5. Mose 7,6-12
6. Sonntag nach Trinitatis
Pastorin Kornelia Schauf
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen
5.Mose 7,6-12
Denn du bist ein heiliges Volk dem Herrn, deinem Gott. Dich hat der Herr, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. Nicht hat euch der Herr angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –, sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat der Herr euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten. So sollst du nun wissen, dass der Herr, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen. So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust.
Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der Herr, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat,
Liebe Gemeinde,
„Der Erwählte“, „die Erwählte“, das sind alte Worte für Braut und Bräutigam. Wer heiratet hat jemanden erwählt.
Es ist ein schönes Wort, das von großer Liebe spricht und es bezeugt den festen Willen, ein Leben lang zusammen zu sein.
Es ist ein altes Wort aus der Zeit, wo Ehen ein Leben lang halten sollten. Und ja, manchmal, wenn die Erwählten dann ihr Hochzeitsfest feierten, gab es den Einen oder die anderen, die vielleicht auch gerne an der Stelle gewesen wäre.
Doch „erwählt“ bedeutet jemanden mit großer Liebe in sein Leben zu lassen und sich gegenseitig zu versprechen: treu zu sein in guten und schlechten Tagen.
Erwählung bedeutet nicht, dass man den besten Mann oder die perfekte Frau der Welt ausgesucht hat. Der Erwählte und die Erwählten haben gar nichts Außergewöhnliches, im Maßstab der Welt vorzuweisen. Er und sie sind nicht in einem objektiven Vergleich überzeugende Sieger, sondern was sie auszeichnet: sie werden besonders geliebt.
Das bedeutet umgekehrt auch, alle nicht Erwählten sind schlechtere Menschen.
Nachdem wir uns das bewusst gemacht haben, schauen wir uns an, was es mit der Erwählung Israels auf sich hat. Da gibt es Vergleichbares. Doch immer und immer wieder höre ich den Einwand: „Israel ist doch nicht besser als alle anderen Völker!“ Nein, Israel ist nicht besser. Gerade tut Israel alles, um den letzten Menschen davon zu überzeugen. Schrecklich, zu welchen Gräueltaten Israel fähig ist.
Israel ist nicht besser. Israel ist erwählt. Gott hat sich ein Volk gesucht. Und erstaunlicherweise, so wird es erzählt: Gott suchte das kleinste Volk. Gott hat sich eine Gruppe entlaufener und befreiter Sklaven ausgesucht, die heimatlos und ohne Hoffnung sind.
Gott erwählt ein Volk, das noch ohne Herrscher ist. Gott sucht sich eine Gruppe von Menschen, deren Anführer Mose bald sterben wird.
Die Erwählung Israels ist eine Liebeserklärung eines Gottes, der nicht auf Macht und Gewalt setzt, sondern der Freiheit und Barmherzigkeit groß schreibt.
Ja, schon an dieser Stelle wende ich ein: Wer erwählt ist und so geliebt, hat manchmal den Eindruck, dass doch die ganze Welt es sehen muss, wie besonders man ist.
An ihrem Hochzeitstag sind Braut und Bräutigam oft so ausstaffiert, dass man sie kaum noch erkennt. Sie sehen aus wie junge Adelige, wie Luxuskinder. Heute mehr denn je: ausstaffiert und aufgeputzt. Sie machen etwas her, was sie gar nicht sind. Sie erwecken den Eindruck: Wir sind die Schönsten und die Reichsten und die Besten.
Und diesen Wunsch gab und gibt es auch immer schon in Israel: Wir wollen kein kleines Volk sein, wir wollen groß werden: Unzählbar. Wir wollen stark werden, so stark wie die Nachbarnationen. Ja, das hat es gegeben und gibt es. Selbst Jesus wurde von solchen Wünschen belagert: Macht ihn zum neuen, zum mächtigsten König aller Zeiten. Judas war felsenfest überzeugt davon.
Es hilft, wenn wir den heutigen Abschnitt etwas genauer anschauen, um zu verstehen: Das ist gerade nicht gemeint. Die Erwählung geht nicht einher mit einer Ermächtigung die stärksten und besten zu werden. Die Erwählung geht einher mit der Aufgabe: an der Beziehung zwischen Gott und Israel soll sichtbar werden, was für ein Gott Gott ist.
Israel ist nicht erwählt, damit es das großartigste Volk wird. Israel ist erwählt, damit die Welt Gott erkennen kann.
Und in diesem Sinn sind wir als Christen später hinzugekommen. Wir Christen sind nicht die beste Religion oder die vorbildlichsten Menschen. Wir sind vor allem keine besseren Menschen. Aber an uns Christen, wie an Israel lässt Gott die Welt erkennen, was Liebe ist – denn das ist Gott.
„Weil Gott euch geliebt hat, hat er euch erwählt“
Die Erwählung der einen bedeutet nicht die Ablehnung der anderen!
Die Erwählung ist das Versprechen eines ewigen Bundes, in dem die Liebe stärker ist und bleibt, als alles, was in dieser Beziehung geschieht.
Das wird für Menschen in Gesellschaften, in denen Partnerschaften immer weniger etwas mit einmaliger Erwählung zu tun haben, sondern mit bequemer Lebensabschnittsgesellschaft immer schwerer zu verstehen sein.
Gottes Liebe ist mit einer Treue und Loyalität, mit einer zeitlichen Ungebundenheit, mit grenzenloser Zuwendung verbunden – das ist göttliche Liebe. Es ist die Liebe, die nichts aufrechnet und sich nicht aufspielt. Das ist die Liebe, die Paulus im 1. Korintherbrief lobt und preist. Das ist eben nicht die menschliche Liebe, die scheitert und an Grenzen kommt und in der Trennung möglich ist. Das ist in Gottes Liebe undenkbar. Nichts kann uns trennen von der Liebe Gottes. Weder Israel noch uns.
Und ja, man möchte meinen, dass besonders geliebte Menschen auch besonders fröhliche und friedliche Menschen sind. Man denkt, geliebte Menschen müssten doch besonders höfliche und auch zufriedene Zeitgenossen sein. Man wünscht sich, dass geliebte Menschen diese Liebe weiter geben und ausstrahlen.
Das alles geschieht auch – und dann wieder geschieht auch das Gegenteil – als hätten wir die Liebe nicht mehr.
Menschen vergessen, wie geliebt sie sind.
Menschen vergessen, wie treu Gott ist.
Menschen sind so mit sich beschäftigt, so gefangen in der Welt, dass sie ihren Gott vergessen und seine Liebe nicht mehr wahrnehmen.
Nicht Gott vergilt dieses Vergessen mit Hass. Da wird Gott etwas in die Schuhe geschoben, was vielmehr etwas über seine Menschen, sein Volk aussagt. Wo wir die Erwählten vergessen, wie sehr Gott uns liebt – da entsteht Raum für alles sogenannte Menschliche, das eigentlich unmenschlich ist. Da, wo Gottes Liebe ignoriert wird und ihr keine Bedeutung beigemessen wird, wo Gottes Liebe zu einem gemütlichen Wohlfühlgefühl am Sonntag reduziert wird, da entsteht Raum für alles, was dieser Liebe widerspricht: Angst und Hass und Gewalt und Gräueltaten.
Deshalb feiern wir diesen 6. Sonntag im Kirchenjahr und verbinden den Gedanken an die Liebe, die ewige und zeitlose Liebe Gottes mit der Taufe.
Ein für allemal sind wir aufgenommen in die christliche Familie: erwählt, um Gottes Liebe, seine Treue und Barmherzigkeit in der Welt zu bezeugen.
Wir die Kleinsten und Schwächsten haben eine große Aufgabe: Durch uns soll Liebe spürbar werden. Wir sind Gottes Zeugen in der Welt.
Doch wieder und wieder geschieht es, dass wir zu sehr mit uns beschäftigt sind, mit unseren Zweifeln, unseren Sorgen, unseren Beziehungen, unseren weltlichen Aufgaben. Wir leben so, als wären all diese Bereiche getrennt von dem, was wir sind: Erwählte. Wir leben so, als hätten wir vergessen, dass wir eine Berufung haben.
„Haltet die Gebote. Orientiert euch am Wort Gottes. Lasst die Liebe kräftig in euch und unter euch wirken!“
So einfach und so schwer!
„Erwählte Gottes“ sind Menschen, die eine liebevolle Haltung einnehmen. Immer und überall.
Wunderbar und verheißungsvoll: Dieser Bund bleibt auf Gottes Seite bestehen. Wir gehören noch immer zu ihm. Nicht als Sklaven, die jemandes Eigentum geworden sind, sondern als freie Männer und Frauen, die eingeladen sind, ihr Leben Gott zu schenken und seine Liebe mit Liebe zu erwidern.
Ach, was sind wir oft für törichte Gestalten, die an Gottes Liebe zweifeln. Was fällen wir für törichte Urteile, wenn alles, was bei uns Christen schief läuft und was Israel der Welt schuldig bleibt als Grund nehmen, Gottes Erwählung in Frage zu stellen.
Den Abschnitt heute aus dem 5.Buch Mose lese ich viel mehr als Einladung zu einem Leben in Liebe: Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe: in Gott.
Lasst uns das feiern nicht aufpoliert und protzig als wären wir die Schönsten und Besten und Größten, sondern bescheiden und demütig und dankbar für die Liebe Gottes, die er uns jeden Tag erweist, als die Erwählten Gottes.
Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen
