Predigten - 2026

Lukas 5,1-11



5. Sonntag nach Trinitatis

Pastorin Kornelia Schauf


Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

Lukas 5,1-11


Es geschah nun, als sich die Menge um ihn drängte, um Gottes Wort zu hören, da stand er am See Genezareth –

2 und sah zwei Boote am See liegen. Die Fischer aber waren aus ihnen ausgestiegen und reinigten die Netze.

3 Da stieg er in eines der Schiffe, das Simon gehörte, und bat ihn, ein kleines Stück vom Land weg auszulaufen. Er aber setzte sich und lehrte vom Boot aus die Volkmenge.

4 Als er nun aufgehört hatte zu reden, sagte er zu Simon: „Fahr hinaus ins tiefe Wasser und lasst eure Netze zum Fang herab.“

5 Da erwiderte Simon: „Meister, die ganze Nacht hindurch haben wir uns gemüht und nichts gefangen. Auf dein Wort hin aber will ich die Netze herablassen.“

6 Und als sie dies taten, schlossen sie eine große Menge Fische ein, ihre Netze aber drohten zu reißen.

7 Da gaben sie ihren Gefährten im anderen Schiff Zeichen, damit sie kämen und ihnen beistünden. Und sie kamen und füllten beide Schiffe, sodass sie fast sanken.

8 Als nun Simon Petrus das sah, fiel er vor Jesu Knie nieder und sagte: „Geh weg von mir, denn ich bin ein sündiger Mann, Herr!“

9 Denn ein Schrecken hatte ihn ergriffen und alle mit ihm wegen des Fischfangs, den sie gemacht hatten,

10 ebenso Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, die bei Simon Teilhaber waren. Da sagte Jesus zu Simon: „Fürchte dich nicht. Von jetzt an wirst du Menschen lebendig fangen.“

11 Und sie zogen die Schiffe an Land, verließen alles und folgten ihm nach.


 Liebe Gemeinde,

„Die ganze Nacht hindurch haben wir uns gemüht – erfolglos!“

Mit dieser Erfahrung beginnt unsere Geschichte. Petrus und seine Gefährten haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen. Erfolglos. Müde. Ratlos

Erfolglos trotz aller Bemühungen – das kennen viele von uns auch:

  • Der Blick in die Welt zeigt, wie viele Friedensverhandlungen scheitern. Es gibt noch immer Krieg im Sudan, in Israel oder in der Ukraine. Aber wir müssen gar nicht so weit schauen. 
  • Da ist der Arzt, der einen jungen Patienten trotz aller Anstrengungen nicht retten kann. 
  • Das Familienunternehmen, das Insolvenz anmelden muss. 
  • Die Lehrerin oder der Lehrer, die alles geben und doch manche Schülerinnen und Schüler nicht erreichen.

Erfolglosigkeit wirft einen Schatten. Sie kann Menschen mutlos machen und ihnen das Gefühl geben: Es lohnt sich nicht mehr. Sie kann Menschen schlecht über sich selbst denken lassen. 

Die Welt lässt sich ohnehin nicht verändern.

In diese Situation spricht Jesus hinein.

Petrus antwortet: „Auf dein Wort hin will ich die Netze noch einmal auswerfen.“

Eigentlich ist das schon das erste Wunder dieser Geschichte. Obwohl alle Erfahrung dagegenspricht, vertraut Petrus dem Wort Jesu. Er war Jesus bereits begegnet, hatte seine Predigten gehört und erlebt, wie Jesus seine Schwiegermutter heilte. 

Dieses Vertrauen lässt ihn noch einmal hinausfahren.

Jesus schickt die erfahrenen Fischer ins tiefe Wasser. Nicht weil dort der Erfolg garantiert wäre, sondern weil Vertrauen manchmal bedeutet, Wege zu gehen, die unserer eigenen Erfahrung widersprechen.

Die Fischer hätten auch sagen können: „Was weiß dieser Wanderprediger schon vom Fischen?“

Und wir könnten fragen: Was weiß Jesus von unserem Alltag? Von Krankheit, wirtschaftlichen Sorgen, Familienproblemen oder den Krisen unserer Zeit?

Viele Menschen trennen Glauben und Alltag. Religion ist Privatsache. Doch Lukas erzählt etwas anderes. Jesus spricht nicht nur in den Gottesdienst hinein, sondern mitten ins Leben.

„Auf dein Wort hin.“ Petrus wagt diesen Schritt. Und dann macht er eine überwältigende Erfahrung: Die Netze sind voll.

Doch Lukas erzählt diese Geschichte nicht, damit wir über den großen Fischfang staunen. Der eigentliche Wendepunkt liegt woanders. Petrus sieht nicht zuerst die Fische. Er feiert jetzt nicht seinen Erfolg. Vorher Versager, jetzt erfolgreich. Das erzählt Lukas gerade nicht.

Lukas richtet unseren Blick vielmehr auf die Beziehung zwischen Jesus und Petrus. Was da geschieht, ist das Wunder. 

Petrus sieht Jesus. Petrus erkennt etwas: Hier begegnet ihm Gottes Macht. Hier geht es nicht nur um weltliche Kräfte: Den Zusammenhang von Arbeit und Erfolg oder Misserfolg. Hier geht es um eine grundlegende Erkenntnis: Wer bin ich als Mensch gegenüber Gott.

Gottes Kraft und Heiligkeit wird in Jesus für Petrus sichtbar und erfahrbar.

Wo Gottes Heiligkeit sichtbar wird, sieht Petrus plötzlich nicht nur Jesus mit neuen Augen, sondern auch sich selbst. 

Er merkt: Vor Gott kann und brauche ich mich nicht auf meine Erfahrung, meine Leistung oder mein Können verlassen.

Da treffen Welten aufeinander: Die göttliche Welt und die menschliche Welt. Aus göttlicher Sicht ist Petrus kein Versager. Seine Erkenntnis: Ich bin ein sündiger Mensch meint nicht, dass er sich als schlechten Menschen erkennt. Er erkennt sich als bedürftigen Menschen. Er erkennt die Kraft, die durch Gott in sein Leben kommt. Eine Kraft, die ihn in der Schwachheit nicht aufgeben lässt. Eine Kraft, die ihm in der Krise weiter hilft.

Und plötzlich sieht er auch sich selbst mit anderen Augen: „Herr, geh weg von mir; ich bin ein sündiger Mensch.“

Ich stolpere über das Wort „sündig“, weil wir es so schnell moralisch verstehen, im Sinne von: ich bin ein schlechter Mensch. Das ist nicht gemeint. Gemeint ist: ich bin ein Mensch, der Gott braucht.

Ich glaube nicht, dass Lukas uns versprechen will: Wer auf Jesus vertraut, wird automatisch erfolgreich. Petrus selbst wird später scheitern, verfolgt werden und schließlich als Märtyrer sterben. Der wunderbare Fischfang ist deshalb keine Garantie für ein sorgenfreies Leben.

Er ist ein Zeichen. Er zeigt: Gottes Möglichkeiten sind größer als unsere Erfahrungen. Wo wir nur Grenzen sehen, eröffnet Gott neue Wege.

Petrus erkennt in diesem Augenblick: Jesus ist mehr als ein Lehrer oder Weggefährte. Er ist der Herr seines Lebens. Deshalb muss Petrus der Angst nicht länger das letzte Wort überlassen. Er ist den Kräften dieser Welt nicht schutzlos ausgeliefert. Auch wenn sein Weg schwer wird, geht Christus mit ihm. Das bedeutet: Da behält jemand einen gnädigen, einen liebevollen Blick auf mich. Gott stempelt mich nicht ab und wirft mir mein Versagen vor: Gott richtet mich auf und traut mir zu, dass ich einen anderen Weg finde.

Darum sagt Jesus als Erstes nicht: „Reiß dich zusammen.“ Oder: „Werde erst besser.“ Sondern: „Fürchte dich nicht.“

Das Evangelium beginnt nicht mit einer Forderung, sondern mit einer Zusage. Jesus beruft Petrus nicht trotz seiner Schuld, sondern gerade als den Menschen, der seine Schuld erkannt hat. Aus dem erschrockenen Fischer wird ein Jünger.

Was bedeutet das für uns?

Wahrscheinlich wird morgen niemand von uns alles stehen und liegen lassen, um Prediger zu werden. Aber wir können anders an unseren Arbeitsplatz gehen. Nicht mit der Erwartung, dass nun alles gelingt. Sondern mit dem Vertrauen, dass Christus mitgeht.

Vielleicht erleben wir keinen wunderbaren Fischfang. Vielleicht bleiben Krankheit, Sorgen oder Enttäuschungen. Aber wir müssen ihnen nicht allein begegnen. Unser Leben gewinnt seinen Sinn nicht dadurch, dass alles gelingt, sondern dadurch, dass wir Jesus Christus folgen.

Ein sinnvolles und in diesem Sinn erfolgreiches Leben beginnt da, wo wir auf Gottes Wort hin die Welt neu sehen und in der Tiefe ermutigende Erfahrungen machen. 

Am Ende sind die Jünger und die Menschen um sie herum andere geworden.

Die Geschichte endet erstaunlich. Die Jünger lassen den größten Fang ihres Lebens am Ufer zurück. Eben noch hätten sie mit diesen Fischen ein Vermögen verdienen können. Doch plötzlich ist ihnen etwas anderes wichtiger geworden.

Das ist das eigentliche Wunder dieser Geschichte: Nicht die vielen Fische verändern das Leben der Jünger, sondern die Begegnung mit Jesus. Wer ihm begegnet, entdeckt einen größeren Reichtum als den Erfolg.

Darum dürfen auch wir heute hören: „Fürchte dich nicht.“ Christus ruft uns nicht, weil wir erfolgreich wären. Er ruft uns nicht, weil wir vollkommen wären. Er ruft uns trotz unserer Angst, trotz unseres Scheiterns und trotz unserer Schuld. Und wer seinem Wort vertraut, wird vielleicht nicht immer erfolgreich sein – aber niemals ohne Hoffnung leben. Denn Christus geht mit.