Predigten - 2026

Röm 9, 1 -5



10. Sonntag nach Trinitatis

Pastorin Kornelia Schauf


„von wunderbar gedeckten Tischen und vom gemeinsamen Essen im Reich Gottes“


Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

Liebe Gemeinde, 

„Tischlein, deck dich!“

Das ist nur der erste Teil des Titels. Das Märchen heißt vollständig: Tischlein deck dich, Goldesel und Knüppel aus dem Sack.

Erinnert ihr euch an die Geschichte? Ein armer Schneider hatte drei Söhne. Nette Burschen. Zuverlässige, treue Kerle. Und sie hatten eine Ziege, ein hinterlistiges, dummes Tier. Doch der Ziege verdankten sie Milch und Käse. Sie musste also gut gehütet werden.

Die Söhne taten das vorbildlich. Doch die Ziege erlaubte sich einen gemeinen Spaß. War sie satt, sagte sie zunächst: Mäh, Mäh, ich bin so satt, ich mag kein Blatt.

Aber wurde sie dann nach Heimkehr vom Schneider gefragt, beklagte sie sich bitterlich:

Wovon soll ich satt sein. Ich sprang nur über Gräbelein und fand kein einzig Blättelein.

Der Vater vertraut der Ziege mehr als seinen Söhnen. Er verstößt sie einen nach dem anderen.

Ein trauriger Schneider bleibt zurück.

Das Ergebnis, wenn man nicht weiß, wem man vertrauen kann.

Die Söhne ziehen in die Welt. Sie lernen unterschiedliche ordentlich Berufe: Tischler und Müller und Drechsler.
Am Ende ihrer Gesellenzeit bekommen sie alle „magische Geschenke“.
Ein Tisch, der sich von selber deckt. Ein Esel, der Gold spuckt. Ein Knüppel im Sack, der zur Verteidigung eingesetzt werden kann.

Doch bevor sie mit diesen kostbaren, hart erarbeiteten Geschenken sich wieder zum Vater zurück trauen, kehren sie alle bei einem Wirt ein.
Ein Gastwirt, der das Vertrauen seiner Gäste missbraucht. Ein Mann, der gierig ist und alles haben will, was er bei anderen sieht. 

Er stielt den Tisch und den Esel in einem gemeinen unentdeckten Tausch. Die Söhne kehren zwar zurück, kommen sich aber nun selbst wie Betrüger vor, als sie die Geschenke ihrem Vater vorführen möchten.

Da kommt der dritte Sohn ins Spiel. Er wurde vorgewarnt: Pass auf, der Wirt ist nicht ok.

Und er sorgt für wohltuende Gerechtigkeit – der Knüppel kommt aus dem Sack und verprügelt den bösen Wirt.

Am Ende ist die Familie wieder vereint, die Integrität der Söhne wieder hergestellt, der Frieden eingekehrt – Glück und Geborgenheit breiten sich aus.

Die Geschichte wirft ähnliche Fragen auf, wie wir sie aus biblischen Geschichten kennen.
Die Fehleinschätzung des Vaters: Das Misstrauen gegenüber seinen Söhnen zerstört die gute Ordnung. Der Vater hat sich getäuscht. Er hat einen großen Fehler gemacht. So wie im richtigen Leben.

Fehler, die die Familie auseinandertreiben: Abraham macht so einen Fehler, Isaak ebenfalls. David…. Und wir kennen es aus eigenen Familien auch: ganze Familien und schlussendlich auch ganze Völkerfamilien werden auseinandergetrieben: Weil Menschen Fehler machen.
Unrecht geschieht.

Und eines ist deutlich: es braucht lange, bis die Ordnung wiederhergestellt wird.

An der Stelle leuchtet für mich der Satz auf: „Gott, du deckt einen Tisch im Angesicht meiner Feinde!“ Psalm 23.

Wir glauben nicht an Magie und magische Geschenke. Wir Christen erfahren und erleben, dass uns neues Vertrauen geschenkt wird durch Gott und durch seinen Sohn, Jesus Christus.

Die Essengeschichten in der Bibel sind Geschichten, in denen Vertrauen zwischen Gott und den Menschen und zwischen Menschen neu entsteht.

Denkt an das Manna in der Wüste: Die müden und mürrischen Juden auf einem Weg durch die Wüste, verloren Vertrauen in ihren Befreier und Gott. 

Sie waren hungrig – körperlich und seelisch.

Gott stiftet neues Vertrauen, indem er ihnen jeden Tag zu essen gibt.

Elia bei der Witwe in Sarepta: Ihr Glaube ist zerstört, ihr Sohn stirbt. Da kommt der Prophet und will zu essen. Sie hat Angst, selbst nicht genug zu haben. Sie hat kein Vertrauen in die Zukunft.
Da segnet Elia den Mehltopf und den Ölkrug: Das Mehl im Topf soll nicht vergehen und dem Ölkrug soll nicht mangeln (1.Könige 16,17)

Das Vertrauen wird hergestellt – der Sohn lebt.

Und wir gehen weiter ins Neue Testament: Jesus selbst als Brot des Lebens: Wieder geht es darum, dass neues Vertrauen in den ewigen Gott gestiftet wird.

Auch als Jesus bei Sündern einkehrt geht es um Wiederherstellung von Vertrauen. Sie werden aus dem Bösen erlöst und werden wieder Menschen, denen man vertrauen kann.

Und schließlich beschäftigt sich auch Paulus ausführlich mit gedeckten Tischen der Gemeinde Korinth.

Und in jedem Abendmahl wird der Tisch für uns gedeckt. Durch die Vergebung der Sünden wird uns neues Vertrauen geschenkt: in die Kraft Gottes; in uns selbst und in die Zukunft.

Am Tisch des Herrn erfahren wir, dass wir frei werden und neu anfangen.

Im Tischlein deck dich wird das Thema Gerechtigkeit auch durch neues Vertrauen gelöst, aber leider auch durch den Knüppel aus dem Sack.
An dieser Stelle unterscheidet sich die Bibel: Gerechtigkeit ist keine Rache und sie geschieht nicht durch menschliche, sondern durch Gottes Gewalt.

Ob wir das Gott wirklich zutrauen? Ob wir den Mut haben, an dem Gedanken eines gerechten und glücklichen Zusammenlebens festzuhalten, ohne alle zu verprügeln, die Unrecht tun.
Ja, manchmal wünsche ich mir auch diese schnelle und unmittelbare Lösung – doch unser Glaube verbietet es: Denn da kommt gegenüber dem Feind nicht der Knüppel aus dem Sack, sondern da wird im Angesicht des Feinds der Tisch gedeckt.

Der Bösewicht soll Platz finden an diesem Tisch!

Vielleicht ist und bleibt das eine der großen Zumutungen unseres Glaubens. Gott holt nicht den Knüppel aus dem Sack, wenn Unrecht geschieht. Stattdessen deckt Gott einen Tisch.

Und es bleibt eine Verheißung, wie in der Lesung von Jesaja: dass Gott eines Tages für alle Völker ein Festmahl vorbereitet und alle dort Platz haben.

Ein Tisch, an dem Versöhnung geschieht und wir schmecken und sehen, wie freundlich Gott ist. 

Der Glaube ist Zumutung und er fordert Mut. Den Mut, sich eine Gerechtigkeit vorzustellen, die ohne Vergeltung auskommt. Eine Gerechtigkeit, die dem Schmerz gerecht wird und doch das Böse nicht mit Bösen beantwortet.

Das ist schwer – manchmal zweifle ich und verzweifle an der Ungerechtigkeit der Welt. Doch immer, wenn ich am Tisch Gottes Platz nehme, dann wird mir Hoffnung geschenkt, dass Gottes Gerechtigkeit nicht erst am Ende alles gut macht, sondern wir sie schon jetzt hier und da schmecken und fühlen.

Und vielleicht ist das das größte Wunder, das Gott uns schenkt: nicht ein Tischlein, das sich von selbst deckt, sondern den Mut, ihm jeden Tag neu zu vertrauen.

Wir bekommen von Gott keine magischen Geschenke, doch wir beten: gib uns unser tägliches Brot und die Kraft jeden Tag Böses mit Gutem zu überwinden. 

Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen