Predigten - 2026

Johannes 9,1-7



8. Sonntag nach Trinitatis

Pastorin Kornelia Schauf


Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

Johannes 9,1-7


1 Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war.

2 Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist?

3 Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm.

4 Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann.

5 Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.

6 Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden

7 und sprach zu ihm: Geh zu dem Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.


Liebe Gemeinde,

Zunächst etwas Allgemeines zum Verstehen von Geschichten: 

das ist eine von den Bibelgeschichten, die es in sich hat. Und es ist eine Geschichte, die sehr unterschiedlich gelesen und gehört wird. Denn, da geht es einerseits um das Vordergründige – das, was jeder sieht und sich dazu auch eine Meinung erlaubt. Und dann geht es anderseits noch mindestens eine Ebene tiefer.

Was meine ich damit.
Dazu habe ich euch ein Bild mitgebracht: Vordergründig ist eine Frau zu sehen. Jeder kann sich eine Meinung machen, ob sie ihm gefällt oder nicht.

Hintergründig seht ihr aber das Meer. Auch dazu hat jeder seine eigene Ansicht. Und nun wird aus zwei Dingen eins: und dann gibt es noch mehr zu entdecken, zu fragen und zu verstehen.

„So ist es mit vielen Bibelgeschichten. Sie erzählen auf zwei Ebenen. Johannes lädt uns ein, beides wahrzunehmen und zusammenzusehen. Erst dann erschließt sich ihre tiefere Bedeutung."

Nun zum Vordergrund unserer heutigen Geschichte
Vordergründig geht es um die Heilung eines blinden Mannes. 

Sein Schicksal: er war blind von Geburt an. Dieser Mann kennt es nicht anders, er kann mit seinen Augen nichts erkennen. Er nimmt die Welt eingeschränkt wahr.

Vordergründig hören wir dann, dass Jesus diesen Menschen durch wundersame Worte und Taten heilt.

Das Vordergründige löst Fragen aus damals und heute: Damals zunächst die Frage: Wer ist schuld daran, dass dieser Mann blind ist?

Das ist die Frage der Jünger. Es muss doch einen Grund geben für das Leiden und die Eingeschränktheit dieses Mannes. Interessanterweise ist es keine medizinische Frage, sondern eine Frage nach dem Zusammenhang von Körper und Seele?

Heute tauchen auch Fragen auf, wenn wir die vordergründige Geschichte hören: Von einer amerikanischen Theologin, die selbst eingeschränkt ist, zwar nicht blind, sondern ein Bein amputiert hat, kam der krasseste Einwand: Solche Wundergeschichten sind für alle, die nicht gesund sind ein Terror. Man sollte die Geschichten aus der Bibel nehmen.

Da ist jemand also ganz mit dem Vordergrund und nur mit sich beschäftigt. Solche starken Reaktionen will ich nicht abwerten – doch ich wiederum verstehe sie so: dass jemand ganz im Vordergrund bleibt.

Doch, um den Vordergrund so zu verstehen, wie Johannes es erzählt, müssen wir auch den Hintergrund wahrnehmen: Im Hintergrund ist also das erste Jahrhundert nach Jesus, wo Juden und Christen und Griechen versuchen Gott und ihre Welt zu verstehen.

Da ist einerseits die Frage nach Krankheit und Einschränkung. Jesus bezieht eindeutig Stellung: Niemand ist schuld. Weder die Eltern noch der Mann selbst. Damit greift er Gedanken auf, die damals weit verbreitet waren. Gedanken, der eigenen jüdischen Religion: Gott straft bis in die dritte und vierte Generation. Gott als Ursache von Leid. Das war eine Erklärung.

Jesus widerspricht dieser Erklärung. Nein. Niemand ist schuld. 

Ich frage mich, was das für den blinden Mann bedeutet haben muss. Vielleicht war es das erste Mal in seinem Leben, dass ihm jemand nicht erklärte, warum er blind sei. Nicht fragte, wer schuld ist. Nicht über ihn sprach. Sondern ihn einfach ansah. Wie befreiend muss das gewesen sein: Da steht einer vor mir, der mich nicht auf mein Schicksal reduziert. Einer, der in mir einen Menschen sieht. Ich glaube, genau so beginnt Heilung.

Damit entwickelt er seinen Glauben weiter. Er befreit seine Zuhörer: Nur weil etwas schon lange so „falsch“ ausgelegt und gedacht wurde, müssen wir nicht damit weiter machen.

Ich entdecke hier etwas, das bis heute wichtig ist: Jesus löst sich von einer überlieferten Deutung des Leidens. Darin liegt für mich auch die Freiheit, Glauben und neue Erkenntnisse nicht gegeneinander auszuspielen.

Doch Johannes geht noch tiefer. Es geht nicht nur darum zu sagen: So ist Gott nicht. Gott ist kein strafender Gott. Sondern Johannes will auch erzählen, wie Gott in der Welt ist und wie er, Johannes Gott und Jesus Christus versteht. 

So sehr es um das individuelle Schicksal dieses Mannes geht. An ihm und wie Jesus ihm begegnet wird noch viel mehr sichtbar. 

Dieser Mann, der blind geboren ist und die Welt nicht vollends erkennen kann steht für uns alle: Johannes benutzt die Blindheit dieses Mannes als Bild dafür, dass wir Menschen Gottes Wirklichkeit zunächst nicht erkennen. Wir erkennen alle nur stückhaft.

Durch das Evangelium von Johannes zieht sich das als roter Faden: Die Welt, die dunkel ist und Gott nicht erkennt – und darin ein Gott, der Licht ist und aufleuchtet. Mitten im Evangelium spitzt Johannes das in dem bekannten Satz zusammen: „Jesus Christus spricht: Ich bin das Licht der Welt – wer mir nachfolgt, wird nicht länger im Dunkeln tappen, sondern das Licht des Lebens haben.“

Und nun wieder zurück zu unserer Geschichte, die ich heute als vordergründiges und hintergründiges Bild versuche zu erklären, um euch etwas sichtbar zu machen. 

Da gibt es nämlich noch sehr interessante Details mit tiefer Aussagekraft.

Nachdem Jesus deutlich Stellung genommen hat: Gott ist kein strafender Gott, spricht er nicht von Gott, sondern er zeigt wie er, Jesus Gott erlebt und versteht.

Da kommt die für einige etwas eklige Handlung: Spucke und Erde werden vermischt.

Das hatte für die Leser der damaligen Zeit nichts Ekliges. Keineswegs.
Damals verstanden die Umstehenden sofort: Hier wiederholt sich die Schöpfung. Was Jesus hier tut erinnert an die Erschaffung des Menschen, wie sie in Kapitel 2 im ersten Buch Mose beschrieben ist: Gott nahm eine Handvoll Erde und blies seinen Atem hinein.

In der Spucke, im Speichel, so wurde in der Antike gedacht, steckt die Lebenskraft eines Menschen. Alle Lebenssäfte übertragen den Geist und die Kraft. Jesus gibt sich selbst hier. Er versteht sich in der Nachfolge des Schöpfers. In Jesus, so sagt Johannes wird die Welt neu erschaffen. Wieder werden Dunkelheit und Licht getrennt. Tag und Nacht werden voneinander unterschieden. 

Zur Nacht, zur Verdunklung Gottes gehört das Denken, dass Gott als Verursacher von persönlichem Leid versteht.

Jesus sagt: Niemand ist schuld. Das ist die befreiende Botschaft. Der folgende Satz wurde unterschiedlich übersetzt und ausgelegt. Man könnte meinen, Gott habe die Blindheit dieses Mannes gewollt, um später seine Macht zu zeigen. Doch Johannes erzählt die Geschichte anders. Nicht das Leid offenbart Gott, sondern Jesu Zuwendung zu diesem Menschen. Wo Jesus handelt, wird Gottes schöpferische Liebe sichtbar.

Also brauchen wir noch eine weitere Information: im jüdischen Denken ist tief verankert: Was einem geschieht, geschieht uns allen. Wenn einer sehend wird, sehen wir alle.

Das wiederum ist bildlich gemeint.

Was sehen wir alle dadurch, dass dieser Mann sehen kann: Es ist ein Wunder! Die persönliche Begegnung von Gott und Mensch, das Erkennen Gottes bleibt ein Wunder, das ohne unser Zutun geschieht. Das ist Gnade. 

Die Begegnung mit Gott bleibt ein Wunder. Wo sein Schöpfergeist wirkt, verändert sich unser Blick auf die Welt. Wir erkennen neu, was Licht und was Finsternis ist.

Ein weiteres Fragment dieses Bildes schaue ich mir an: Geh zum Teich Siloha, das heißt „gesandt“ und wasche dich.

Die Heilung geht von Jesus aus: Unser Glaube, unser Vertrauen ist und bleibt ein Geschenk – ein Geschenk, das in Bewegung setzt.

Der Teich Siloha war bekannt als „Quellen lebendigen Wassers!“ Auch das ist etwas, was sich im Johannesevangelium durchzieht. Jesus ist nicht nur Licht der Welt, sondern in Johannes 7 steht: Jesus spricht: Wen da dürstet nach Leben, der komme zu mir und trinke. Wie die Schrift sagt: aus seinem Leibe werden Ströme des lebendigen Wassers fließen.


Das ereignet sich hier: Jesus gibt sich, seinen Lebenssaft und die alte Tradition von den Lebendigen Quellen wird nicht außer Kraft gesetzt, sondern erneuert.

Der Mann wird nicht eben nur vordergründig geheilt und sehend. Er wird ein Gesandter: ein Bote Gottes.

Die eingeschränkte Sicht von uns Menschen ist unsere Beschäftigung mit dem Vordergründigen: Was wir alles als bedeutend finden und womit wir uns das Leben auch sehr schwer machen: Wie schnell bleiben wir im Vordergründigen verhaftet: Mit der Welt, in der wir nur Gast sind. Vielleicht kennen wir solche Momente. Da schauen wir nur noch auf unsere Sorgen, auf Diagnosen, auf Konflikte oder auf das, was uns misslungen ist. Dann wird unser Blick eng. Wir sehen nur noch das Vordergründige. Und manchmal genügt ein Mensch, ein Wort oder ein Erlebnis, damit plötzlich etwas anderes sichtbar wird. Nicht, weil alle Probleme verschwunden wären, sondern weil wir merken: Gott ist längst da. Das ist wie ein Lichtstrahl, der durch einen dunklen Raum fällt.

Wunderbar, dass erzählt die Geschichte, wem Augen und Herz für die geistliche Welt geöffnet werden: wer die Zusammenhänge neu erkennt: wer im Vordergründigen das Wirken Gottes erkennt und dadurch ein tiefes Vertrauen lernt. Nicht nur Vertrauen lernt, sondern seine Bestimmung erkennt: Gesandter in der Welt zu sein.

Überlegt mal, was das in eurem Leben ändern würdet, wenn damit als erstes und wichtigstes beschrieben ist, wer ihr seid: geheilte Menschen, weil ihr mit Gott eins seid – geheilt und in die Welt gesandt. Wo ihr seid, leuchtet Gott auf! Es wird sichtbar, dass wir nicht der Dunkelheit und unserer beschränkten Sicht ausgeliefert sind. 

Als Gesandte Gottes leben und wirken wir in der Welt – wir beten und arbeiten in einer erblindeten Welt und freuen uns über jeden Moment, wo die Schönheit Gottes aufleuchtet, und seine heilsame Schöpferkraft wirkt.

Nein, ich möchte diese Geschichte nicht aus der Bibel entfernen. Ich möchte sie wieder und wieder lesen und an ihren Widersprüchen und ihren Fragen wachsen.


Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.