort hinein, und niemand sieht die Lasten jemals wieder. Zur Zeit des Propheten Michas war das Meer ein Symbol für das Unbekannte und endgültig Verlorene. Auch heute bleiben, trotz umfassender Meeresforschung, große Teile der Tiefsee für uns immer noch unerreichbar. 

Wenn wir die großen Schiffe am Horizont beobachten wie sie winzig-klein ihre Fahrt an der Küstenlinie fortsetzen, wird einem die gewaltige Größe des Ozeans schon ziemlich klar. Wenn man sich das aber noch praktischer vorstellen möchte, müsste man wissen wie tief der Ozean ist. Dazu könnte man sich den tiefsten bekannten Punkt der Ozeane, das sogenannte “Challenger Deep” im Marianengraben etwas näher ansehen. Es liegt im westlichen Pazifik, mit einer Tiefe von mindestens 11km. Das wäre der Abstand des Huguenot Tunnels zwischen Worchester und Paarl, oder der Schwimmabstand zwischen Robben Island und dem Kapstädter Hafen.  Obwohl der amerikanische Forscher Victor Vescovo in 2019 auf eine Rekordtiefe von 10,9 km im Marianengraben tauchte, wurde bisher im Verhältnis nur ein Bruchteil dieses Grabens mit dem menschlichen Auge gesehen. 

Vielleicht hilft uns diese gewaltige Größenvorstellung, um Gottes Gnade und Vergebung etwas besser zu verstehen. Wenn Gott unsere Sünden „in die Tiefen des Meeres“ wirft, dann wirft er sie an einen Ort, der für Menschen unerreichbar erscheint. 

Das Erstaunliche oder eher Traurige ist: Wir Menschen tauchen oft gedanklich einfach hinterher. Wir holen alte Fehler wieder hervor. Wir erinnern uns an unser Versagen. Wir machen uns Vorwürfe. Aber Gott tut das nicht. Was er vergibt, hält er nicht fest. Was er ins Meer wirft, fischt er nicht wieder heraus. Was Gott vergibt, ist endgültig. Unsere Schuld wird nicht überdeckt, sondern endgültig entfernt – so tief, dass sie nicht mehr zwischen Menschen oder zwischen Gott und Mensch steht. Das ist das größte Geschenk, und dafür ging Jesus ans Kreuz.  Wir dürfen wissen, dass wir einem Gott dienen, der nicht am Gericht sonder an Gnade und Barmherzigkeit Freude hat.

Und genau dann, wenn wir versucht sind, unseren Lastenrucksack erneut zu packen, lädt Gott uns ein: Vertrau mir neu. Auch dort, wo du es nicht verstehst. 

Darum: (Do winkt dem leeren Rucksack zu, und geht erleichtert hinaus) Geht nicht mit einem vollen Rucksack nach Hause, wenn ihr ihn hier lassen könnt. Geht nicht mit gesenkten Schultern, wenn ihr sie heben dürft. Geht nicht mit alten Lasten, wenn euch neues Leben zugesprochen ist. – Das ist die Verheißung die dem Volk Juda und dem Volk Israel zur Zeiten des Propheten Michas galt, und das ist die Verheißung mit der auch wir heute ohne den Lastenrucksack leben dürfen.  

Ihr habt am Anfang des Gottesdienstes kleine Karten und sinnbildliche Schuldsteine mitgebracht. Draußen vor der Kirche steht ein tiefes Wassergefäß. Wer möchte, darf seinen Stein vom Kärtchen abtrennen und dort hineinwerfen – als Zeichen dafür, dass Gott unsere Schuld in die Tiefen des Meeres wirft und uns von Lasten befreien möchte.

Vielleicht verschwinden damit nicht alle Sorgen und Probleme auf einmal. Manche Last bleibt, oder beschäftigt uns weiterhin. Aber wir müssen sie nicht allein tragen. Gott verspricht, an unserer Seite zu sein und uns Kraft zu schenken für das, was vor uns liegt. Wer heute noch nicht bereit ist, seinen Stein loszulassen, darf ihn auch später ablegen – im Alltag, bei einem Spaziergang oder unterwegs im Urlaub. Aber legt ihn bitte nicht zu Hause in die Schublade. Lasst ihn zu einem Zeichen werden, dass wir unsere Lasten immer wieder Gott anvertrauen dürfen. Daran soll auch das Kärtchen, dass ihr nach Hause nehmen dürft, erinnern.

Wir dürfen wissen, dass Gott das Leben nicht nur leichter, sondern neu machen möchte, und uns immer wieder mit offenen Armen empfangen möchte. Das ist die Hoffnung die der Prophet Micha 700 vChr verhieß und die auch unsere Hoffnung heute ist.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.