Lukas 18, 9-14
11. Sonntag nach Trinitatis
Predigt von Pastor i. R. Hans Martin Heins aus „Leben mit Jesus“ und von Dr. Almuth Märker, Prädikantin an St. Thomas.
Liebe Gemeinde,
Wer kennt wohl nicht Menschen, die sich so richtig gut selbst darstellen können?
Egal wo sie sind, sie zeigen ständig, wie toll sie sind und was sie so Großartiges tun. Vielleicht wird in einer Runde erzählt wieviel Gutes man schon wieder getan hat in der vergangenen Woche; wo sie sich immer wieder einsetzen und dass alles dann so wunderbar klappt. Und dass es deswegen so vielen in der Gemeinde gut geht. Solche Menschen können richtig anstrengend sein und nerven – und vielleicht neidisch machen.
Nur gut, dass wir anders sind: bescheiden, demütig, wir prahlen nicht, erkennen unsere Schwächen und Fehler und stehen gerne im Hintergrund – oder?
Dabei tun die anderen nur das, was heute propagiert wird: Unternehmensberater empfehlen „Tue Gutes und rede darüber!“; jede Werbung preist so ihre Ware an, und auch den Kirchen wird mehr Selbstdarstellung empfohlen.
Predigttext aus Lukas 18, 9-14
Wie kann man nur so hochmütig sein?! Doch Vorsicht: Die Moral von der Geschicht‘ – so einfach ist die nicht. Dafür hatte der Dichter Eugen Roth ein sicheres Gespür. „Ein Mensch betrachtete einst näher / die Fabel von dem Pharisäer, / der Gott gedankt voll Heuchelei / dafür, dass er kein Zöllner sei. / Gottlob! rief er in eitlem Sinn, / dass ich kein Pharisäer bin!“ Merken WIR es? Schon ist es passiert. So leicht kann man in die Falle tappen. Eh man sich versieht, sind die Rollen vertauscht. Wer mit dem Finger auf Heuchler zeigt, wird schnell selbst zu einem.
Glauben wir dem Pharisäer mal, dass er wirklich fromm ist. Das ist zweifelsohne gut und das gefällt Gott. Auch dagegen, dass der Pharisäer das stolz von sich sagt, ist nichts einzuwenden. Aber der Pharisäer sagt noch etwas anderes: „Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die anderen Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner“. Das allerdings klingt nicht gut in Gottes Ohren.
Um sich selbst mit noch mehr Ruhm zu bekleiden, stellt er den anderen bloß; um sich selbst groß zu machen, macht er den anderen klein. Und eh er sich versieht, macht er damit seine Frömmigkeit kaputt und all seine Heiligkeit wird zum eitlen Schein. Denn das Verhalten des Pharisäers ist nicht nur unfein – man muss denen, die am Boden liegen, nicht auch noch einen Tritt verpassen -, das ist nicht nur eitle Lästerei, selbstgerecht, herablassend, hochmütig oder ein wenig elitär – nein, was der Pharisäer tut, das ist viel schlimmer, der Stachel sitzt viel tiefer. Es ist die alte Sünde, das alte Spiel: Sein zu wollen wie Gott, sich selbst zu erheben, sich selbst gerecht zu sprechen und über andere den Stab zu brechen. Der Pharisäer überlässt das Urteil nicht Gott – weder das über sich noch das über andere.
Er weist auf sich hin, als der „Bescheidene“ der beiden Sünder. Aber auch mit Demut und Bescheidenheit kann ich auf mich hinweisen, mich gut fühlen; besser als andere. Sogar mit großer Selbstkritik und Sündenerkenntnis kann ich mich vor mir selbst, vor anderen und vor Gott als jemand selbst darstellen, der besser ist. Wilhelm Busch schrieb schon im 19. Jahrhundert: „Die Selbstkritik hat viel für sich. Gesetzt den Fall, ich tadle mich, so hab’ ich erstens den Gewinn, dass ich so hübsch bescheiden bin; Zum zweiten denken sich die Leut, der Mann ist lauter Redlichkeit; auch schnapp’ ich drittens diesen Bissen vorweg den andern Kritiküssen; Und viertens hoff’ ich außerdem auf Widerspruch, der mir genehm. So kommt es denn zuletzt heraus, dass ich ein ganz famoses Haus.“
Der Unterschied in unserem Text ist: Der Pharisäer, hat seinen Blick auf sich gerichtet und sagt zu Gott: schau mal, wie ich bin. Er sucht und findet sein Selbstwertgefühl, seine Gerechtigkeit aus der Analyse seiner eigenen Persönlichkeit. Was er bei sich selbst findet, benutzt er als Handelsware gegenüber Gott. Er weiß sicher auch, dass er sündigt, aber dagegen setzt er, was er Gutes bei sich findet, zum Beispiel seine guten Taten, sein Bemühen, seine Bescheidenheit, seine Sündenerkenntnis. Und so kommt er zu dem Ergebnis: Gott muss mit mir zufrieden sein. Das gibt ihm Sicherheit.
Der Zöllner hätte auch mit seiner Bescheidenheit und Selbstkritik auf sich hinweisen können, aber er sucht gar nicht bei sich, sondern bei Gott. Er bietet Gott keine Handelsware an, er weiß, dass er Gott nichts bieten kann; nicht, weil er ein besonders schlechter Mensch wäre, sondern weil er weiß, dass Gott zu groß und heilig ist, als das wir mit ihm handeln könnten. Aber er hofft auf Gottes Liebe und Barmherzigkeit. Da sucht er Sicherheit und Gerechtigkeit.
Wer Gott so gegenübertritt, der sieht ihn als seinen Vater, der ihn um seiner selbst willen liebt, ihn barmherzig ansieht; der sich freut und traurig ist, je nachdem wie jemand sein Leben verbringt.
Die Frage ist: Wie treten wir Gott gegenüber: indem wir auf uns sehen, was wir sind und erreicht haben? Oder vertrauen wir Gott, dass er uns barmherzig und liebend ansieht? Gibt es uns Sicherheit?
Wenn ich auf mich selbst schaue, dann muss ich ständig mit der Angst leben, dass Gott irgendetwas an mir findet, dass so schlimm für ihn ist, dass er mich ablehnt. Es gibt doch so viel Erbärmliches in unserem Leben, wo wir ganz genau wissen, dass wir damit vor Gott nicht bestehen können. Wie wollen wir getrost leben oder auch auf das Sterben zugehen, wenn wir auf uns schauen! Gewissheit im Glauben – im Leben und im Sterben – gibt es nur, wenn wir auf Christus schauen und seiner Zusage vertrauen. Das, worauf wir schauen, ist unsere Kraftquelle.
Wenn wir auf uns schauen, geht es uns gut, solange wir Erfolg haben und alles gut läuft. Manchmal reicht schon eine negative Erfahrung, um uns alle Kraft zu rauben, die wir durch gute Erfahrungen angesammelt hatten.
Wenn es um unser Selbstwertgefühl geht, dann wird es leicht zerstört durch negative Erfahrungen. Wenn plötzlich Angst und Sorge vor der Zukunft hochkommt und uns lähmt, dann will Jesus sie mir abnehmen und mich davon befreien, so dass ich mit neuem Mut ins Leben gehen kann.
Jesus ist das lebendige Wasser, die ständig sprudelnde Kraftquelle für unser Leben.
Der Unterschied zwischen Christen und Nicht-Christen ist nicht, dass Gott den Christen die Probleme abnimmt, es ihnen immer gut geht oder sie besser sind als andere, sondern dass sie sich geliebt wissen und eine Kraftquelle haben: die Kraft des Heiligen Geistes.
Wie bekomme ich nun die Gewissheit, dass Gott mich liebt und mich barmherzig ansieht?
Wenn ich auf mein Leben schaue, gibt es Situationen zum Jubeln, um Gott zu danken und ein Gefühl, dass Gott mir ganz nahe ist. Und wenn ich in Zeiten komme, die zum Klagen und Verzweifeln sind, dann entsteht ein Gefühl, dass Gott fern von mir ist, ich ihn nicht spüren und nicht verstehen. Im Blick auf mich selbst kann keine Gewissheit der Liebe und Barmherzigkeit Gottes entstehen.
Ich muss auf Christus schauen!
Was er für mich getan hat, das ist die feste Grundlage für diese Gewissheit des Glaubens. Aus Liebe hat er alles hingegeben: die Gemeinschaft mit Gott, seine Familie, seine Freunde, sein Leben.
Woanders finde ich das nicht:
In der Natur kann ich zur Ruhe kommen, Gottes Werke bewundern, aber nicht seine Liebe zu mir entdecken. In Religionen und Philosophien kann ich große Gedanken finden, ethische Weisungen, aber die feste Zusage, dass seine Liebe mir gilt, finde ich nur bei Christus.
Wenn wir so vertrauen können, dann können wir mit all unseren Erbärmlichkeiten im Leben vor Gott treten und wissen: Ich werde geliebt. Er sieht mich mit Liebe und Barmherzigkeit an. Er ist bei mir, steht zu mir. Darauf kann ich mich verlassen, egal wie ich bin und was ich erlebe.
Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und unser Beginnen in Christo Jesu. Amen.
