Predigten - 2026

Hebräer 13,1-3



7. Sonntag nach Trinitatis

Pastorin Kornelia Schauf


Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

Hebräer 13,1-3


1 Bleibt fest in der geschwisterlichen Liebe.

2 Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.

3 Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil ihr auch noch im Leibe lebt.


Liebe Gemeinde,

Wer diesen Brief geschrieben hat, weiß Gott allein. Aber wir wissen: Er wurde an eine Gemeinde geschrieben, die müde geworden war. Eine Gemeinde, die lange durch ihre Nächstenliebe geglänzt hatte. Sie hatten vieles ertragen, etwa, dass ihnen ihr Besitz genommen wurde. Sie hatten sich um Gefangene gekümmert, mitfühlend und solidarisch. Doch nun ging ihnen der Mut verloren. Wie sollen wir das alles noch schaffen?

In dieser Frage steckt nicht nur die Angst, an äußere Grenzen zu stoßen, sondern auch die Sorge, dass der eigene Glaube schwächer wird.

Alles, wozu sie in Kapitel 13 ermutigt und ermahnt werden, hat sie lange ausgezeichnet. Es ist nichts Neues – aber die Begeisterung und Kraft sind kleiner geworden.

Schon in Kapitel 10 heißt es: „Werft euer Vertrauen nicht weg.“ Und: „Geduld habt ihr nötig!“ Eine wichtige Erinnerung, damals wie heute.

Vielleicht geht es heute Morgen einigen unter uns ähnlich: Müde, erschöpft, der Glaube, der einmal so lebendig war, fühlt sich schwach an. Wie sollen wir das noch schaffen?

Erschöpfung begegnet uns in ganz unterschiedlichen Lebensphasen – und sie ist längst kein individuelles Problem mehr. Weltweit wird Erschöpfung für viele zu einer Art neuem Lebensgefühl, ja, manchmal scheint sie wie ein Grundrauschen unserer Zeit. In Deutschland etwa schätzen laut einer repräsentativen Umfrage 61% der Beschäftigten ihr „Burn-out-Risiko“ als mittel bis hoch ein. Eine Familienstudie der R+V Versicherung fand heraus: 80% junger Familien fühlen sich durch Dauerstress und Belastung an ihre Grenzen gebracht.

Und dieses Gefühl macht nicht an Landesgrenzen halt: Laut einer Ipsos World Mental Health-Studie berichten über 70% der Südafrikaner, in den letzten Jahren Stress erlebt zu haben, der sie kaum noch bewältigen konnten. Besonders sichtbar wird das im Gesundheitswesen: An einem der größten Krankenhäuser Johannesburgs zeigten in einer aktuellen Untersuchung über 51% der Pflegekräfte deutliche Burnout-Symptome – starke emotionale Erschöpfung und das Gefühl, kaum noch etwas leisten zu können.

Vielleicht sitzen auch heute Morgen einige hier, die sich darin wiederfinden:

Junge Eltern – voller Freude über ihre Kinder, und doch gibt es Momente, in denen sie sich fragen: Wann darf ich einmal durchatmen? Wie schaffen wir das?

Oder denen, die ihr Leben lang für Gemeinde und Kirche da waren. Vieles war erfüllend – aber was davon bleibt wirklich bestehen?

Und auch beim Blick auf unser Land mag Erschöpfung aufkommen. Menschen, die sich für ein freies Südafrika eingesetzt haben, sehen heute fassungslos, wie Fremdenfeindlichkeit und Gewalt Geflüchtete und Hilfesuchende aus Nachbarländern vertreiben.

Immer mal wieder überwältigen uns diese Herausforderungen. So stelle ich mir die Gespräche unter den Christen vor, die den Hebräerbrief empfingen. Die größte Gefahr war wohl die Angst: Werden wir auch noch verfolgt und eingesperrt? Wird uns noch mehr genommen? Es war eine Zeit der Christenverfolgung.

In diese Unsicherheit, mitten in die Erschöpfung, schreibt der unbekannte Verfasser – ich lese es noch einmal:

Hebräer 13,1-3
Bleibt fest in der geschwisterlichen Liebe. Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil ihr auch noch im Leibe lebt.

Bleibt fest in der Phil-adelphía, vergesst die Philo-xenía nicht.

Werfen wir einen Blick auf die Worte: Philos meint die Liebe von Mensch zu Mensch – anders als Eros, die körperliche Liebe, und Agape, die göttliche Liebe. Phil-adelphía, die Liebe zu den Brüdern und Schwestern im Glauben, und Philo-xenía, die Liebe zu den Fremden – das zeichnet christliche Gemeinschaft aus.

Adelphos bedeutet Bruder; hier ist nicht der leibliche Bruder oder die Schwester gemeint, sondern die Glaubensgeschwister. Damit erweitert sich die Freundlichkeit über die eigene Familie hinaus bis hin zu allen, die zur Gemeinschaft gehören – und geht dann noch weiter zu den Fremden.

Heutzutage kennen wir das Wort Xenophobie – Fremdenangst – viel besser als Philoxenie, die Liebe zum Fremden. Sie stehen sich gegenüber wie Licht und Schatten.

Der Verfasser erinnert daran, was den christlichen Glauben ausmacht: Die Liebe zu den Mitmenschen, zur Familie, zu den Glaubensgeschwistern und zu den Fremden. Und auf geschickte Weise erinnert er an alte Geschichten: Manch einer hat schon Engel beherbergt – wahrscheinlich ist Abraham gemeint (vgl. Genesis 18). Abraham öffnete drei unbekannten Männern in Mamre die Tür. Sie überbrachten ihm eine hoffnungsvolle Nachricht: Abraham soll Vater werden. Seine Gastfreundschaft wird mit der Geburt Isaaks belohnt.

Auch Abrahams Neffe Lot beherbergt Engel, die ihn schließlich vor dem Untergang von Sodom retten.

Gastfreundschaft ist nach dem Hebräerbrief also: Liebe zu den Glaubensgeschwistern und Liebe zu den Fremden. Gastfreundschaft öffnet die Tür zu Gottesbegegnungen. Offenheit, Bereitschaft, Herz und Haus zu öffnen, birgt die Verheißung: Es könnten Engel sein. Es könnte unser eigenes Verstehen von Himmel und Gott berühren.

Die Ermutigung des Briefes ignoriert die Erschöpfung nicht, sondern lädt uns ein, neue Kraft und Hoffnung aus der Liebe zu schöpfen. Der Schreiber versteht, dass diese Gemeinde müde ist. Er zählt alles auf, was dazu führt. Er akzeptiert ihre Zweifel, nimmt wahr, wie klein ihr Glaube geworden ist – aber er macht keinen Vorwurf. Er sagt nicht: „Was ist aus euch geworden?“ Sondern er lebt vor, was er rät: Bleibt in der Liebe. Nicht mehr und nicht weniger.

Bleibt in der Liebe – gerade jetzt, wo es schwerfällt. Fangt nicht an, euch gegenseitig Vorwürfe zu machen oder euch über andere zu stellen. Was wollen die jungen Eltern eigentlich – das haben wir doch früher auch geschafft? Oder umgekehrt: Die Älteren sollen sich nicht so anstellen – sie hatten doch ihre Zeit. Das alles wäre das Gegenteil von geschwisterlicher Liebe.

Und ebenso: Sucht keine Sündenböcke in der Gesellschaft. Wie schnell sind die Fremden schuld – ein uraltes Muster, das zu nichts Gutem führt, sondern zu Hass, Ausgrenzung, Krieg und Leid. Es gibt keinen Ort auf dieser Welt, wo die Vertreibung von Fremden zu einem besseren Leben geführt hat.

Bleibt in der Liebe: In der Liebe werden Probleme nicht ignoriert oder schöngeredet. Aber in der Liebe ist kein Platz für Sündenböcke oder Schuldzuweisungen. In der Liebe entsteht ein „Wir“: Wie sind wir füreinander da, wie bewältigen wir gemeinsam schwere Zeiten?

Denkt an die Mitgefangenen! Einige sind tatsächlich eingesperrt, nicht wegen Verbrechen, sondern wegen ihres Glaubens. Sich selbst als Mitgefangene zu begreifen heißt: Es hätte auch mich treffen können.

Denkt an die Misshandelten, denn auch wir leben noch im Leib – auch wir sind verletzlich. Solidarität heißt, die Not des anderen nicht abzutun, sondern sich zu verbinden – miteinander, in der Liebe.

Mit dieser Haltung können wir Gemeinde sein – im Großen wie im Kleinen. Die Pfadfinder verkaufen Suppe, wir laden ein zu Tischlein deck dich, zum Gemeindefest, zum Weihnachtsmarkt – viele gastfreundliche Veranstaltungen prägen unser Jahr. Aber manchmal genügt schon ein einfaches Gespräch nach dem Gottesdienst, eine Einladung zum Kaffee oder das offene Ohr für einen Fremden. Solche kleinen Gesten können Großes bewirken.

Warum tun wir das alles? Die Antwort ist einfach: Es zeigt, dass wir in der Liebe bleiben. Es zeigt, dass wir vertrauen: Dort, wo wir Gastfreundschaft üben, kann es geschehen, dass wir Engel beherbergen, die uns Zukunft eröffnen.

Möge Gott uns immer wieder neu Kraft und Mut schenken, in der Liebe zu bleiben – für Geschwister, für Fremde, für alle Menschen.

Der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.